Freier Blick in unvermutete Zauberwelten

Blick in die Ackergasse: Viele Menschen, offene Türen allerorten, fast 100 Höfe und Hinterhöfe, Eingänge und Mini-Vorgärten im Geviert waren in das Gewimmel verwickelt. Foto: Streicher

Von Jürgen Streicher

Oberursel
. Noch nie war er so begehrt wie in diesen seltsamen Tagen. Noch nie hat er so viele Menschen auf die Straßen gezogen und andere zum Öffnen ihrer persönlichen Welten animiert. Kleine oder große Welt, das ist hier nicht die Frage, Privates wird für ein paar Stunden preisgegeben. Der Altstadt-Flohmarkt vereint Menschen beim gemütlichen Schlendern, auch mit Maske.

Im vierten Jahr ist er längst Tradition, der Altstadt-Flohmarkt mit 98 geöffneten Höfen, Mini-Vorgärten oder einfach einem kleinen Stück Straßenpflaster wurde am Samstag absolute Rekordteilnehmerzahl gemeldet.

In der Gasse ohne Namen wird’s richtig eng und schnuckelig. Zwischen historischen Altstadtmauerresten auf holprigem Pflaster, ein bisschen Brauhaus-Bierduft weht herüber, auf der anderen Seite klappert noch die Friseurschere. „Hier war ich ja noch nie“, flüstert eine Dame ihrem Begleiter zu, auf einem dieser Querwege durch die Altstadt, die nur Eingeborene und Insider kennen. Oder Neugierige, Stromer, Wühler, Sucher und Finder. Hier sind sie alle willkommen, an diesem einen Tag im Jahr, an dem sich unvermutete Zauberwelten hinter den sonst meist verschlossenen Toren öffnen, die das private von dem öffentlichen Leben trennen. „Kommen Sie doch näher“, das hört man hier ziemlich oft an diesem schönen sonnigen Spätsommernachmittag.

Wie ein Trichter führt die Gasse ohne Namen Richtung Ackergassen-Passage mit dem Café Sahne. Und offenbart am Einfüllstutzen einen Hinterhofbraumeister, der hier seit der Premiere des Flohmarkts in der Projektwoche „Oberursel im Dialog“ im Spätsommer 2017 „Craftbräu aus Oberursel“ in kleinen Mengen produziert. Gut zu wissen für Freunde eines guten Bieres. An der engsten Stelle steht ein seltsamer Eiffelturm, der auf einen Mitnehmer wartet, riesige zum Kauf angebotene Vasen passen farblich wunderbar zum alten Gemäuer. Hier kann man allenfalls noch zu zweit durchgehen. Mit Maske natürlich, auch durch den wunderlichen Mini-Garten am Trichter-Auslauf. Auf dem Zettel mit der maximalen Personenzahl, die sich zum Feilschen versammeln darf, der an jedem Verkaufsort verpflichtend ist, steht hier keine Zahl. Einzelne Köpfe lugen durch das Gartengrün hinein, kein Platz für längeres Stehenbleiben. Maskenpflicht und Hinweise allerorten auf die Regeln, die einzuhalten sind, trübt die fröhliche Stimmung kaum.

Einmal hinter die Kulissen schauen

Ist halt alles etwas anders, vielleicht sind die Bewohner der Altstadt gerade deswegen noch ein bisschen offener geworden. Das war ja die Idee, um nachbarschaftliches Miteinander sollte es gehen, ein „Wir-Gefühl in der Altstadt“ zu pflegen. „Das ist doch der Sinn, dass mer mal wo reinkommt, wo es sonst nicht üblich ist“, hat es ein „alter Orscheler“ auf den Punkt gebracht.

Auch jene Alteingesessenen können hier noch Überraschungen erleben. In der „Eselsgasse“ unterhalb von St. Ursula etwa. Seit vielen Jahrzehnten lebt Ursula König in Oberursel, beim Altstadt-Flohmarkt findet sie jedes Jahr einen neuen Ort, der ihr bisher verborgen war. „Nur zum Stöbern und Entdecken“ ist sie unterwegs, natürlich geht sie nicht ohne ein „erstes Weihnachtsgeschenk für die Tochter“ nach Hause.

Skurrile Plätze, skurrile Angebote, ein paar Meter weiter oben auf dem Kirchplatz von St. Ursula ist ein knallblauer „Straßenkreuzer“ der Gemeinde mit hochklappbaren Flügeltüren direkt am Rand der breiten Sandsteintreppe vorgefahren. Kaffee im Angebot für die Flaneure, ein Ruheplatz auf diversen Mäuerchen, und dazu gibt’s um drei Uhr mittags noch ein sensationelles Glockengeläut. „Ich bin dabei“ steht als Motto auf den Plakaten, die vor jedem offenen Hof aufgestellt sind. Gefühlt sind diesmal wirklich schon fast alle dabei, die im Altstadt-Geviert rund um St. Ursula und den alten Marktplatz ihren Lebensmittelpunkt haben. Natürlich auch Antje Runge aus der „Eselsgasse“, die seinerzeit den Flohmarktstein ins Rollen brachte und nun an ihrem Stand nicht versteckt, dass sie gerne Bürgermeisterin werden möchte. Privates mischt sich mit Politischem, auch dafür gibt es solche Ereignisse wie den Altstadt-Flohmarkt. Eignet sich vorzüglich zum Politisieren, wenn etwa zwei Uniformierte vorbeischauen und auf die Maskenpflicht verweisen, wenn einer es wagt, zum Fotografieren die Maske fallen zu lassen, und zwei andere sie abnehmen, um einen Burger von der einzigen offiziellen Essensausgabe zu genießen. Und überhaupt, wer wird denn nun neuer Bürgermeister? Auch das lässt sich diskutieren, und wie es weitergeht in „Orschel“ mit der Geschäftswelt und der Gastronomie. „Super organisiert, bestens gelungen“, hört man hier allenthalben zur Performance von Anbietern und Laufkundschaft beim Flohmarkt-Shoppen. So könnte doch auch ein Weihnachtsmarkt laufen, oder?

Anke und Beate aus Oberursel und Rosbach, Flohmarkt-Expertinnen mit jahrzehntelanger Erfahrung und immer noch infiziert, geht es ausschließlich um das „Hier und Jetzt“ und das „Mehr an Vergnügen“ bei der aktuellen Variante. Im Vergleich mit dem Standard-Flohmarkt entlang der Adenauerallee (der ja schon lange Corona-Pause macht) sei es in der Altstadt „schöner, persönlicher und mit mehr Flair“, sagt Beate, „unbedingt“, bekräftigt Freundin Anke. Ordentlich bepackt schon zwei Stunden vor Handelsschluss ziehen sie von dannen. „Bis nächstes Jahr“, rufen sie noch.

Weitere Artikelbilder



X