Kronberger Geschichtssplitter: Hoher Besuch vor 125 Jahren in Kronberg

King Edward VII. (Herr mit Helm mit weißem Federschmuck am rechten Bildrand), zu sehen vor der Johanniskirche anlässlich des Trauergottesdienstes für seine Schwester Kaiserin Friedrich Foto: privat

Kronberg (war) – Vor 125 Jahren stand Kronberg wieder einmal im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, denn mit dem britischen König Edward VII. kam hoher Besuch in die Burgstadt. Der Grund war die schlechte gesundheitliche Konstitution von Edwards Schwester Victoria Kaiserin Friedrich, die ab 1894 ihren Witwensitz auf Schloss Friedrichshof in Kronberg genommen hatte, nachdem ihr Mann, Kaiser Friedrich III., im Jahr 1888 verstorben und ihr ältester Sohn als Kaiser Wilhelm II. seinem Vater auf dem Thron gefolgt war. Es wurde damals wohl schon im britischen Königshaus wie innerhalb der kaiserlichen Hohenzollernfamilie in Berlin vermutet, dass Victoria nicht mehr allzu lange wegen ihres inzwischen weit fortgeschrittenen Brustkrebsleidens leben würde, wenn auch bislang das wahre Ausmaß ihrer Erkrankung für die Öffentlichkeit bewusst geschönt dargestellt wurde.

Das britische Königshaus trauerte mit vielen Bewohnern der Insel zu dieser Zeit ohnehin schon, weil Kaiserin Friedrichs Mutter – Queen Victoria – am 22. Januar 1901 nach 63 Regierungsjahren 81-jährig auf der Isle of Wight in Osborne-House nach kurzer Erkrankung verstorben war. Der Queen auf den Thron folgte ihr ältester Sohn, der damals 59-jährige Edward, als König, der jedoch aus unterschiedlichen Gründen erst ein Jahr später – am 9. August 1902 – in Westminster Abbey als Edward VII. zum König gekrönt wurde.

Hannah Pakula hält in ihrer Biographie „Victoria“ über Kaiserin Friedrich fest, dass diese, als sie vom Tod ihrer geliebten, Mutter erfahren hatte, ihrer Tochter Sophie schrieb: „Ach, meine geliebte Mama! Ist sie wirklich von uns gegangen? Von uns allen, denen sie ein solcher Trost und eine solche Stütze war. Sie verloren zu haben, scheint ganz unmöglich – und ich, weit entfernt, konnte ihr liebes Gesicht nicht mehr sehen und ihre liebe Hand nicht mehr küssen.“

Am 25. Februar 1901 traf Edward in Kronberg ein, um hier bis zum 2. März zu bleiben. Beide Geschwister pflegten stets eine gute Beziehung zueinander und Edward kannte den Vordertaunus bereits seit den frühen 1880er Jahren durch seine häufigen Kuraufenthalte in Bad Homburg recht gut. Hier machte er einen vor Ort schon länger hergestellten Hut, der ihm auf Anhieb gut gefiel, zu seiner bevorzugten Kopfbedeckung, die als „Homburg“ weltberühmt wurde. Laut Pakula hatte Edward seinen Neffen Kaiser Wilhelm II. darum gebeten, ihm keinen offiziellen Empfang in Frankfurt zu bereiten, wenn er dort mit dem Zug einträfe, um von dort nach Kronberg umzusteigen. Edward war schließlich in rein privater Mission nach Deutschland gekommen. So hätte sich auch eine Reihe protokollarischer Pflichten, die ein Staatsbesuch stets mit sich brachte, vermeiden lassen.

Doch Wilhelm ließ es sich nicht nehmen, den neuen König der Briten mit soldatischen Ehren im Frankfurter Hauptbahnhof zu begrüßen. Eigentlich wollte Wilhelm seinen engen Verwandten im Schloss in Bad Homburg, das der Hohenzollernfamilie als bevorzugte Sommerresidenz diente, einquartieren. Dafür hatte er extra die Räume dort heizen lassen. Doch Edward lehnte dieses Angebot ab, da der Besuch ausschließlich seiner schwer kranken Schwester galt. Auch in Kronberg war der hohe Besuch längst bekannt geworden. Dort brachte Wilhelm Edward laut Pakula mit einem Pferdeschlitten vom Kronberger Bahnhof nach Schloss Friedrichshof. Begleitet wurde Edward von seinem Leibarzt Francis Lanking, der Kaiserin Friedrich wegen ihrer starken Schmerzen höhere Dosen des analgetisch wirksamen Morphiums verabreichte, als die deutschen Ärzte es bislang verordnet hatten. Diese Maßnahme kam auf deutscher Seite nicht sehr gut an, da sie als Kritik an den Maßnahmen der hiesigen Mediziner gesehen wurde.

Zudem war Edwards Privatsekretär, Fredrik Ponsonby, Patenkind der Kaiserin, mit angereist. Diesem ließ die Kaiserwitwe heimlich einen Großteil ihrer sehr umfangreichen Privatkorrespondenz übergeben, die sie zeitlebens mit ihrer gerade verstorbenen Mutter, Queen Victoria, geführt hatte. So wollte sie verhindern, dass die teils mit recht intimem Inhalt versehenen Schriftstücke nach ihrem Tod direkt in die Hände ihres eigenen Sohnes fielen, denn dieser kam in der Privatkorrespondenz zwischen den beiden Monarchinnen oft nicht sehr gut weg. So sah die Mutter den allzu forschen Regierungsstil ihres Sohnes durchweg recht kritisch und befürchtete letztlich einen militärischen Konflikt zwischen der damaligen Großmacht Großbritannien und dem auch auf militärischem Sektor rasch aufstrebenden deutschen Kaiserreich als fast schon unausweichlich voraus. Der erste Weltkrieg ließ ihre Prophezeiung – leider – posthum Wirklichkeit werden. Gemäß Pakula instruierte die Schwerkranke Ponsonby mit folgenden Worten: „Ich möchte, dass Sie sich meiner Briefe annehmen. Ich werde sie Ihnen heute Nacht um ein Uhr schicken lassen. Ich will nicht, dass eine Menschenseele weiß, dass sie weggebracht worden sind, und in keinem Fall darf Willy [so lautete Kaiser Wilhelms Spitzname innerhalb der Familie] sie bekommen, und darf nie erfahren, dass Sie diese haben.“ Der Coup gelang und so kamen die Schriftstücke, obwohl sie in zwei sehr großen Kisten verpackt waren, unbemerkt nach London.

Der Inhalt der Kisten war als Bücher und zerbrechliches Porzellan für Ponsonbys Privatgebrauch an dessen Heimatadresse deklariert, so dass die voluminöse Fracht unkontrolliert aus Kronberg und durch den deutschen Zoll nach London spediert wurde. Gemäß Pakula ließ wenig später Kaiser Wilhelm in London nachfragen, ob sich die Korrespondenz seiner Mutter im königlichen Archiv in Windsor-Castle befände, denn er wusste, dass seine Mutter mit seiner Großmutter eifrig korrespondiert hatte und wunderte sich nun zu Recht, kaum entsprechende Briefe in Kronberg finden zu können.

Doch die Anfrage fiel negativ aus und war nicht einmal gelogen, weil die Briefsammlung sich zu dieser Zeit noch immer in Ponsonbys Händen befand. Dieser veröffentlichte einen Teil der Schriftstücke fast drei Jahrzehnte später, im Jahr 1928, unter dem Titel: „Letters of the Empress Frederick“, die im Folgejahr als „Briefe der Kaiserin Friedrich“ in deutscher Sprache erschienen. Mit seinem Buch wollte Ponsonby eine Reihe negativer Behauptungen über die Kaiserwitwe richtigstellen, die nach deren Tod seiner Meinung nach immer wieder zu Unrecht Verbreitung fanden.

Kaiserin Friedrich verstarb am 5. August 1901 in Kronberg, gerade einmal 60 Jahre alt, und wurde in der Friedenskirche zu Potsdam neben ihrem 1888 verstorbenen Mann begraben. Vor der Überführung dorthin wurde ihr Leichnam in der Johanniskirche in Kronberg aufgebahrt. Bei der dortigen Trauerfeier war Bruder Edward erneut anwesend.

Anlässlich des 125. Todestags von Kaiserin Friedrichs am 5. August diesen Jahres wird am Sonntag, 2. August, zu einer Lesung aus ihren Briefen mit musikalischer Begleitung im Wappensaal von Burg Kronberg, welche die Kaiserwitwe ab 1892 bis zu ihrem Tod aufwändig restaurieren ließ, eingeladen.



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