„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“:Wüste Wortgefechte in der Stadthalle Oberursel

Oberursel (iba). Einen guten Stoff erkennt man daran, dass er zeitlos ist: „Rocky“ feiert dieses Jahr 50. Geburtstag und ist immer noch eines der besten Sportdramen, welches das „New Hollywood“ hervorgebracht hat. „Der Fänger im Roggen“ wird heute noch an Schulen unterrichtet und gelesen. Und Edward Albees Stück vom zynischen Geschichts-professor George und seiner dauerbetrunkenen Frau Martha wird seit über 60 Jahren auf allen erdenklichen Theaterbühnen dieser Welt wieder und wieder aufgeführt.

Letzte Woche konnte man das Stück in der Stadthalle Oberursel sehen.

Broadway – Hollywood – Oberursel

Edward Albees Ehekrisen-Nabelschau zählt im Theater zu den meistgespielten amerikanischen Klassikern. 1962 fand die Uraufführung am Broadway statt, 1963 kam das von Pinkas Braun ins Deutsche übersetzte Stück über den großen Teich und wurde erstmals in Berlin aufgeführt, 1966 folgte schließlich die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und ihrem zweimaligen Ehemann Richard Burton.

In der Stadthalle in Oberursel konnten die Zuschauer am 14. Januar „Ernst Busch“-Absolventin Anika Mauer (als Martha) und„SOKO“-Routinier Luc Feit (als George) dabei zusehen, wie sie sich unter der Regie von Harald Weiler drei Akte lang angiften und anbrüllen, trinken und sich wieder versöhnen, zetern und zanken, während ihre Gäste schon genug mit sich selbst zu tun haben.

Eine lange Nacht

Nach einer feucht-fröhlichen Dozenten-Party kommen die Eheleute Martha (Mauer) und George (Feit) morgens um zwei Uhr nach Hause, angetrunken und aufgekratzt: Martha ist die Tochter des Rektors, ihr jüngerer Mann George ist Geschichts-Dozent, der sowohl in Sachen Karriereplanung als auch persönlicher Erfüllung unter seinen Möglichkeiten geblieben ist.

Seit mehr als 20 Jahren sind die beiden verheiratet, sind zusammen älter und zynischer geworden und schmieren sich ihre jeweiligen Unzulänglichkeiten aufs Brot. Sie wirft ihm vor, dass er nie mehr aus sich gemacht hat, er wirft ihr vor, dass sie ständig trinkt und sich gerne in ihre eigene Fantasiewelt flüchtet, wenn ihr die Realität zu unangenehm wird.

Um dem eintönigen und tristen College-Alltag zu entfliehen, haben Martha und George nämlich ihre eigenen Rituale entwickelt und sich auf ungeschriebene Gesetze geeinigt. Doch in dieser Nacht wird einiges daran durcheinander gewirbelt werden. Martha hat noch zwei „Neuzugänge“ zur Party nach der Party eingeladen: Nick (Lennart Hillmann) der junge und sportliche Biologieprofessor und seine verhuschte und etwas naive Frau Honey (Emily Seubert hat die schwierigste, weil undankbarste Rolle erwischt). Das junge Ehepaar möchte eigentlich nur einen Absacker zu sich nehmen und etwas netzwerken, vielleicht wäre es ja vorteilhaft, sich mit einem alteingesessenen Dozenten gut zu stellen.

Stattdessen werden Nick und Honey Zuschauer eines handfesten Ehekrachs – und alsbald mitten hineingezogen. Im Vergleich zu George erscheint „Ekel“ Alfred Tetzlaff wie in Musterknabe, zwischendurch fliegt ein gefülltes Glas quer durch das Wohnzimmer respektive über die Bühne und zerspringt in tausend Stücke; Martha verliert zusehends die Contenance, leert Glas um Glas, drängt sich dem jungen Nick auf und erzählt ganz stolz von ihrem Sohn – den der Zuschauer nie zu Gesicht bekommt.

Wird die Situation also im dritten Akt eskalieren? Oder bekommen die vier Streithähne sich, ihre Egos und die Situation wieder in den Griff...?

Hausmeister Krause, Virginia Woolf, Jürgen von der Lippe und ABBA

Organisiert wurde die Aufführung des Stückes von der Volkshochschule (VHS) Hochtaunus. Sebastian Scherer ist „Fachbereichsleiter Musik, Gesellschaft, Stadttheater, IT und Medien der Volkshochschule Hochtaunus“ oder einfacher: Mädchen für alles an diesem Abend, mit seinen Helferinnen und Helfern sorgte er dafür, dass die Veranstaltung rund lief.

Am Ende des Abends gab er einen kurzen Rückblick und Ausblick auf die laufende Spielzeit, die bereits im Oktober 2025 mit Tom Gerdhardts „Hausmeister Krause“ prominent begann, im Dezember mit „Achtsam Morden“ humorig weiterging und für das laufende Jahr noch einige Glanzlichter bieten wird.

„Nein, von ‚Virginia Woolf‘ gibt es leider keine weiteren Vorstellungen mehr, das war heute eine einmalige Sache“, so Scherer.

„Das Stück tourt durch ganz Deutschland, hier in Oberursel war also nur für dieses eine Mal Zwischenstation. Aber dass die Veranstalter uns ausgewählt haben, das sagt ja schon etwas. Die Stadthalle ist auch optimal ausgestattet, was Beleuchtung, was Tontechnik betrifft, dazu direkt am Parkhaus – das gibt es nicht allzu oft.“

Derselben Meinung sind wohl auch die Veranstalter, die einen bunten Strauß an Vorstellungen nach Oberursel bringen: Mitte März gastiert hier das Musical „Die Schöne und das Biest“, Ende März folgt Jürgen von der Lippe mit seiner Lesung „Sextextsextett“, im April das Frankfurter Comedy-Duo Mundstuhl mit dem Programm „WIR KOMMEN!“ (bei den beiden Anarcho-Frankfurtern muss man damit rechnen, dass es sich gleichermaßen um einen freudigen Ausruf und um eine Drohung handelt).

Nach der Sommerpause geht es dann zurück in die Siebziger, „A Tribute to ABBA“ eröffnet die Herbstsaison, der Auftritt von Martin Rütter im Dezember ist (Stand: jetzt) leider schon ausverkauft, am Nikolaustag gibt es mit „NightWash Live“ Stand-up-Comedy – den Menschen in und um Oberursel wird es 2026 mit Sicherheit nicht langweilig werden, für nahezu alle Geschmäcker ist etwas dabei.

Wer sich genauer über die anstehenden Termine informieren möchte, kann dies entweder bei den bekannten Vorverkaufsstellen tun oder direkt auf der Website der Stadthalle unter https://www.stadthalle-oberursel.de/.



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