Oberursel. Als die ersten Töne von „We Shall Overcome“ im Hof der Hospitalkirche erklingen, wird es still in der Strackgasse. Nur wenige Meter entfernt steht das Opferdenkmal, geschmückt mit Blumen, eingerahmt von den alten Mauern der Hospitalkirche. Ein Ort des Erinnerns mitten in Oberursel – und an diesem Abend mehr denn je auch ein Ort der Mahnung.
81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich Bürger, Vertreter der Stadt, Mitglieder verschiedener Parteien sowie Initiativen und Ehrenamtliche versammelt, um gemeinsam an den Dienstag, 8. Mai 1945, zu erinnern – an das Ende von Krieg und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Europa. Vertreter von CDU, SPD, Grünen, OBG und Linken nehmen ebenso an der Gedenkveranstaltung teil wie zahlreiche interessierte Bürger.
Die Vorsitzende der Initiative Opferdenkmal, Annette Andernacht, findet eindringliche Worte. Erinnerung dürfe niemals selbstverständlich werden, sagt sie. Gerade in einer Zeit, in der Kriege wieder näher rückten, demokratische Werte unter Druck gerieten und gesellschaftliche Spannungen zunähmen, brauche es Orte und Momente wie diesen. Der Freitag, 8. Mai, sei nicht nur ein historisches Datum, sondern Auftrag und Verantwortung zugleich.
Während Jutta Steinmetz mit ihrer Gitarre Friedenslieder anstimmt, schauen viele Besucher schweigend auf das Denkmal. Manche summen leise mit. „Shalom“, „Der erste Friede“ und „We Shall Overcome“ verleihen dem Abend eine besondere Atmosphäre zwischen Trauer, Hoffnung und Versöhnung. Steinmetz organisiert inzwischen auch private Wohnzimmer-Treffen, bei denen Menschen gemeinsam Friedenslieder singen – kleine Begegnungen gegen das Vergessen und gegen Sprachlosigkeit in bewegten Zeiten.
Für den Magistrat spricht der Erste Stadtrat Jens Uhlig, der Bürgermeisterin Antje Runge während ihres Urlaubs vertritt. In seiner Rede erinnert er an die berühmte Ansprache des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der den Mittwoch, 8. Mai 1985, als „Tag der Befreiung“ bezeichnete – Worte, die damals kontrovers diskutiert wurden und heute zu den bedeutendsten Reden der deutschen Erinnerungskultur zählen.
Uhlig schlägt den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Nationalismus, Krieg und gesellschaftliche Polarisierung seien wieder sichtbarer geworden. Der Krieg in der Ukraine, Konflikte weltweit und zunehmende Spannungen zwischen Staaten zeigten, wie zerbrechlich Frieden bleibe. Besonders persönlich wird seine Rede, als er von seinem Einsatz als junger Bundeswehrsoldat in Somalia Anfang der neunziger Jahre berichtet. Dort habe er erlebt, welches Leid Krieg und Vertreibung verursachten und wie lange Konflikte Menschen und Gesellschaften prägen könnten.
„Erinnerung muss Orientierung geben“, betont Uhlig. Gerade junge Menschen müssten verstehen, wohin Ausgrenzung, Menschenverachtung und Intoleranz führen könnten. Deshalb gelte sein Dank all jenen, die sich in Oberursel seit Jahren für die Erinnerungskultur engagierten.
Dazu gehört auch Angelika Rieber, die sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Aufarbeitung jüdischer Geschichte im Hochtaunus und in Frankfurt beschäftigt. Die Historikerin und langjährige Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hochtaunus gehört zu den prägenden Stimmen regionaler Erinnerungsarbeit und begleitet zahlreiche Projekte gegen das Vergessen. Auch am Opferdenkmal kam sie mit vielen Gästen ins Gespräch – über Erinnerung, Verantwortung und darüber, warum diese Themen heute aktueller denn je sind.
Die Initiative Opferdenkmal engagiert sich seit Jahren dafür, die Namen und Geschichten lokaler NS-Opfer sichtbar zu machen – unter anderem durch das Mahnmal an der Hospitalkirche sowie durch Stolpersteine im Stadtgebiet. Gemeinsam mit der Feldbergschule, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hochtaunus und der Stadt Oberursel wurden bereits 18 Stolpersteine verlegt. Jährlich kommen zudem am Freitag, 8. Mai, sowie am Holocaust-Gedenktag im Januar Menschen in Oberursel zusammen, um gemeinsam innezuhalten und der Opfer zu gedenken.
Zugleich verwies Jens Uhlig auf ein weiteres wichtiges Erinnerungsprojekt: Am Donnerstag, 3. September, wird in Oberstedten die erste Stolperschwelle verlegt – gemeinsam mit dem Künstler Gunter Demnig, dem Initiator der europaweiten Stolpersteine. Anders als einzelne Stolpersteine erinnert sie an größere Gruppen von Opfern des Nationalsozialismus und schafft mehr Raum für Informationen und historische Einordnung. Für die Umsetzung werden weiterhin Spenden gesammelt. Unterstützt werden kann das Projekt über das Spendenkonto der Taunus Sparkasse, IBAN DE65 5125 0000 0007001592, Stichwort „Stolpersteine“.
Als zum Abschluss Stadtverordnetenvorsteher Lothar Köhler und Jens Uhlig gemeinsam mit zahlreichen Teilnehmern Blumen am Opferdenkmal niederlegten, bleibt es lange still. Keine Musik, keine Reden – nur das leise Rascheln der Blumen im Wind und nachdenkliche Gesichter im Hof der Hospitalkirche. Viele Besucher verweilen noch einige Minuten am Denkmal, sprechen leise miteinander oder bleiben einfach schweigend stehen.
Der Abend machte deutlich, warum Erinnerung auch mehr als acht Jahrzehnte nach Kriegsende unverzichtbar bleibt. Geschichte endet nicht mit Jahreszahlen. Sie lebt weiter – in Orten, in Geschichten und in den Erinnerungen der Menschen.
Wie tief Krieg, Verfolgung und Ausgrenzung ein Leben prägen können, zeigt auch das bewegende Zeitzeugengespräch mit Edith Erb-rich, das in dieser Ausgabe auf Seite 5 veröffentlicht ist.
Niederlegung der Blumen am Opferdenkmal in der Strackgasse.






