Immer zum Schweinchen

Im Clubhaus am Rand des Camp King Parks werden Pokale und andere Andenken an große Ereignisse gesammelt. Wimpel, Fähnchen und Fotos erinnern an die Freundschaft mit den Boule-Spielern aus der französischen Partnerstadt Epinay.Foto: Streicher

Oberursel (js). Im Urlaub an der Côte d’Azur hat sie die Sucht nach Schweinchen und klackernden Kugeln gepackt. Ein kleiner Kreis von Frankreich-Fans ist damals dem Reiz des Boule-Spiels verfallen und hat im Frühling 1986 den Pétanque Club Oberursel 86 (PCO) gegründet. Die Begeisterung hat nie nachgelassen, die Kugeln rollen und fliegen noch immer, am Samstag wird der 40. Geburtstag spielend gefeiert.

Klack! Treffer! Dezent klingt dieses Klack bei der sanften Art, näher an die Zielkugel heranzukommen als der Gegenspieler. Wenn dessen Kugel nur zart aus dem Weg geräumt wird, um die eigene selbst ganz nah am Schweinchen (Cochonnet) zu platzieren, einer kleinen Holzkugel. Das ist der primäre Sinn des Spiels, wobei oft erst die letzte Kugel entscheidet, welches Team bei der aktuellen Aufnahme einen oder mehrere Punkte bekommt. Das ist das Spannende, kein Bild gleicht dem anderen, jede Spielsituation ist eine neue Herausforderung an die Spielintelligenz und die Fingerfertigkeit der Spielenden.

Passt das Wetter, dann kann man als „Infizierter“ und als Besucher schnell einen Hauch von französischer Dorfplatz-Atmosphäre spüren, wenn die Kugeln rollen und fliegen. Ganz hinten im Camp King Park hat der Club 2004 seine Heimat im ehemaligen Trafo-Haus gefunden, gespielt wird auf mehreren Bahnen, umgeben von einem halbkreisförmigen Mäuerchen. Im Sommer ist der Spielplatz geschützt vom Blätterdach der Platanen. Früher wurde am Ehrenmal neben der Christuskirche gespielt, Wettkämpfe fanden auf dem Sportplatz an der Altkönigstraße statt. Vom Frühling bis in den Herbst ist Saison, gespielt wird in lockerer Runde, Gäste sind gerne gesehen, ein Satz Kugeln findet sich immer.

Eine leicht angewinkelte Beinhaltung beim Spiel kann entscheidend sein. Es geht um Zentimeter, gelegentlich auch um Millimeter. Noch einmal federt der Spieler oder die Spielerin sanft in den Knien, dann folgt der Wurf der rund 700 Gramm schweren Metallkugel. Ein je nach Unterlage dumpfer Ton markiert den Aufschlag auf dem Boden. Manchmal auch ein trockenes „Klack“.

Nicht selten zieht dann ein Gegner ein Gesicht, wenn er mit seiner Kugel danach nicht mehr so schön nah am „Schweinchen“ liegt und eine neue Strategie entwickeln muss. Klack! Treffer! Liegt die Kugel des Gegners ganz eng ans Schweinchen gekuschelt, ist meist Zeit für ein richtig lautes Klack! Dann nämlich ist es Aufgabe des Tireurs (Schießer) der anderen Mannschaft, die Kugel von dort zu entfernen. Trifft er, dann ist das ein satter Ton. Trifft er so, dass seine Kugel an der Stelle der gegnerischen liegen bleibt, dann ist das die hohe Schule des Boule-Spiels. Man nennt das ein Carreau sur place, also einen Treffer mit Austausch der Kugeln. Und das ist immer einen Beifall von beiden Seiten wert, demonstriert mit einem kurzen Aneinanderklacken der Spielkugeln in der Hand. Wer ein Spiel oder gar ein Turnier gewinnen will, muss sanft und hart klacken können. In Teams gibt es meist den Leger für das Platzieren der Kugel möglichst nah am Schweinchen und den Schießer, der die Bahn frei macht für seinen Partner, wenn der Gegner zu nahe an der liebevoll „Sau“ genannten Kugel liegt.

Eine liebevoll-zärtliche Beziehung pflegen die meisten Spieler zu ihrem persönlichen Trio, also ihren drei Kugeln. Siege oder Niederlagen könnten von einer Unebenheit abhängen. Vor allem bei feuchtem Boden wird deshalb viel gewischt, der Putzlappen ist dann ein dringend benötigtes Utensil und bekommt eine wichtige Funktion. Mediterranes Flair ist daher auch beim Wetter der schönste Hintergrund für das Spiel im Park. Darauf hofft der Club für den Samstag. Die Jubiläumsfeier beginnt um 13 Uhr.

„Mitspielen und Spaß haben am französischen Kugelsport“, das ist seit 40 Jahren das Motto des Vereins, sagt der langjährige Vorsitzende Ralf Bender, seit 1995 Präsident des PCO, im Rückblick auf die Vereinsgeschichte. „Jeder kann auf unserem Platz im Park mitspielen, Kugeln liegen vor Ort in großer Auswahl parat.“ Platz ist im Boulodrom für mehrere Partien gleichzeitig, Erweiterungsfläche bieten Seitenwege und der kleine Platz vor der alten Kirche im Park. Es passt zum demokratischen Geist des Spiels, das Menschen jeden Alters, aller Gesellschaftsschichten und Nationalitäten zusammenspielen, dass sich Teams immer nur mit Vornamen anmelden und sich auch im Spiel auf dieser Ebene begegnen. Boule macht auch keinen Unterschied zwischen Geschlechtern, Boule verbindet.



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