Die Jazz-Virtuosen Corinna Danzer, Saxophon, Jonas Lohse, Kontrabass, Andreas Neubauer, Schlagzeug, Martin Lejeune, Gitarre, mit Sprecherin Karmen Mikovic widmeten ihr Programm den unvergessenen Frankfurter Legenden des Jazz, die Frankfurt zur Hauptstadt des Jazz machten.Foto:Sura
Oberursel (aks). „Man darf nicht zu bequem sein. Bequem sein hat schon viele Musiker ruiniert“, Miles Davis
Berthold Schinke vom Arbeitskreis „Jazz&More“ des Oberurseler Kulturkreises begrüßte das zahlreich erschienene Publikum zu einer „musikalischen Heimatkundestunde“, als Frankfurt „Jazzhauptstadt“ von den 30er- bis in die 70er-Jahre war, untermalt mit Fotos und Filmen aus dieser Zeit: „Unser Beitrag zum hr2 Kultur-Musikland Hessen“ als Teil der Jazz Initiative Frankfurt, unterstützt von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft anlässlich des Jubiläums 50 Jahre Kulturkreis Oberursel. So betraten vier Jazz-Virtuosen die kleine Bühne und packten mit den ersten Akkorden die Zuschauer. Am Sonntagnachmittag ergriff das Jazz-Fieber rasend schnell das Publikum in der Portstrasse, der beliebten Musikbühne in Oberursel.
Im Halbdunkel entstand eine Nähe zu den Jazz-Musikern, wie man sie in größeren Hallen nicht erleben kann. Mit Corinna Danzer am Saxophon, seit 1991 in Frankfurt, wo sie u. a. mit Emil Mangelsdorff spielte und Trägerin des Hessischen Jazzpreises, Martin Lejeune, freischaffender Gitarrist, Komponist und Arrangeur an der Gitarre, Jonas Lohse am Kontrabass mit stilistischen Schwerpunkten Swing und Modern Jazz und Andreas Neubauer am Schlagzeug, mit Tigerpalast-Erfahrung und Mitglied des Jean-Philippe Bordier Trio/Quartet, der kurzfristig für Thomas Cremer einsprang, begann die Zeitreise zurück in die 30er-Jahre. Karmen Mikovic, Moderatorin des hr2, trug mit schöner dunkler Stimme die Texte von Jonas Lohse und Corinna Danzer mit Witz und teilweise Frankfurter Dialekt vor und sorgte so für Lacher, aber auch für Entsetzen, als sie Himmlers Anordnung vorlas, wie gegen „anglophile Tendenzen brutal durchgegriffen“ werde, auch junge Musiker müssten in Konzentrationslagern zur Raison gebracht werden.
Jugendliebe Jazz
Kein Pardon also für ambitionierte Teenager wie Emil und Albert Mangelsdorff, Carlo Bohländer und Horst Lippmann, die verbotenerweise jedes Wochenende als Harlem Club Combo in der Rokoko-Diele in Frankfurt auftraten und als „Swing-Jugend“ für alles schwärmten, was nicht deutsch war. Mit Swing wollten sie andere Menschen erheitern und beflügeln, doch standen sie in der Nazizeit unter strenger Beobachtung des Gestapo-Manns Heinz Baldauf, der jede jugendliche Experimentierfreude verachtete und dafür sorgte, dass, wer gegen das Verbot der „entarteten Negermusik“ verstieß, hart bestraft wurde. „Draußen fallen Soldaten, die hören Negermusik, das muss aufhören.“ Frech und frei konterten die selbstbewussten jungen Musiker mit langen Haaren und Hornbrille, in langen Mänteln: „Lange Haare Tangoschritt, da kommt die HJ nicht mit.“ Emil Mangelsdorff, der vom Konservatorium träumte, wurde nicht nur zu einem „deutschen Haarschnitt“ gezwungen, Baldauf sorgte auch dafür, dass er mit 18 Jahren an die russische Front geschickt wurde statt zur musikalischen Truppenunterhaltung.
1949 kehrte er aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Carlo Bohländer erreichte seine Ausmusterung, indem er sich auf 50 Kilogramm herunter hungerte. Die lebendigen Texte und die historischen Aufnahmen bewegten die Zuhörer sichtlich, die heraufbeschworenen Dämonen der Nazizeit mit ihrem Hass auf junge Musik und junge Menschen – und nicht nur auf diese – schmerzen. Die Musik von McDonald, Hanley und Duke Ellington aus dieser Zeit strahlt auch nach 90 Jahren ihren unwiderstehlichen Zauber aus, vorgetragen von Jazz-Musikern, die sich sehr intensiv mit der Geschichte des Jazz beschäftigt haben.
Musikalische Zeitgeschichte
Die Hoffnung auf die große Freiheit keimte erst in der Nachkriegszeit auf. Der Swing mit seinen großen Orchestern hatte sich ab 1941 in Bebop verwandelt. Die Amerikaner zweifelten zwar an der Virtuosität der Deutschen – „Germans don‘t play Jazz“ –, doch dann überzeugten die jungen Jazzer sie in den amerikanischen Clubs, für Zigaretten und „ein gutes Essen“, von ihrem Können. In der Ruine des Grand Hotel Royal in Frankfurt fanden die ersten Jam-Sessions von Amerikanern und Deutschen statt. Die amerikanische Rassentrennung, die Ausdruck in der Musik fand, überraschte sie: Country-Musik für die Weißen, Jazz war schwarz.
Dazu live auf der Bühne die Musik von Sonny Rollins von 1956, „Pent-up House“, und Charlie Parker, bei der jedes Solo begeistert beklatscht wird. Im Raum herrscht Hochspannung mit der Kombination aus Musik, Bild und Text, die viele ins Herz trifft. 1951 gründete Carlo Bohländer in Frankfurt das „Domicile du Jazz“, aus dem später der Jazzkeller wurde, in dem so viele Jazz-Legenden vor knapp 100 Zuschauern auftraten. Auch die Pianistin Jutta Hipp wurde dort frenetisch gefeiert; zu ihrem Foto auf der Leinwand spielt das Quartett ihre Komposition „Horacio“ von 1957.
Ein weiterer musikalischer Zeitsprung fand in den 70er-Jahren statt mit Volker Kriegel und elektrischen Gitarren mit psychedelischen Anklängen, die die Zeit der Beatniks einläuten. Studentenrevolten waren in Frankfurt an der Tagesordnung, alles schien in Aufruhr. Horst Lippmann veranstaltete nun mit seiner Konzertagentur renommierte Festivals mit Bands aus Jazz und Rock, und im Jazzkeller war immer häufiger Free Jazz zu hören. Der Frankfurter Avantgarde wurde nun vorgeworfen, sie seien „Lethargie-Heinis und Jazz-Spießer“, mit dem Vorwurf der Weltfremdheit: „Der Jazz ist eine utopische Essenz im Aufbruch und kaschiert damit die Ausbeutung.“ Albert Mangelsdorff nimmt‘s gelassen: „Dass der Jazz tot ist, das hat nie gestimmt.“ Er und sein Bruder Emil haben bis ins hohe Alter Jazz gespielt und die Welt für immer verzaubert – mit Jazz. Auch der Abend im Jugendcafé entzückte mit berühmten und weniger bekannten Jazzkompositionen, die unter die Haut gingen, eingebettet in den historischen und persönlichen Kontext der Frankfurter Jazz-Legenden, deren Musik in den Koryphäen von heute weiterlebt.
Klaus Glatthorn, der Vorsitzende des Kulturkreises Oberursel, bedankte sich bei jedem Einzelnen, die sich unter enthusiastischem Applaus von der Bühne verabschiedeten.
Nächste Veranstaltung: Montag, 25. Mai, „Jazz meets Mühle“ im Hospitalhof Oberursel
