Ausstellung Mythos Worpswede: Bild der Woche

Märchenmond, um 1900, Öl auf Pappe, Worpsweder Kunststiftung F. Netzel

Foto: Worpsweder Kunststiftung F. Netzel

Kronberg (kb) – Für Kunstinteressierte bringt das Museum Kronberger Malerkolonie einen von der künstlerischen Leiterin, Dr. Ingrid Ehrhardt, konzipierten Rundgang durch die Ausstellung Mythos Worpswede im Wochentakt zu unseren Leserinnen und Leser nach Hause. Mit dem heutigen Bild der Woche richtet sich der Blick erneut auf die Künstlerinnen der Worpsweder Künstlerkolonie. Das für Ottilie Reylaender (Wesselburen 1882–1965 Berlin) typische Hochformat zeigt eine nächtliche Waldszene bei Vollmond. In blockhaften Formen und mit pastosem Farbauftrag modelliert Reylaender zwei verschränkte Rückenfiguren, eine Frau und ein Mädchen vor einem Wald stehend. In ihrer Sichtlinie geben die Baumkronen den Blick auf den am Horizont gelb leuchtenden Vollmond frei. Losgelöst von Kontur und Form setzt die Künstlerin die Farbe flächig, effektiv und wirkungsvoll ein. Die weißlichen Elemente, die Haare der beiden Figuren sowie der krumme Baum zu ihrer Rechten, erzeugen die Illusion der Mondlichtreflexion.

Im Vordergrund der nächtlichen Szene stehen die Mystik und das Befremdliche. Ähnlich wie bei Reylaenders Porträts, die seit 1898 ihre Wirkungszeit in Worpswede dominieren, versucht die Künstlerin Stimmungen einzufangen. Die formale Ausführung der geometrisch aufgebauten, ungeschönten Kompositionen weisen Parallelen zu gleichzeitig entstehenden Landschaftsmalereien ihrer engen Freundin Paula Becker-Modersohn auf. Beide Schülerinnen übten bei ihrem Lehrer Fritz Mackensen oftmals vor denselben Motiven in der Natur. Mit der Zeit löste sich Reylaender zunehmend von der die Natur überhöhenden Bildauffassung ihres Lehrers und gelangte zu einem Stil, bei dem nicht die Darstellung der perspektivisch und anatomisch korrekten Formen im Vordergrund steht. Ihre Tendenz zu blockhaft, geometrisch verschränkten Figuren und Formen erinnert in formaler Hinsicht an Paul Gauguin, der flächige Pinselstrich an Paul Cézanne. Vorbilder, deren Werke Reylaender spätestens während ihres Aufenthaltes in Paris gesehen hatte. 1910 erfüllte Ottilie Reylaender ihren Traum, nach Mexiko zu gehen, wo sie 17 Jahre verbrachte. Das Museum Kronberger Malerkolonie vermisst nach wie vor seine Besucher und bietet auch einen digitalen Rundgang durch die Ausstellung unter https://www.mythosworpswede.com/ an.



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