Norbert Nachtweih besucht Leistungskurse Geschichte als Zeitzeuge

Gebannt hörten die drei Leistungskurse den Erzählungen von Norbert Nachtweih zu.

Kronberg (nel) – Die drei Geschichts-Leistungskurse der Stufen E1, Q1 und Q3 der Altkönigschule Kronberg hatten in der vergangenen Woche die Gelegenheit, Norbert Nachtweih, den ehemaligen Profifußballspieler von Eintracht Frankfurt sowie FC Bayern München, kennenzulernen. Nachtweih stattete der Schule einen Besuch ab, um als Zeitzeuge zu berichten, denn seine Fluchtgeschichte aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) bewegte die Fußballwelt 1976 und in den darauffolgenden Jahren stark.

Auch schrieb Nachtweih eine Biografie zu der Thematik; das Buch „Zwischen zwei Welten – Meine Deutsch-Deutsche Fußballgeschichte“, erschien 2024. Die Verbindung zu ihm konnte die AKS über einen Schüler des Leistungskurses herstellen, woraufhin der Besuch organisiert wurde. Zuvor hatten einige der Schüler bereits Ausschnitte der Dokumentation über Nachtweih im Unterricht gesehen und zudem kleine Ausschnitte aus seiner Biografie behandelt. So startete Nachtweih mit Einblicken in seinen Alltag, seine Gedanken und Gefühle und die Erlebnisse seines Lebens. Am Ende des Besuchs floss der Dank des gesamten Lehr- und Lernkollektivs an das Förderforum der AKS.

Leben und Flucht

Norbert Nachtweih wurde 1957 geboren und wuchs in Polleben auf, wo er eine behütete Kindheit verbrachte, mit der er schöne Erinnerungen an das Landleben verbindet. Bereits als Kind begann er mit dem Fußball, wechselte in die Nachwuchsabteilung des Spitzenklubs Hallescher FC Chemie, zu dem er 1971 delegiert wurde. Dort schaffte er es Mitte der 70er Jahre in die erste Mannschaft, wurde Junioren-Nationalspieler der DDR und lebte bis zu seiner Flucht als hoffnungsvolles Fußballtalent in der Region Halle. Er erzählte, dass er stets jedoch die ARD Sportschau und die Bundesliga verfolgte. „Das war einfach immer die beste Liga“, erinnerte er sich.

Als er 1976 bei einem Qualifikationsspiel zur U-21-Europameisterschaft gegen die Türkei im Einsatz war, kamen er und sein Mannschaftskamerad Jürgen Pahl mit einem amerikanischen Reiseleiter ins Gespräch – ein Schritt, der streng untersagt war, da jeder Kontakt zu Ausländern unter der wachsamen Kontrolle der Staatssicherheit stand. „Trotzdem verabredeten wir uns auf seinem Zimmer und schmiedeten einen Plan, wie der nächste Tag also laufen sollte, von Istanbul aus“, erzählte er. „Eigentlich hatte ich nur eine große Klappe, denn umsetzen wollte ich das Ganze dann gar nicht mehr, ich war nämlich sehr eng mit meiner Familie verbunden und mir fiel es dann doch sehr schwer. Durchgezogen habe ich es auch nur, weil Jürgen keinen Rückzieher gemacht hat, alleine hätte ich es nicht gemacht.“ Und so ging es zur amerikanischen Vertretung, anschließend in das deutsche Konsulat und schließlich mit dem Flieger nach München, in den Westen Deutschlands.

Die Wohnungssuche als DDR-Flüchtling beschrieb Nachtweih als schwer, zunächst ging es in ein Notaufnahmelager in Gießen, das er mit vielen gequält und gefoltert aussehenden Menschen schrecklich empfand. Zum Guten wendete sich alles, als er nach einem Probetraining bei Eintracht Frankfurt einen Vorvertrag erhielt. „Das war der erste Schritt zur Karriere“, schmunzelte er.

Erinnerungen an diese Zeit

Auf die Frage der Schülerinnen und Schüler, ob er nach seiner Flucht mehr Erleichterung oder mehr Trauer gespürt habe, antwortete Nachtweih offen: Beides sei da gewesen – Erleichterung über die geglückte Flucht, aber auch große Trauer und Ungewissheit wegen der zurückgelassenen Familie. Die Mutter erfuhr nur über einen Nachbarn von der Flucht, während er selbst in der Bundesrepublik versuchte, ein neues Leben zu beginnen. Die Trennung prägte die ersten Jahre im Westen stark, zumal jeder Kontakt in die DDR streng überwacht wurde: Briefe wurden geöffnet, kontrolliert und teilweise zensiert, Telefonate konnten nur angemeldet geführt werden. Nachtweih erzählte lachend, wie er Gespräche mit „Erstmal schönen Gruß an Erich Honecker“ begann, weil ohnehin alle abgehört wurden, gleichzeitig betonte diese Anekdote aber die allgegenwärtige Kontrolle in seinem Leben.

Er schilderte, dass die Staatssicherheit auch in der Bundesrepublik ein Netz aufgebaut und man im Nachhinein das Gefühl hatte, niemandem wirklich trauen zu können. 1980, vier Jahre nach der Flucht, sah er seine Familie wieder, bei einem Europapokalspiel mit Eintracht Frankfurt. In der DDR, so beschreibt es Nachtweih, sei vieles grau gewesen, während der Westen ihm so bunt vorkam. Wenn er heute durch manche Dörfer im Osten fahre, habe er fast das Gefühl, dort sei der Mauerfall lange nicht angekommen.

Gleichzeitig berichtete er aber auch, dass er sich im Osten grundsätzlich wohlgefühlt habe und sich heute immer noch freue, dorthin zurückzukehren – dort zu leben könne er sich aber nicht mehr vorstellen. Er erzählte, wie die DDR alles in den Sport investierte, um international Anerkennung zu bekommen; fast jede Sportart wurde gefördert, nur Tennis galt als Sport der Privilegierten. Ohne den Fußball, sagte er, hätte er wohl nie über eine Flucht nachgedacht.

Dank des Fußballs erlebte er nach seiner Ankunft im Westen einen Kulturschock im positiven Sinne: Westfernsehen, bunte Werbung für Jeans und deutlich mehr Freiheiten und Reisemöglichkeiten.

In seinem Heimatort wechselte sein Bild mit der Zeit vom „Flüchtling“ oder „Verräter“ zu eben „dem bekannten Fußballer, der aus der DDR geflohen ist“ mit großem Ansehen. Bei der Frage der Schülerinnen und Schüler, ob er Eintracht oder Bayern mehr möge, konnte er sich sichtbar nicht klar festlegen. Mit Teamkollegen habe er fast nur gute Erfahrungen gemacht, keine Starallüren erlebt und das Gefühl, im Westen als „Ossi“ abgestempelt worden zu sein, habe er so nie gehabt.

Auch über die Schattenseiten ging er offen hinweg: Überwachung und Beschattung der Stasi bis zum Wechsel zum FC Bayern, kritische Presseberichte, bei denen er heute eher lachen kann, und das dauernde Gefühl der Beobachtung im Hintergrund. Er hätte nicht leben können, wenn er sich permanent aktiv mit dieser Kontrolle beschäftigt hätte.

Heute spielt er Walking Football – „machen halt Rentner“, wie er lachend sagte – und blickt insgesamt mit großer Dankbarkeit darauf zurück, wie alles gelaufen ist. Die Flucht bereut er nicht, auch wenn sie kaum durchdacht war – stattdessen führt er seinen Weg auf ein großes Glück zurück.

Während seines Besuchs in der Altkönigschule erzählte er all diese Erlebnisse sehr realitätsnah und persönlich, ging ausführlich auf die Fragen der Schülerinnen und Schüler ein und machte so Geschichte für sie unmittelbar greifbar. Die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte der AKS zeigten sich sehr interessiert, stellten unzählige Fragen und konnten viel aus dem Gespräch mitnehmen.

Nachtweih erzählte sehr offen und ausführlich von seinen Erlebnissen.

Fotos: El Manshi

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