Zusammenspiel: Wenn Erfahrung die schönste Lehrmeisterin ist

Unter dem Dirigenten Celiu Celibidache wurde Christian Tetzlaff zum Weltstar. Foto: Glückert

Kronberg (nl) – Am Freitag beginnt in Kronberg das Chamber Music Festival der Kronberg Academy. Zehn Tage, in denen Kammermusik entsteht, statt nur zu erklingen.

Haydn hat das Stück eigentlich für die Karfreitagsliturgie in Cádiz geschrieben. Neun Sätze, einer für jedes letzte Wort Christi am Kreuz, langsam, meditativ, ohne Ausweg nach oben. Schostakowitsch schrieb sein Achtes Streichquartett 1960 in drei Tagen, nach einem Besuch im zerbombten Dresden, und widmete es dem Gedenken an die Opfer von Faschismus und Krieg. Zwei Werke, zwei Jahrhunderte, eine Frage: Wie klingt Ausharren? Gidon Kremer, der diese Gegenüberstellung für das Konzert „Passion” am Montag, 11. Mai, ausgewählt und durch selbst gewählte Texte ergänzt hat, weiß, dass manche Fragen keine Antwort brauchen, sondern nur den richtigen Raum.

Diesen Raum schafft das Chamber Music Festival der Kronberg Academy, das am Freitag, 8. Mai, in Kronberg beginnt und bis Sonntag, 17. Mai, dauert. Seit seiner Gründung im Jahr 2000 arbeiten hier Seniors von internationalem Rang mit ausgewählten Nachwuchsmusikern zusammen. In diesem Jahr sind es sechs: Gidon Kremer, Christian Tetzlaff, Antje Weithaas, Steven Isserlis, Gary Hoffman und Richard Goode, gemeinsam mit 36 Juniors aus 16 Nationen. Kein Lehrformat, das diesen Namen verdient, funktioniert als Einbahnstraße, und das Festival weiß das. Jeder Junior spielt mit mindestens zwei Seniors, in echten Ensembles, in echten Proben, vor echtem Publikum. Die Hierarchie, die man aus dem Konzertsaal kennt, ob Solist oder Orchester, ob Meister oder Schüler, gilt hier nicht.

Die Proben sind öffentlich. Täglich, von 9.30 bis 18.30 Uhr, im Casals Forum, in der Stadthalle Kronberg und in der Galerie Opper. Das ist keine Geste der Transparenz, sondern eine inhaltliche Entscheidung: Der künstlerische Prozess gehört dazu, nicht nur sein Ergebnis. Wer schon einmal erlebt hat, wie in einer solchen Probe um eine einzige Phrasierung gerungen wird, nicht didaktisch, sondern weil alle Beteiligten eine andere Meinung haben, der versteht, warum Kammermusik als Kunstform so besonders ist. Sie lässt sich nicht delegieren.

Die Programmauswahl folgt einer Logik, die man erst beim zweiten Hinsehen erkennt. Es ist immer Musik, die aus einer sehr konkreten menschlichen Situation heraus entstand, nicht als abstraktes Formexperiment, sondern als Reaktion auf etwas Erlebtes. Beethoven schrieb sein Streichquartett op. 132 nach schwerer Krankheit und nannte einen Satz ausdrücklich den Dankgesang eines Genesenden. Borodin, Chemiker von Beruf und Komponist aus einer Art hartnäckiger innerer Notwendigkeit, schrieb sein zweites Streichquartett in D-Dur 1881 als privates Liebesgeschenk an seine Frau, ohne Auftrag, ohne Anspruch auf Nachwirkung, aus reiner Zuneigung. Beide Werke haben diese Qualität des Unverstellten, des direkt Gemeinten. Genau darin liegt das verbindende Prinzip des Festivals: Kammermusik als die unmittelbarste Form, in der Menschen musikalisch miteinander sprechen können, und deshalb auch als Lernraum, der weit über das Handwerkliche hinausreicht.

Christian Tetzlaff, der seit 2012 regelmäßig in Kronberg unterrichtet, steht für diese Haltung mit besonderer Konsequenz. Seine Herangehensweise an ein Werk ist die eines Menschen, der sich ernsthaft fragt, was der Komponist gemeint haben könnte, bevor er sich fragt, wie er selbst klingen will. Kritiker beschreiben es als das Paradox seiner Spielweise: Er versucht zu verschwinden und ist dabei unverwechselbar. Im Abschlusskonzert am 17. Mai spielt er mit Gary Hoffman und Steven Isserlis Mozarts Streichquintett KV 593 und Schumanns Klavierquintett, zwei Werke, in denen das Gleichgewicht der Stimmen alles ist. Für die jungen Musiker, die in den Proben davor mit ihm gearbeitet haben, wird das Konzert die Summe einer Erfahrung sein, die sich kaum reproduzieren lässt: dass Meisterschaft keine Eigenschaft ist, die man irgendwann erreicht, sondern eine Frage, die man immer neu stellt.

Am 15. Mai verspricht „Glühende Saiten” eine andere Dimension: Tschaikowskys Serenade für Streicher, gespielt von 35 Musikern, Seniors und Juniors gemeinsam auf einer Bühne. Tschaikowski schrieb das Werk 1880 ohne Auftrag, aus reiner kompositorischer Freude, und man hört es. Es ist Musik, die nicht grübelt. In dieser Besetzung, mit dieser Mischung aus Generationen und Herkunftsländern, dürfte das eine physisch erfahrbare Angelegenheit werden.

Ebenfalls am 15. Mai findet das Podiumsgespräch „Jede Stimme zählt” statt. Prof. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, und Friedemann Eichhorn, Künstlerischer Leiter der Academy, sprechen darüber, was Kammermusik als gesellschaftliches Modell sichtbar machen kann: dass gleichberechtigtes Gehörtwerden keine Selbstverständlichkeit ist, dass Freiheit und gemeinsame Regeln einander nicht ausschließen, dass Zuhören eine Fertigkeit ist, die man üben muss. Die Juniors Anna Im, Benjamin Kruithof und Avery Gagliano liefern als Klaviertrio die musikalischen Argumente. Das Festival ist in diesem Jahr Teil der World Design Capital Frankfurt Rhein-Main 2026, und dieser Abend macht deutlich, mit welchem Recht.

Tickets zum Festival gibt es zwischen 35 und 55 Euro. Weitere Informationen und den Kartenkauf finden Interessierte im Internet unter kronbergacademy.de.



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