Kronberg (eh) –Vor zwölf Monaten hatten sich Experten der Vereinten Nationen im Casals Forum Kronberg versammelt. Sie kamen von allen Kontinenten, um Bürgermeistern wie Bürgern wissenschaftliche Indikatoren zur Messung der Fortschritte an die Hand zu geben, wie weit eine Stadt bei der Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele seit 2015 gekommen ist. In zwei Wochen werden beim World Urban Forum in Kairo erste Vorschläge diskutiert. Vor zwölf Monaten waren auch die Schüler der Altkönigschule mit dabei, die sich seit 2023 in der AG SDGs unter aktiver Gestaltung von Eva Heil mit konkreten Umsetzungsoptionen für Jung und Alt beschäftigen – der Kronberger Bote hat immer wieder berichtet.
Die Sustainable Development Goals (SDGs)sollen das Leben für alle Menschen auf der Welt verbessern. Es soll keine Armut mehr geben und die Menschen sollen in Frieden und gesund leben können. Außerdem sollen Kinder und Jugendliche zur Schule gehen und lernen können.
Aus diesen Ideen ist nun mit dem SDG Erasmus Café Kronberg ein Angebot durch die Schülerinnen und Schüler entstanden, das – dank aktiver Mitarbeit von Bürgermeister Christoph König und seinem Team sowie aktiven Einwohnern – kommende Woche Mittwoch in der Stadthalle Kronberg seinen offiziellen Start findet: Der Einladung der Abiturienten folgen Schülerinnen und Schüler aller Schulen aus dem Hochtaunuskreis genauso wie Firmenvertreter, die Betreiber von Altersheimen und Vertreter aller anderen in Kronberg und Umgebung ansässigen Institutionen, denn: Die SDGs sind für alle. Die Initiative geht von Schülern und Schülerinnen der SDG-AG der Altkönigschule aus und das Café widmet sich Themen zu SDG3 – „hochwertige Bildung“, SDG12 – „Nachhaltiger Konsum“ und SDG13 – „Klimaschutz“.
Am Mittwoch, 30. Oktober, wird um 18 Uhr das erste SDG-Café unter dem Motto „Von der Tasse zur Tat“ eröffnet. Bei der Eröffnungsveranstaltung in der Stadthalle Kronberg, zu der alle Interessierten eingeladen sind, werden nach einer Begrüßung durch Bürgermeister Christoph König und einer Keynote-Speech von Organisator Roland Schatz die Schülerinnen und Schüler der SDG-AG der Altkönigschule erzählen, wie alles begann und was geplant ist, um das SDG-Café in Kronberg zu einem Treffpunkt für kreative Köpfe zu machen, die zukunftsweisende Projekte entwickeln und beschleunigen. Auch werden drei nachhaltige Leuchtturmprojekte aus Kronberg vorgestellt und es gibt eine Diskussion mit Raum für Fragen.
Der Kronberger Bote hat mit Roland Schatz vor der Veranstaltung anlässlich der Vorstellung des Freiheits-Index 2024 bei der FAZ gesprochen, zu dem auch Schüler und Schülerinnen der AKS zwei Kapitel geschrieben haben. Als langjähriger Senior Advisor des UN Generaldirektors und Gründer der UNGSII Stiftung (sie erhielt von der UN das Mandat, die 17 Nachhaltigkeitsziele mit ihren 169 Targets wissenschaftlich zu begleiten) hatte er vor einem Jahr das Hearing für UN Habitat konzipiert und umgesetzt.
Kronberger Bote:
Was waren die Gründe, am 7.11.2023 ausgerechnet im Casals Forum das erste von drei Hearings der UN Habitat Experten durchzuführen?
Roland Schatz: Als wir im Juni 2023 von der Vollversammlung in Nairobi das Mandat zur Entwicklung einer Städte-Zertifizierung erhielten, waren die Orte für das zweite und dritte Hearing gesetzt: Dubai im Dezember – wegen der Klimakonferenz – sowie Davos im Januar mit dem gleichzeitig stattfindenden World Economic Forum. Also suchte ich nach einem Ort, der aus sich heraus dem holistischen Anspruch der SDGs gerecht wird. Wo, wenn nicht im Casals Forum, sollte ich die Chance haben, die Professoren, UN-Experten und Vertreter der Städte zu motivieren, ausgetretene Pfade zu verlassen?
Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass die Tatsache, dass Sie selber die Altkönigschule absolviert haben, nichts mit der Ortsauswahl zu tun hatte?
Nun, ich bin ja kein waschechter Kronberger, sondern Bielefelder. Erst mit 13 sind wir aus Ostwestfalen hier an den Taunus gezogen. Und wer mich kennt, weiß, dass ich jedem – früher oder später – etwas vom Geist eines Herman des Cheruskers zur Nachahmung empfehle… Insbesondere im Moloch UN. Aber Spaß beiseite: Wer hat denn als erster seine Werke mit „SDG“ unterzeichnet? Das war zwar kein gebürtiger Kronberger, aber jeder, der bei Christoph Neumann im Schulchor „Jesu meine Freude“ von Johann Sebastian Bach zelebrieren durfte, weiß, dass ohne Musik vieles zu nichts wird, aber mit Musik alles besser gelingen kann. Zu Bachs Zeiten stand SDG noch für Solo Deo Gloria, also zur Ehre Gottes geschaffen. Als dann am 25. September 2015 bei der UN-Vollversammlung in New York alle 193 Regierungschefs feierlich sich gegenseitig bestätigten, dass diese 17 Sustainable Development Goals in ihrem jeweiligen Land bis zum 31.12.2030 Realität werden sollen, da war natürlich klar, dass dies nicht gelingen wird, wenn nicht alle Menschen in den jeweiligen Ländern einbezogen werden. Mit ihren vielfältigen kulturellen, religiösen etc. Begabungen und Erfahrungen. Und was lächelt Ihnen entgegen, wenn Sie die Kronberg Akademie betreten? Die Signatur Bachs. Was hatte Casals nicht nur für sich, sondern für alle Nachwuchsmusiker als Ziel der Musik definiert? Der Gesellschaft zu dienen.
Und wie wurde dies von den UN Habitat Offiziellen aufgenommen?
Über die ersten E-Mails schweigt die Höflichkeit des Chronisten. Aber ich berichte Ihnen gerne von der überschwänglichen Begeisterung hinterher abends im Schlosshotel: Wir hatten als Schwerpunkt SDG3, also „Gesundheit und Well-Being“, gewählt und dafür dann ein Drittel des Programms für reines Zuhören und Beobachten vorgesehen: Die jungen Studenten der Kronberg Akademie vollbrachten ihre Leistung in einer Art und Weise, die selten geworden ist: das gegenseitige Zuhören, das Ausleben der Dissonanzen zugunsten des großen Ganzen. Diese Perfektion von Studienanfängern begeisterte alle Teilnehmer und führte zu einer Selbstreflexion und Bescheidenheit, ohne die die Umsetzung der SDGs nie gelingen wird.
Und wann sprang dann der Funke auf die AKS und Kronberg über?
Am gleichen Abend. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich im Schlosshotel an dem vermeintlichen Katzentisch zusammengefunden und erfuhren dann, dass es solche nicht gibt. Weder im Schlosshotel noch im realen Leben. Sie wurden von allen Experten an ihre Tische gebeten und in den Austausch eingebunden. Gleichzeitig erkannten die vermeintlich Alten, welche zusätzlichen Perspektiven durch die Jungen mit eingebracht wurden. Das begeisterte insbesondere den Co-Geschäftsführer des TUM-Campus in Heilbronn derartig, dass die Jugendlichen aus Dubai, die ebenfalls aus den Emiraten nach Kronberg gekommen waren, zum zweiten Hearing eingeladen wurden. Zeitgleich hatte die AG SDG unter Führung von Eva Heil an der Altkönigschule die Erlebnisse vom Hearing auch als Auftrag und Mandat empfunden, von nun an nicht mehr nur im Rahmen des Lehrplans und für Noten zu denken und zu handeln, sondern die Umsetzung an der eigenen Schule und in Kronberg sowie dem Hochtaunuskreis mitzudenken. Was dort entstand war so gut, dass sie eine Einladung zum SDG Lab nach Davos erhielten. Dort hatte Daniel Gottschald eine ganze Delegation aus Heilbronn mitgebracht und aus den befruchtendem Austausch in den Alpen entstand dann, was alle auf https://www.ungsii.org/youth sich anschauen können.
Aber in der Regel erreichen die Dinge, die in den luftigen Höhen von Davos vereinbart werden, selten die Niederungen der Täler.
Das ist mehr als zutreffend. Aber wenn die Chemie stimmt und wir uns auf die Beharrlichkeit der Jungen einlassen, dann gelingen gelegentlich auch Ausnahmen von der Regel. Und so, wie ich die Verantwortlichen an der AKS nun erleben darf, hat mich das besonders erfreut – da ich es Anfang der 80er im letzten Jahrtausend hier und da noch anders erlebt hatte. Hinzu kommen die offenen Arme, die wir alle auf Seiten von Christoph König, Jochen Schmitt-Laux und allen anderen in der Stadtverwaltung Tätigen in den letzten Monaten erleben konnten. Das ist wirklich selten – und glauben Sie mir, ich durfte nicht nur 100 oder 200 Städte und ihre Verantwortlichen seit dem Start der SDGs im Jahr 2015 erleben. Deshalb freue ich mich so sehr auf den kommenden Mittwochabend: Dort werden wir zum ersten Mal für alle spürbar das Konzept eines jeden SDG Cafés in die Tat umsetzen dürfen. Das Motto lautet: Wenn die Kronberger nur wüssten, was die Kronbergerinnen alles tun, wäre Kronberg nicht nur liebens-, sondern auch lebenswerter. Oder in den Worten der Schüler: Von der Tasse zur Tat.
Und was bietet das SDG Erasmus Café nun konkret für uns?
Seit Monaten können sich Schüler, die sich dem Druck von Klausuren und anderen Situation im Schulalltag nicht gewachsen fühlen, von Luisa Neuberger und ihrem SDG3 Team bei MeCare betreuen lassen.
Und wo findet das statt?
Bislang in der AKS – aber in Zukunft dann im SDG Erasmus Café. Und am 29. November kommt mit Dr. Thomas Weber von Weitblick aus Österreich ein super Experte genau zu diesem Thema nach Kronberg, um nicht nur Luisa und ihr Team zu unterstützen. Per Vortrag, aber auch in Einzelgesprächen.
Diese Vorträge finden dann immer einmal im Monat freitags abends statt, korrekt?
Ja genau. Darum kümmern sich zwei weitere Schüler aus dem SDG Erasmus Café, dass regelmäßig die Besten der Besten weltweit nach Kronberg kommen und über ihre Leuchtturmprojekte informieren. Gleichzeitig werden aber auch immer zwei Experten aus Kronberg darüber informieren, was sie zu dem jeweiligen SDG schon hier und heute in Kronberg leisten. Was wird es noch geben? Natalia Pavlov arbeitet an Lösungen im Bereich SDG4, wie nicht nur Kinder in der Schule durch Noten und Lehrergespräche Feedback erhalten, sondern endlich auch mal die Lehrer. Das ist natürlich immer auch ein wenig tricky – aber im 21. Jahrhundert sollten wir doch imstande sein, an Schulen echte 360 Grad Feedback-Systeme lebendig werden zu lassen. Ich hätte mir das zumindest damals in den 80ern gewünscht…
Gibt es auch etwas für die vielen Betriebe hier in Kronberg?
Auf jeden Fall – im Sommer kamen von der AG SDG Schülerinnen zu einem Workshop nach Wien, um sich in die Zertifizierungs-Methoden einweisen zu lassen, wie der SDG-Footprint von Firmen, aber auch Altersheimen und anderen Institutionen sichtbar gemacht werden kann. Den sogenannten SDG Commitment Report präsentieren wir jährlich für die 500 größten börsennotierten Unternehmen im Rahmen des SDG Labs in Davos. Warum nicht eine Version für Start-ups und Mittelständler konzipieren? Prof. Lohmüller von der Steinbeis Universität Tübingen hat hierzu dem SDG Erasmus Café schon Vorschläge für den Mittelstand unterbreitet. Und für alle lässt sich daraus dann eine jährliche Preisverleihung vorstellen, verbunden mit einem Buch: SDG Leuchttürme Kronberg. Sie sehen: Das Menü ist bereitet.
