Kranzniederlegung mit leuchtenden Kerzen im Schnee am Opferdenkmal am letzten Dienstag des Januars.Foto: Enzmann
Oberursel. Ergreifende Worte und eine Schweigeminute bei der Kranzniederlegung in Gedenken an die Verbrechen der Nationalsozialisten und die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die „Rote Armee“ am 27. Januar 1945.
Anlässlich des 81. Jahrestages der Auschwitz Befreiung fanden sich am Dienstagabend, 27. Januar in andächtiger Runde etwa 50 Zuhörer am Opferdenkmal im Hof der Hospitalkirche in der Strackgasse ein. Viele hatten Kerzen mitgebracht, die sie entzündeten und auf und neben das Denkmal stellten.
Da Bürgermeisterin Antje Runge krankheitsbedingt nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnte, wurde sie vertreten durch Jens Uhlig, erster Stadtrat. Dieser richtete mahnende Worte an die Zuhörenden. Er betonte wie wichtig es sei, das Bewusstsein für die Schrecken der Vergangenheit zu bewahren und künftige Generationen zur Wachsamkeit gegenüber Diskriminierung aufzurufen. Mit klaren Worten sprach Uhlig über aktuelle gewaltsame Auseinandersetzungen in der Ukraine, dem Iran und weiteren Orten und unterstrich, dass Oberursel in Gedanken bei all den Menschen dort sei. Die Hoffnung dürfe allerdings dennoch nicht aufgegeben und die Menschlichkeit und Empathie anderen gegenüber nicht verloren werden. Jeder einzelne müsse entschieden gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit eintreten, damit Werte wie Demokratie und Toleranz geschützt werden könnten. Abschließend appelliert er eindringlich an alle Anwesenden, dieser Gedenktag sei „eine Verpflichtung für uns alle - die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen ist Teil unserer moralischen und politischen Identität“. Oberursel stehe für ein gewaltfreies Miteinander!
In feierlicher Stimmung hörten die Anwesenden dem Stadtrat zu und klatschten zustimmend, nachdem er geschlossen hat. Der Schein der vielen Kerzen trug sein Eigenes zu der ehrwürdigen Atmosphäre bei.
Als nächstes sprach Annette Andernacht von der Initiative Opferdenkmal. Das, was am 27. Januar 1945 für alle sichtbar wurde, dürfe nicht vergessen werden. Es helfe kein Leugnen und kein Abschwächen, die Gräueltaten des Hitler Regimes müssten in ihrer Schrecklichkeit anerkannt werden. Sie thematisierte, dass sie kürzlich in der Zeitung gelesen habe, das Aufmalen von Nazisymbolen sei in Schulen kein Verbrechen. Diese seien kein öffentlicher Raum und dementsprechende Verfahren würden häufig einfach eingestellt. „Wie sollen Schüler lernen, dass es nicht rechtens ist, wenn sie keine Konsequenzen für ihr Verhalten spüren“, fragte Andernacht in die Runde. „Wir wollen uns nicht daran gewöhnen, dass der Nationalsozialismus in Wort und Schrift immer mehr Raum gewinnt“, bekräftigt sie und dass es von großer Wichtigkeit sei, die Erinnerungen der Verbrechen lebendig zu halten. „Bleiben wir also wachsam, nie wieder 1933!“
Als drittes hat Tibi Aledma von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit das Wort. Aldema hebt hervor, dass das Erinnern nichts ungeschehen machen würde, aber die Kraft habe, es nicht wieder geschehen zu lassen. Alle Menschen sollten sich die Frage stellen, in was für einer Welt sie leben und was für eine Welt sie zukünftigen Generationen überlassen wollten. „Die Zukunft wird nicht dem Zufall überlassen, sondern dem Willen.“ Im Anschluss betet Tibi Aldema ein jüdisches Gebet und bittet für das Aufsteigen der Seelen aller Ermordeten. Danach forderte er die Zuhörenden auf, eine kurzen Moment der Stille innezuhalten, in Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden.
Die Idee für das Denkmal, das jetzt im Hof der Hospitalkirche in der Strackgasse steht entstand im Jahr 2004. Ernst Röder, Sohn einer in Auschwitz ermordeten Oberurselerin, äußerte damals den Wunsch einen Ort in Erinnerung an seine Mutter zu haben. Dazu schrieb die Arbeitsgemeinschaft „Nie wieder 1933“, die die Taten der Nationalsozialisten in Oberursel aufarbeiten möchte, 2005 einen Wettbewerb aus. Diesen gewann die damalige Abiturientin Juliane Nikolai. Ihr gezeichneter Entwurf zeigte einen massiven Steinblock, in dem in der Mitte eine Glasscheibe steckt. Auf der linken Seite des Steinblocks stehen Figuren, die die nicht-verfolgten Bürger darstellen sollten. Die Figuren auf der rechten Seite sollten die verfolgten Bürger repräsentieren und daher angstvoll und ungeordnet wirken. Der Steinblock sei die Verbindung, die die Menschen zusammenhielte. Die Glasscheibe stünde für den Nationalsozialismus, der versuche die Verbindung zu durchtrennen, aber es nicht schaffe.
Im Mai 2006 wurde ein Modell des Mahnmals öffentlich vorgestellt, im Dezember 2007 wurde das Denkmal mit dem der Mittelteil und einer ersten Figur feierlich eingeweiht. Die Oberuseler Opfer aus der Anonymität holen, das sei das Ziel des 2008 gegründeten Vereins „Initiative Opferdenkmal“. Der Verein recherchierte und dokumentierte die Geschichte der Opfer und gab diesen damit ein Gesicht. Da der Verein spendenbasiert arbeitet, kamen erst über die Jahre zu dem Denkmal immer mehr Figuren und die Scheibe mit den Namen der Opfer hinzu.
Der Betrachter solle dazu animiert werden um das Denkmal herumzugehen und sich in beide Positionen (Ausgrenzende und Verfolgte) zu versetzen. Das Mahnmal sei eine Erinnerung, dass Bürger, die ihr ganzes Leben lang friedlich in Oberursel gelebt hatten, plötzlich unerwünscht waren und außerdem sollte ein Ort geschaffen werden, an dem Hinterbliebene trauern können.
Mehr Informationen dazu sind zu finden im Internet unter https://www.opferdenkmal-oberursel.org/
Bei der Gedenkveranstaltung am 27. Januar waren überwiegend ältere Gesichter zu sehen. Viele der Anwesenden waren selbst betroffen von der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten. Ein Besucher erzählt, seine Mutter sei damals in die Tötungsanstalt nach Hadamar gebracht und von den Nazis ermordet worden. Ihr Name stehe auf der Scheibe des Denkmals und er sei mit seiner Schwester hier um gemeinsam zu erinnern.
Als Zeichen der Demut und der Kraft des Erinnerns legten Jens Uhlig und Stadtverordnetenvorsteher Lothar Köhler gemeinsam den Kranz zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Denkmal nieder.
Die Gedenkveranstaltung schloss sich durch das spontane, gemeinsame Singen des israelischen Volksliedes „Hevenu Shalom Alechem“, (Wir wollen Frieden für alle).
Anschließend fanden sich einige der Besucher noch zu einem interreligiösen Friedensgebet in der Hospitalkirche ein. Organisiert durch Vertreter des jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens und eingestimmt durch ein Flötenensemble beteten alle gemeinsam für eine friedliches Miteinander der Religionen.
Bewegende Worte anlässlich des GedenktagesFoto: Enzmann
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Das bekannte Opferdenkmal in Oberursel.Foto: sura


