Oberursel. Wer im Kulturcafé Windrose sitzt, spürt sofort, worum es hier geht. Manager neben Rentnern, junge Menschen neben alten, Menschen mit viel und mit wenig – sie alle teilen sich diesen Raum. Das Orscheler Wohnzimmer ist ein Ort des Zusammenlebens. Und genau darin liegt seine besondere Kraft: Es ist Treffpunkt, Denkraum, Kulturraum – und Schutzraum zugleich.
Wie wichtig dieser Schutzraum ist, zeigt sich sogar während der Pressekonferenz am Freitag, 20. Februar, selbst. Ein lauter Knall an der Fensterscheibe lässt alle zusammenzucken. Die Situation wird ruhig und besonnen aufgefangen, die Polizei klärt den Vorfall schnell – es war ein spontaner Wutausbruch, ohne Bezug zur Windrose. Doch der Moment bleibt hängen. Er macht deutlich, warum Orte wie dieser heute wichtiger sind denn je.
Bürgermeisterin Antje Runge blickt zurück – und nach vorn. „Das Kulturcafé Windrose ist in kurzer Zeit zu einem unverzichtbaren Ort der Begegnung in unserer Stadt geworden. Hier treffen Menschen unterschiedlichster Herkunft, Generationen und Interessen aufeinander. Das Kulturcafé steht für gelebte Vielfalt und für eine Stadtgesellschaft, die zusammenhält“, betont Runge.
Der Trägerverein Kommunikationszentrum Altstadt (TKzA) wurde bereits 2020 gegründet, mit dem klaren Ziel, mitten in der Innenstadt einen dauerhaften Ort für Begegnung, Kultur und Teilhabe zu schaffen. Antje Runge´s Vorgänger im Amt, Hans-Georg Brum, habe dieses Konzept politisch entscheidend vorangebracht und notwendige Beschlüsse beschleunigt. Die Lage der Räume sei ein Glücksfall, ergänzt Runge: „Mitten in der Stadt, offen und niedrigschwellig. Teilhabe heißt, Verantwortung zu übernehmen.“ Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen brauche es Orte, an denen Ehrenamt großgeschrieben werde – interkulturell, offen und verbindend und mit einer klaren Haltung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Ein Raum für alle, in dem Schutz-, Denk-, Kultur- und Gastraum zusammenkommen.
Alles neu macht nicht der Mai sondern der April, dann nämlich steht das Kulturcafé Windrose auf neuen, breiteren Füßen. Der TKzA – getragen von der Stadt Oberursel, dem Kultur- und Sportförderverein Oberursel, dem Internationalen Verein Windrose sowie der katholischen Kirche Sankt Ursula – übernimmt die Betreiberverantwortung. Für Gäste ändert sich dabei bewusst nichts: Name, Team, Programm und Atmosphäre bleiben erhalten. Hinter den Kulissen jedoch entsteht eine neue Struktur, die Beteiligung ermöglicht und langfristige Stabilität schafft.
„Für uns als katholische Kirche ist das Kulturcafé Windrose ein wichtiger Ort der Begegnung, des Austauschs und der Diskussion geworden“, sagt Pfarrer Andreas Unfried von Sankt Ursula. „Hier finden wir Kooperationspartner für unsere Vision: offen miteinander Glauben zu leben.“
Mehr als 800 öffentliche Veranstaltungen haben bereits stattgefunden. Konzerte, Lesungen, Diskussionen, Erwachsenenbildung, VHS, Musikschule, Kunstgriff, Flickwerk und Babbelcafé – das Kulturcafé ist längst fest im kulturellen Alltag der Stadt verankert. „Der Erfolg war größer als erwartet“, sagt Michael Behrent, Vorsitzender der Windrose, der das Konzept über Jahre maßgeblich getragen hat. Viele Spekulationen über die Neuausrichtung hätten ins Leere geführt. Der eigentliche Grund sei einfach: „Die ursprüngliche Idee sei aufgegangen. Die Windrose war ein Start-up, das wachsen durfte – mit Schülerhilfe, Brunnenfest, portugiesischer Küche und einer Atmosphäre, in der selbst Whiteboards für Mathematische Gleichungen und Bücherregale selbstverständlich respektiert werden. Die Lernkurve sei abgeschlossen, jetzt sei es Zeit für den nächsten Schritt“. Kern des neuen Betreiberkonzepts ist Mitwirkung. Künftig können noch mehr gemeinnützige Vereine, Initiativen und Institutionen das Kulturcafé für eigene Veranstaltungen mit bis zu 100 Teilnehmenden nutzen. Das Modell setzt dabei bewusst auf aktive Beteiligung: Wer sich organisatorisch einbringt, profitiert nicht nur von der kostenfreien Raumnutzung, sondern kann unter festgelegten Voraussetzungen auch Einnahmen erzielen. Statt klassischer Miete gilt das Prinzip „Wir teilen den Umsatz“. Technik, Ausstattung und Service stehen zur Verfügung – ein Ansatz, der Engagement stärkt, Hürden abbaut und neue Formen der Zusammenarbeit ermöglicht – ein Win-win für alle.
Mitgliedschaft, Mitgestaltung und neue Mitmacher
Der Kultur- und Sportförderverein sieht seine Aufgabe künftig vor allem darin, neue Partner zusammenzubringen. Beispiele wie die Oberurseler Literaturtage zeigen, was möglich ist, wenn viele Akteure gemeinsam an einem Strang ziehen. „Einzeln erreicht man nicht so viel wie gemeinsam – dafür steht auch das neue Konzept“, bringt es Geschäftsführer Martin Krebs auf den Punkt.
Darum lebt der Trägerverein auch vom Mitmachen. Aktuell zählt der TKzA rund 40 Mitglieder, weitere sind ausdrücklich willkommen. Die Mitgliedsbeiträge sind bewusst niedrig gehalten: Einzelpersonen zahlen 25 Euro im Jahr, Vereine 50 Euro und Institutionen 100 Euro. Entscheidend ist dabei nicht die Beitragshöhe, sondern die Möglichkeit, aktiv mitzugestalten. Alle Mitglieder – unabhängig von ihrer Kategorie – können Ideen einbringen, Projekte anstoßen und Verantwortung übernehmen. Gesucht werden ausdrücklich „Macher“, die Lust haben, das Kulturcafé Windrose gemeinsam weiterzuentwickeln.
Parallel dazu arbeitet die wöchentlich tagende Arbeitsgruppe an der konkreten Umsetzung. Ein neu gegründetes Kuratorium, in dem alle Beteiligten gleichberechtigt vertreten sind, kümmert sich um Anfragen und Weiterentwicklung – koordiniert von einer zentralen Stelle. Klare Strukturen, weniger Alleinverantwortung. „Schlechter wird es von allein“, kommentiert Michael Behrent augenzwinkernd – und blickt optimistisch nach vorn.
Auch für den Schatzmeister bringt das neue Modell einen klaren Unterschied mit sich. Klaus Glatthorn erläutert, dass bislang vor allem Kosten verbucht wurden, nun jedoch erstmals auch Erlöse anfallen können – ein wesentlicher steuerlicher Unterschied. Der Wechsel hin zum gemeinnützigen Vereinsmodell schafft Transparenz, Planungssicherheit und eine tragfähige Grundlage für die Zukunft des Kulturcafés.
Kontinuität trifft auf Kulinarik, die Stadt Oberursel und Ehrenamt
Jehad Yousif bleibt selbstständiger Caterer und sorgt weiterhin mit „Aleppo Dining“ für Verpflegung bei kulturellen und privaten Veranstaltungen. In den vergangenen Jahren konnten über 40 Aushilfen beschäftigt werden, viele davon junge Menschen mit Fluchtgeschichte. „Perfektion werde hier nicht erwartet – Ankommen schon“ untermauert Michael Behrent.
Die Stadt Oberursel wird das Kulturcafé Windrose weiterhin für eigene Kulturveranstaltungen nutzen. Für die Besucher soll nach außen hin bewusst kaum spürbar sein, dass sich hinter den Kulissen etwas verändert hat – Kontinuität ist ausdrücklich gewünscht. Ehrenamtliche werden sowohl für den Service, etwa hinter der Theke, als auch für die Programmgestaltung gesucht. Wer sich engagieren möchte, findet im Kulturcafé einen offenen Ort, an dem Ideen willkommen sind und Beteiligung ausdrücklich erwünscht ist.
Jubiläum
Die Windrose feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Veränderungen seien da nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Wichtig sei vor allem eines: dass die Zukunft dieses besonderen Ortes auf einem sicheren Fundament steht. Der Mieter wird zum Macher. Und das Kulturcafé Windrose bleibt, was es immer war – ein Ort für alle.
Weitere Informationen unter: www.kulturcafe-windrose.de.
Veranworten zukünftig als Team das Kulturcafé Windrose: Windrose-Chef Michael Behrent (v.l.), Thomas Fiehler als Stadtparlamentsvertreter und TKzA-Vorstandsmitglied, Bürgermeisterin Antje Runge, Windrose Vorständin Petra Kemmerzell, KSfO-Geschäftsführer Martin Krebs, Schatzmeister Klaus Glatthorn und vorne Pfarrer und TKzA-Vorsitzender Andreas Unfried.Foto: sis
Das Orscheler Wohnzimmer. Foto: sis

