Schülerinnen und Schüler helfen einander im Notfall – AKS-Schulsanitätsdienst beeindruckt mit Koordination und Kompetenz

Am Beispiel einer Infektionskrankheit lernten die Schülerinnen und Schüler die Tücken des Umgangs mit einer solchen Erkrankung.

Fotos: Göllner

Kronberg (mg) – Was wird heutzutage nicht allenthalben über die „Jugend von heute“ missgünstig formuliert? Häufig heißt es, sie sei nicht „überlebensfähig“, wisse nur noch mit einem wo auch immer vorzufindenden Display umzugehen, vorzugsweise das des eigenen Smartphones. Die Jugendlichen könnten noch nicht einmal mehr eine Tomate schneiden oder einen Apfel schälen, seien „unzuverlässig und nicht belastbar“. In vielen Fällen wollten die Heranwachsenden und jungen Erwachsenen wesentlich mehr „Life“ als „Work“ in der dazugehörigen „Balance“ – wenn Arbeit überhaupt in Frage käme. Alles sei ihnen „zu viel“, ihre Frustrationstoleranz tendiere gen null und ohnehin gebe es mit ihnen „keine Zukunft“, wenn das so weiterginge. Dass dies wie schon zu Zeiten anderer Generationen, in denen „die gesamte Jugend“ angeblich „nichts taugte“, ein mehr als undifferenziertes Meinungsbild darstellt, ist an sich kaum erwähnenswert, da auf der Hand der Realität liegend. Gleichwohl schadet es nicht, diesen Vorurteilen etwas Faktisches entgegenzuhalten. Dass Jugendliche ihre Freizeit im Ehrenamt im Dienst der Gesellschaft oder ihre Schulpausen im Sanitätsraum der Altkönigschule verbringen, um dort auf möglicherweise Hilfe suchende Mitschülerinnen und Mitschüler zu warten, hält dagegen. Dass sie teilweise parallel zum Schulbetrieb zahlreiche Fortbildungen wahrnehmen und stets auf Abruf hilfsbereit sind, führt die oben genannten Vorurteile ein weiteres Stück ins Absurde. Der Umstand, dass einige von ihnen von der siebten bis zur dreizehnten Schulklasse den Schulsanitätsdienst der Altkönigschule – zwar mit Unterstützung, gleichzeitig meistens selbstständig – gestalten, weiterentwickeln und persönlich für Nachwuchsarbeit sorgen, gibt den Pauschalvorurteilen einer „unfähigen Jugend“ den letzten Rest und zur selben Zeit Stoß in die ewigen Jagdgründe kruder und apodiktischer Stimmungsmache.

Schulsanitätsdienst der AKS

Ende April fand samstags in Oberhöchstadt auf dem Areal des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) einmal mehr eine Fortbildung im Rahmen des Schulsanitätsdiensts der Kronberger Altkönigschule (AKS) statt. Entstanden war diese Institution der rund 1.500 Schülerinnen und Schüler umfassenden kooperativen Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe bereits vor einer Dekade. Der Lehrgang verlief auch dieses Mal mit unterschiedlichen theoretischen und praktischen Themen. Beginn war um 9 Uhr morgens und Schluss nach reichlich Wissensvermittlung, praktischen Übungen und Diskussionen zur Optimierung von Rettungsabläufen in den Nachmittagsstunden. Um die jungen Helferinnen und Helfer fit für ihre Aufgaben und zukünftigen Herausforderungen zu machen, finden das gesamte Kalenderjahr über regelmäßige Ausbildungsveranstaltungen zu bestimmten Fachthemen des Sanitätsdienstes an sich statt. Die Mitglieder des Schulsanitätsdienstes treffen hierbei unter anderem auf täuschend echt gestaltete „Unfallopfer“, auf an konstruierten Infektionskrankeiten wie Masern oder Windpocken leidende Mitschüler und grundsätzlich auf mögliche Situationen, die ihnen in ihrem Engagement im Schulsanitätsdienst begegnen können.

Übung „Infektionskrankheit“

Eine der Jugendlichen sitzt an diesem Wochenende im Gebäude des DRK „Am Kirchberg 1“ auf einem Stuhl, in ihrem Gesicht sind zahlreiche rote Flecken zu sehen. Sie wirkt etwas abwesend und erschöpft. Um sie herum stehen drei Mitschülerinnen, die ihr behutsam Fragen stellen: Gibt es im Moment einen Krankheitsfall in deiner Familie? Wie lange geht es dir schon schlecht? Welche Symptome hast du noch zusätzlich? Hattest du „das“ schon einmal? Der zuvor erlernte Fragenkatalog wird nun einen ganzen Moment detektivisch und anschaulich an einer erkrankten Mimin vor den anderen jungen Menschen des AKS-Schulsanitätsdiensts abgearbeitet.

Masern sind zwar eine Kinderkrankheit, der Umgang mit ihnen jedoch keineswegs ein Kinderspiel, denn die Viruserkrankung ist eine Infektionskrankheit, bei deren Feststellung zahlreiche Maßnahmen vorgenommen und an dieser Stelle von den Mitgliedern des Schulsanitätsdiensts in die Wege geleitet werden müssen. Bei Masern gelten die Regelungen des Infektionsschutzgesetzes. Kinder und Erwachsene, bei denen diese Erkrankung festgestellt wurde beziehungsweise der Verdacht darauf besteht, dürfen Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen oder Kindergärten vorübergehend nicht besuchen oder dort tätig sein. Zudem sind Masern beim Kreisgesundheitsamt meldepflichtig.

„Hallo Team, wie habt ihr euch gefühlt?“, ruft DRK-Mann Kebbekus in die Schülerrunde und leitet damit die ebenso lehrreiche Diskussion nach der praktischen Übung ein. Nun wird von den Schülern selbst kommentiert, gefragt und ergänzt. Das ist Teil des Optimierungsprozesses. Wo steht man selbst, was können andere, was können sie noch nicht? Die Jugendlichen und jungen Erwachsen lassen ein ernsthaftes und reifes Entwicklungsmoment erkennen. Ihnen ist deutlich bewusst, wie viel von ihrem Verhalten in etwaigen Notsituationen abhängt. Man registriert deutlich das vorweggenommenen überdurchschnittlich große Verantwortungsmoment, das diese Menschen zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr bereits in sich tragen, und zwar augenscheinlich souverän und selbstbewusst. Kommunikation steht weiter im Vordergrund. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterhalten sich noch weiter angeregt über das, was gerade geschehen ist, an der einen oder anderen Stelle durchaus kritisch miteinander. Was lief womöglich noch nicht ganz so gut und was wurde bereits sehr gut umgesetzt waren weitere Punkte, die innerhalb der rund 25 Schulsanitäter formuliert wurden. „Keiner macht alles richtig, aber machen ist wichtig“, motiviert Joachim Kebbekus die Teilnehmer der Fortbildung und nimmt ihnen an dieser Stelle pädagogisch zugewandt ein Stück weit das an der einen oder anderen Stelle existente Hadern mit sich selbst ab. Zufrieden, gleichzeitig auch nachdenklich begeben sich die Teilnehmer des Fortbildungskurses im Anschluss auf den Hof im Außenbereich, wo die nächste Praxisübung auf der Agenda steht. Die Teams werden übrigens an einem solchen Übungstag gelost, denn das spiegelt den tatsächlichen Rettungsdienst wider. Auch dort müssen Menschen miteinander arbeiten und zurechtkommen, die sich nicht automatisch via Sympathie und privatem Umfeld kennenlernen und miteinander agieren.

Übung „Verkehrsunfall“

Beim zweiten Praxisfall, der vorbereitet und mit Schauspielern aus der Schülerschaft samt Lehrkraft als „Autofahrerin“ in einer authentischen Szene bereits vorbereitet auf die nachrückenden „Schulsanis“ wartet, handelt es sich um einen Verkehrsunfall. Eine Autofahrerin fuhr einen Schüler auf einem Fahrrad an, der nun verletzt am Boden liegt. Wie bei der ersten Übung, jedoch mit wesentlich mehr „Personalaufwand“, fangen die Schüler an, sich rasch, gleichzeitig konzentriert dem Unfallgeschehen zu widmen. Sauerstoffsättigung und Blutdruck werden umgehend gemessen, isolierende Schutzfolie ausgepackt und um den „Verletzen“ gewickelt. Das „Unfallopfer“ wird angesprochen und bekommt einen Kopfverband, da dieser Teil des Körpers anscheinend via Schminke und „Filmblut“ in Mitleidenschaft gezogen wurde. Auch die Autofahrerin, die apathisch wirkend auf dem Boden sitzt, wird unter die „Sanitäter-Lupe“ genommen. Bei ihr handelt es sich um Katharina Klotz, Leiterin des Schulsanitätsdienstes und Lehrerin für Biologie und Chemie an der Altkönigschule. Sie investiert ebenso wie die Schüler ihren freien Samstag und nimmt sowohl aktiv als auch „passiv-aktiv“ an sämtlichen Übungen teil.

Das Thema „Gaffer“ an Unfallstellen kommt ebenfalls auf das Tablett der praktischen Übung. Zwei Schülerinnen verkörpern gekonnt mimenhaft „schaulustiges“ Publikum, das alles besser weiß, sich einmischt und somit ein Stück weit die Arbeiten der Sanitäter in Frage stellt und womöglich behindert. Beherzt und vehement tritt ihnen nach einer gewissen Zeit eine Schulsanitäterin entgegen, setzt verbal konsequent und wiederholend Grenzen und verweist die „Unruhestifter“ in ihre Schranken, so dass die Arbeiten der Rettungskräfte weiter ohne Reibereien vorgenommen werden können.

Auch nach dieser Einheit in der Praxis findet die sogenannte Lagebesprechung statt. Es wird seitens der Schülerschaft selbst angesprochen, dass es an der einen oder anderen Stelle etwas chaotisch ablief, dass Handlungsabläufe nicht ordnungsgemäß getätigt wurden und auch das eine oder andere vergessen wurde, wie beispielsweise das Abtasten des Bauches, denn ein „harter Bauch“ ist ein konkretes Warnzeichen. Diese Information kann dann umgehend dem zeitnah eintreffenden Notarzt kommuniziert werden, so dass keine wertvolle und möglicherweise lebensrettende Zeit verstreichen muss. „Das, was ihr gerade erlebt habt und nun gemeinsam analysiert und anmerkt, das ist die Realität“, beschreibt es in Folge Joachim Kebbekus. Das „Chaos“ vor Ort an einer Unfallstelle sei nicht unüblich, erklärt das Mitglied des DRK-Ortsverbands Kronberg. Nicht immer seien „eingespielte Teams“ miteinander unterwegs und dementsprechend eingeübt. Andere Faktoren kämen unvorhergesehen dazu, die nicht zwangsläufig zuvor bedacht wurden oder bedacht werden konnten. Das Leben eben, bei dem der „Teufel doch häufig einmal im Detail“ steckt. Noch eine ganze Weile diskutieren die Schüler mit- und untereinander, bis die wohlverdiente und nun auch notwendige Mittagspause mit Pizza nach vier Stunden konzentrierter Arbeit eingeleitet wird.

Entstehung

Der Schulsanitätsdienst der Altkönigschule entstand nach einem Projekt während der Projektwoche im Jahr 2015. „Intention war und ist es, den teils noch sehr jungen Schülern bewusst zu machen, dass der Schulsanitätsdienst ein Teil der Rettungskette ist, sie selbst häufig das Bindeglied zum Rettungsdienst sind und durch Wissen und kompetentes Auftreten den Schülerinnen und Schülern nach beispielsweise einem Unfall Sicherheit und Unterstützung zu liefern“, postuliert DRK-Ausbilder Joachim Kebbekus. „Schüler werden ermutigt, Hilfe zu leisten. Dafür erlangen sie bei den Schulungen Kompetenzen und Fertigkeiten. Im Anschluss übernehmen sie fast automatisch Verantwortung in Notsituationen, auch durch die kontinuierlichen Dienste, die sie leisten“, ergänzt er. Aber nicht nur die Schulsanitäter, sondern auch die Lehrkräfte der Altkönigschule werden im Rahmen der berufsgenossenschaftlichen Vorgaben durch das gleiche Ausbilderteam im Auftrag des DRK-Hochtaunus geschult. Dass das Ganze eine Erfolgsstory seit nunmehr zehn Jahren ist, kann man auch daran erkennen, dass die „Schulsanis“ bereits den Jugendpreis der Stadt Kronberg erhielten. Neben dem „Alltagsgeschäft“ unterstützen die Schulsanitäter die Schulgemeinschaft vor allem bei Veranstaltungen wie den Bundesjugendspielen sowie den jeweiligen Einschulungszeremonien. Ihre Arbeit ist zudem an einem Stand während des Tags der offenen Tür zu entdecken.

Digitale Applikation (App)

Dass die Schülerschaft den Schulsanitätsdienst „lebt“, kann man auch daran erkennen, dass aus ihrer Mitte der Vorschlag kam, den Sanitätsdienst an ihrer Schule in punkto Kommunikationsmöglichkeiten ein Stück weit mehr in die Zukunft zu führen. Vor einiger Zeit schlugen die Schüler selbst vor, die Strukturen des Schulsanitätsdienstes über eine digitale Applikation (App) zusammenzufassen und so einiges im Umgang mit konkreten Notfällen zu erleichtern. Die App findet man nun auf jedem mobilen Telefon der Mitglieder des Dienstes. Es gibt die Möglichkeit, sie persönlich abzustellen, denn auch ein „Sani“ braucht mal Pause und Urlaub, gleichzeitig erleichtert sie auch dem Schulsekretariat die gezielte Kommunikation. Es muss nicht mehr einzeln angerufen werden; im Falle eines Notfall erscheint die Meldung auf allen digitalen Endgeräten der Schulsanitäter, die dann wiederum direkt kommunizieren können, ob sie auf dem Weg sind und sein können oder nicht.

Brandschutz als Synergiemoment

Nach der Fortbildung für den Schulsanitätsdienst haben die freiwilligen Jugendlichen und jungen Erwachsenen am späteren Nachmittag noch die Möglichkeit, durch Thomas Volkmer von der Freiwilligen Feuerwehr Oberhöchstadt eine Unterweisung als Brandschutzhelfer in Anspruch zu nehmen. Themen sind unter anderen die Organisation der Feuerwehr an sich und Informationen zum vorbeugenden und abwehrenden Brandschutz. Im Praxisteil, bei dem die Schulsanitäter mit Feuerlöschern üben dürfen, wird der Diplom-Ingenieur von vier weiteren Feuerwehrleuten unter der Leitung von Marcel Lengen unterstützt, die den Brandsimulator bedienen. Der Gebrauch eines Feuerlöschers und das Erlebnis, tatsächlich mit dem Feuerlöscher gegen eine brennende Flamme vorzugehen, ist eine nicht zu unterschätzende Erfahrung. Da es sich um eine offizielle Unterweisung handelt, gibt es am Schluss für die Teilnehmenden auch eine Teilnahmebescheinigung.

„Wir beobachten über die Zeit, wie junge Schülerinnen und Schüler unsicher zum Team dazu stoßen und ein paar Jahre später selbstbewusst Dienste und Einsätze leiten“, beschreibt es zufrieden Kebbekus am Ende der Fortbildung. Von den Schulsanitätern, die die Schule in den letzten Jahren verlassen haben, finden auch einige nach der schulischen Ausbildung den Weg in den Beruf „Rettungsdienst“. Abschließend sei noch erwähnt, dass die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern ein weiteres Beispiel für die umfangreichen Aktivitäten des Deutschen Roten Kreuzes, in diesem Fall des Ortsverbands Kronberg, der in den Kreisverband Hochtaunus integriert ist, darstellen. Nicht nur die „Manpower“ für Fortbildung an sich, sondern auch Ausrüstung für den Schulsanitätsdienst, wie beispielsweise die Notfallrucksäcke samt Inhalt, Poloshirts und Fleecejacken, stellt der Ortsverband zur Verfügung.

Weitere Artikelbilder



X