Melancholie und Mystik im künstlerischen Blick – Nora Duus stellt voller Temperament im „Trashland“ aus

„Dream“ ist eines der ausgestellten Werke.

Kronberg (mg) – Der Begriff „Charakter“ definiert sich je nach philosophischer Großwetterlage verschieden und bildet Schnittmengen mit der modernen Psychologie. In der antiken Naturphilosophie, die versucht, die Natur in ihrer Gesamtheit aufzufassen, beschreibt Charakter unter anderem das Temperament des Menschen, respektive offenkundige Verhaltensgewohnheiten des Individuums. Phänotypen des Emotionalen werden gesucht, gefunden und eingeordnet. In der Kunst ist Temperament eine Notwendigkeit, gleichwohl keinesfalls sofort augenfällig und oftmals hintergründig symbolträchtig. Betrachtet man Nora Duus’ Werke, vermutet man womöglich eine eher introvertierte Persönlichkeit. Melancholie, Düsternis und Vergänglichkeit auf der einen, Beobachtendes und atmosphärisch zurückhaltend Sinnliches auf der anderen Seite begegnen dem Betrachtenden. Im gestalterischen Schlepptau dringt Mystisches und Fantasievolles hindurch. „Im Alltag bin ich an sich ein gesprächiger, offener und freudvoller Mensch, das Melancholische und Düstere findet in meiner Kunst statt“, postuliert die Frankfurter Malerin. Die angeschlossene Frage des Redakteurs, ob sich in ihren Werken folglich ein Stück weit ihr Unbewusstes Platz schafft und bemerkbar macht, bejaht Duus. Von ihrem Vater bekam sie als Kind einen Anhänger mit dem blauen Nazar-Auge geschenkt, das einem in weiten Teilen Zentralasiens im Alltäglichen begegnet. Aus meist blau gefärbtem Glas besitzt das häufig in Amulettform getragene Symbol eine Art Schutzfunktion für den Träger oder die Trägerin. „Menschen, die beschützen, sind ein häufiges Thema in meinen Bildern“, formuliert es Nora Duus. Augen und im natürlichen Kontext Blicke sind einer der Schwerpunkte, die man bei den rund 40 Exponaten, die aktuell in Tula Trashs Kunstlabor „Trashland“ ausgestellt und zu bewundern sind. In vielen Werken ist Nora Duus’ virtuose Detailliebe zu entdecken, teilweise sind es kleine Zugaben, die fast ein wenig im Kunstwerk versteckt scheinen, die dem Bild eine inhaltliche Wende geben. Grundsätzlich sind Höhen und Tiefen des Lebens festgehalten, ab und an auch mit einem Augenzwinkern. So spiegelt sich auch das Thema „Veränderungen“ in ihrer Malerei am Beispiel Meer wider, das untrennbar mit den Gezeiten Ebbe und Flut verwoben ist. Nun sind Wandel und Ambivalenz nichts Untypisches für den Menschen, erst recht nicht für den Kunstschaffenden. Und dennoch sind unbewusste Teile der Persönlichkeit häufig die emotional klareren, die nach Freiheit streben. Musik-Bands wie Dead Can Dance, Joy Divison, Bauhaus und Agnes Obel klingen bei Nora Duus aus den privaten Lautsprechern. Die Musikrichtungen Dark-Wave und Post-Punk passen unumwunden zu ihren Malereien. Musik ist eine weitere große Leidenschaft der Frankfurterin. Mitte der 1990er Jahre kam sie mit der Londoner Musikszene in Berührung, kreierte Logos für Projekte befreundeter Musiker. Bis heute entwirft Nora Duus, deren zweites künstlerisches Moment flankierend die Fotografie ist, regelmäßig Artwork für Plattencover.

Ein weiterer verarbeiteter inhaltlicher Aspekt der Künstlerin ist der ausgeprägte Wunsch nach Innehalten und Ruhe. Der permanenten Reizüberflutung in aktuellen Zeiten setzen die Aquarelle, Acrylmalereien und Linoldrucke geschickt, bewusst und facettenreich einen Kontrapunkt. Das, was „neuhochdeutsch“ heutzutage „content management“ beschreibt, sucht bisweilen ein Ventil, gleichzeitig auch eine Art Unterschlupf. Duus knüpft an dieser Stelle gekonnt des Öfteren an die Tradition des Surrealismus an.

Im Anschluss an die Vernissage am ersten Mai-Wochenende erlebte man eine Neuerung in Tula Trashs Kunstlabor in der Kronberger Altstadt. Es fand dort das erste „Bilder-Gespräch“ in der Adlerstraße Nummer 12 statt. Die Kunstwissenschaftlerin und Grafikerin Angelika Grünberg unterhielt sich mit Nora Duus über zwei ausgewählte Bilder: „When will I see you again?“ und „Dream“ waren die beiden Titel, die vor Publikum besprochen und diskutiert wurden. So entstand nach der individuellen Betrachtung ein weiterer intensiver Zugang zu den Werken.

Duus‘ Arbeiten waren bisher in Gruppenausstellungen im Haunted House of Gallus, dem Kunstverein Familie Montez und dem Frankfurter Künstlerclub zu sehen. Die Ausstellung „Wolken, Wälder, Wunderwesen“ im Trashland-Kunstlabor Kronberg ist ihre erste Einzelausstellung. Noch bis zum 21. Juni ist es Interessierten möglich, sich ein eigenes Bild zu machen und bei Interesse die Kunststücke auch zu erwerben. Mittwochs, donnerstags und freitags zwischen 17 und 19.30 Uhr ist eine Erkundung des gesamten Kunstlabors bei freiem Eintritt möglich. Zusätzlich besteht die Offerte, einen kunstvollen Termin nach telefonischer Vereinbarung unter 0176 44414465 wahrzunehmen. Übrigens: Am Sonntag, den 26. Mai, findet ergänzend im Trashland zwischen 15 und 18 Uhr erneut ein Künstler-Gespräch mit Nora Duus statt. Wie immer sind Gäste und Interessierte mehr als willkommen.

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