Sommertour: Anderer Ort. Andere Themen. Respekt!

Das neue GAZ mit seiner Verdichtung wurde direkt zu Beginn thematisiert.Foto: sis

Oberursel (sis) Kaum ein anderes Wort fiel an diesem Nachmittag so oft wie dieses. Mal ging es um Radfahrer auf dem Gehweg. Mal um blockierte Ladesäulen. Dann wieder um Rollatoren, Kinderwagen oder den Stadtbus, der für die einen unverzichtbar und für die anderen ein Ärgernis ist. Doch beim zweiten Tag der Sommertour von Bürgermeisterin Antje Runge im Norden Oberursels führte fast jedes Gespräch am Ende zu derselben Frage: Wie gehen wir eigentlich miteinander um?

Wer den Norden Oberursels kennenlernen möchte, muss den Menschen zuhören. Genau das tat Antje Runge im Dornbachzentrum. Schnell wurde deutlich: Hier ging es um weit mehr als Straßen, Baustellen oder Parkplätze. Es ging um Rücksicht. Um Verständnis. Und um den Wunsch vieler Bürger, dass auf gute Gespräche auch sichtbare Lösungen folgen. Denn Zuhören allein reicht den Menschen nicht. Sie wünschen sich, dass Hinweise ernst genommen, Ideen geprüft und Probleme dort angepackt werden, wo sie den Alltag erschweren. Genau darin liegt der Anspruch der Sommertour: nicht nur Anliegen aufzunehmen, sondern sie mitzunehmen – in die Verwaltung, in die politischen Gremien und dorthin, wo aus Gesprächen Entscheidungen werden können. „Das kann ich mir nicht entgehen lassen“, sagte die 89-jährige Frau Klier mit einem Lächeln, als sie am Tisch Platz nahm. Die ehemalige Stadträtin kennt den Norden Oberursels wie kaum eine andere. Sie hörte aufmerksam zu, brachte ihre Erfahrungen ein und zeigte immer wieder, dass Politik nicht mit dem Ende eines Mandats aufhört. Sie lebt dort weiter, wo Menschen ihre Stadt mitgestalten.

Kaum ein Thema bewegte die Bürger so sehr wie die bevorstehende Umgestaltung rund um das neue Gefahrenabwehrzentrum. Sorgen bereiteten vielen der schmale Gehweg am Eschbachweg, die Verkehrsführung in der Dornbachstraße oder die neuen Schrägparkplätze. Ein Anwohner schilderte seine Sorge, dass ältere Menschen mit Rollator wegen parkender Lieferwagen auf die Fahrbahn ausweichen müssten. Antje Runge griff sofort zu einem Foto genau dieser Stelle und erläuterte, dass die Planung nach aktuellen Vorschriften erfolgt sei. Gleichzeitig machte sie deutlich: Sicherheit habe oberste Priorität. Viele der angesprochenen Punkte werden Ende der Sommerferien bei einer Verkehrsschau gemeinsam mit Fachbehörden, Stadtpolizei, Mobilitätsplanung und Ortsbeirat noch einmal direkt vor Ort überprüft. Auch Ortsbeiratsvorsitzender Oliver Mühl verfolgte die Gespräche aufmerksam und kündigte an, Anregungen aus der Bürgerschaft – etwa zur Situation in der Schellbachstraße – unmittelbar in die Arbeit des Ortsbeirats mitzunehmen. Für viele Bürger war das ein wichtiges Signal: Die Hinweise wurden nicht nur gehört, sondern sollen nun auch in konkrete Prüfungen und politische Beratungen einfließen.

Doch immer wieder zeigte sich: Nicht jedes Problem lässt sich mit Asphalt lösen.

Geplantes Ladesäulenkonzept

Auch die Zukunft der E-Mobilität beschäftigte viele Bürger. Andrea Amsel machte deutlich, dass die vorhandene Ladeinfrastruktur im Norden aus ihrer Sicht längst nicht mehr ausreiche. Hinzu komme ein Problem, das viele E-Autofahrer kennen: Immer wieder würden die wenigen Ladeplätze von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor blockiert. Spreche man die Fahrer darauf an, reagiere mancher mit Unverständnis. Ein Erlebnis, das Antje Runge nur allzu gut nachvollziehen konnte. Auch ihr sei dies bereits passiert, wenn sie mit dem E-Poolfahrzeug der Stadt einen Ladeplatz nutzen wollte. Für die Bürgermeisterin ist deshalb nicht nur der weitere Ausbau der Ladeinfrastruktur wichtig, sondern auch ein respektvoller Umgang miteinander. Den Vorschlag der Bürgerin, Ladeplätze deutlicher zu kennzeichnen, begrüßte sie ausdrücklich. Gleichzeitig gab Runge einen Einblick in die Planungen der Stadt. Derzeit wird das bestehende Ladeinfrastrukturkonzept umfassend fortgeschrieben. Ziel ist es, den tatsächlichen Bedarf neu zu bewerten und dabei auch private Anbieter, Supermärkte und Unternehmen stärker einzubeziehen. Denn dort, wo bereits Ladesäulen vorhanden sind, sollten diese – wenn möglich – auch außerhalb der Geschäftszeiten von allen Bürgern genutzt werden können, anstatt parallel neue Standorte zu schaffen. „Wir müssen die vorhandene Infrastruktur besser nutzen“, machte Runge deutlich. Parallel testet die Stadt auf dem Rathausparkplatz ein Sensorsystem, das freie Stellplätze künftig in einer App anzeigen soll. Die Ergebnisse des neuen Ladeinfrastrukturkonzepts werden für 2027 erwartet und sollen anschließend Grundlage für die weitere Standortplanung in Oberursel sein.

Die Themen nahmen kein Ende – Bürger erzählten von Rad- und Rollerfahrern, die mit hoher Geschwindigkeit den Gehweg statt der Straße nutzen. Wieder andere kritisierten zu kurze Grünphasen an Ampeln oder zugeparkte Bürgersteige. Besonders die Situation in der Schellbachstraße sorgte für Gesprächsstoff. Dort würden parkende Fahrzeuge den Gehweg so weit einengen, dass Kinderwagen oder Rollatoren kaum noch Platz hätten. „Ich bin ja nun nicht breit, aber manchmal komme selbst ich dort kaum vorbei“, bemerkte Frau Klier schmunzelnd. Auch Ortsbeiratsvorsitzender Oliver Mühl kündigte an, sich des Themas anzunehmen und entsprechende Markierungen beziehungsweise Stopper prüfen zu lassen. Unterschiedliche Themen – und doch dieselbe Botschaft: Rücksicht beginnt nicht bei neuen Verkehrsschildern, sondern beim eigenen Verhalten.

Hilfsbereitschaft

Dabei blieb es nicht bei Kritik. Viele Bürger brachten konkrete Ideen mit. Besser erkennbare Ladeplätze für Elektrofahrzeuge. Stopper gegen zu weit parkende Fahrzeuge. Die Verlängerung eines Radwegs. Kühlräume für ältere Menschen an heißen Sommertagen in Kirchen oder öffentlichen Gebäuden. Antje Runge hörte aufmerksam zu, erklärte bestehende Planungen, berichtete vom geplanten Ladesäulenkonzept und verwies immer wieder auf den Stadtmelder sowie das Beteiligungsportal der Stadt. Denn viele Probleme könnten schneller gelöst werden, wenn sie dort direkt gemeldet würden.

Dass Zusammenhalt im Norden keine leere Floskel ist, zeigte sich ganz nebenbei. Mitten in den Gesprächen wurde Antje Runge von einer Wespe gestochen. Noch bevor sie selbst reagieren konnte, verschwand eine Bürgerin kurzerhand nach Hause und kam wenig später mit ihrer Hausapotheke zurück. Eine kleine Geste. Vielleicht die schönste Szene des gesamten Vormittags. Überhaupt zeigte sich der Norden an diesem Vormittag von seiner gastfreundlichen Seite. Auch die Gastronomiebetriebe im Dornbachzentrum hießen Bürger und Besucher herzlich willkommen. Das passte zu der offenen Atmosphäre, die den gesamten Vormittag prägte – man kam miteinander ins Gespräch, hörte einander zu und diskutierte engagiert über die Zukunft des eigenen Stadtteils.

Gerücht um den Stadtbus

Nicht immer verliefen die Diskussionen so harmonisch. Besonders lebhaft wurde es beim Thema Stadtbus. Während Cornelia Glunde den Busverkehr in der Dornbachstraße grundsätzlich infrage stellte und auf die Belastung durch Dieselmotoren verwies, hielten viele andere wie auch C. Beer entschieden dagegen. Für ältere Menschen, Menschen mit Einschränkungen oder schwere Einkäufe sei die Haltestelle unverzichtbar. Antje Runge bezog klar Stellung: „Öffentlicher Nahverkehr bedeute Teilhabe. Wer mobil bleibe, bleibe mitten im Leben“. Dass der neue Busbetreiber VRT ab 2027 schrittweise auf Elektrobusse setzen wolle, nahm zwar etwas Schärfe aus der Diskussion – an den unterschiedlichen Meinungen änderte das jedoch wenig.

Im Zusammenhang mit der Mobilität älterer Menschen wurde auch ein Vorschlag aus Bad Homburg diskutiert. Eine Bürgerin regte an, Senioren, die freiwillig ihren Führerschein abgeben, als Anreiz ein kostenloses Jahres-Hessenticket im ersten Jahr der Auto-Abstinenz zur Verfügung zu stellen. Antje Runge machte jedoch deutlich, dass sie dieses Modell für Oberursel derzeit nicht für realistisch hält. Angesichts der angespannten Haushaltslage müsse die Stadt sehr genau abwägen, wofür öffentliche Mittel eingesetzt werden. „Wer sich ein Auto mit allen laufenden Kosten leisten könne, könne in der Regel auch ein Hessenticket finanzieren2. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass solche politischen Entscheidungen nicht von der Bürgermeisterin allein getroffen werden könnten. Wer den Vorschlag weiterverfolgen wolle, könne ihn über die Fraktionen in die Stadtverordnetenversammlung einbringen.

Einen nachdenklichen Akzent setzte eine ältere Bürgerin mit einem ganz anderen Thema. Sie wünscht sich sogenannte Kühlstuben für heiße Sommertage – Orte wie Kirchen, an denen ältere Menschen Zuflucht finden können, wenn ihre Dachgeschosswohnungen zur Belastung werden. Eine Idee, die Antje Runge ausdrücklich begrüßte und mitnahm.

Doch je länger die Gespräche dauerten, desto deutlicher wurde: Auf den ersten Blick schien es um Verkehr zu gehen – um Gehwege, Parkplätze, Baustellen oder Ampeln. Tatsächlich aber verbarg sich hinter fast jedem Anliegen derselbe Wunsch: ein Stadtteil, in dem Rücksicht und Sicherheit selbstverständlich sind. Denn nicht jedes Problem lässt sich mit Asphalt, neuen Verkehrsschildern oder Markierungen lösen. So machte Frau Ruppel auf einen Bereich entlang des Bachs in Richtung Feuerwehr aufmerksam, der trotz neuer Geländer auf viele eher ungepflegt als einladend wirkt. Andere sprachen das seit Jahren brachliegende Grundstück am Heidegraben an, hinter dessen Bauzaun sich immer wieder Müll und Unrat sammeln. Margarete Rückert regte an, die Lage eines Zebrastreifens zu überdenken, damit insbesondere Kinder der Hans-Thoma-Schule und Menschen mit Einschränkungen sicherer unterwegs sind.

Auch ganz praktische Alltagsthemen fanden ihren Platz. Ein Bürger wünschte sich, den geschotterten Verbindungsweg zur U-Bahn an der Ecke Lahnstraße/Hohemarkstraße zu asphaltieren. Antje Runge kannte den Weg sofort und erklärte, dass es sich um eine viel genutzte Abkürzung handle. Einer schnellen Asphaltierung stünden jedoch Fragen des Wasserabflusses entgegen. Sie sagte zu, den Wunsch für eine ehrliche fachliche Abwägung mitzunehmen. Ebenso will sie prüfen lassen, ob der Hinweis von Frau Beer zutrifft, dass Eintrittskarten für das Taunabad am Vormittag ausschließlich bargeldlos erhältlich sind – aus ihrer Sicht ein möglicher Nachteil für ältere Menschen und Kinder. Immer wieder zeigte sich dabei: Es sind oft die kleinen Dinge des Alltags, die für die Menschen vor Ort einen großen Unterschied machen. Vieles nahm die Bürgermeisterin mit – manches zur direkten Prüfung, anderes für die nächste Verkehrsschau oder zur weiteren Diskussion mit den zuständigen Fachbereichen. Denn genau dafür ist die Sommertour gedacht: Probleme nicht nur zu hören, sondern sie dorthin mitzunehmen, wo aus Gesprächen Lösungen werden können.

Emotionale Themen

Der emotionalste Moment des Vormittags kam jedoch kurz vor Schluss. Eine Familie – drei Generationen – fasste sich ein Herz und schilderte ihre persönliche Situation. Der Ehemann, Vater und Großvater liegt schwer erkrankt im Krankenhaus. Sollte tatsächlich eine Beinamputation notwendig werden, wäre die Wohnung im dritten Stock für ihn kaum noch erreichbar. Plötzlich ging es nicht mehr um Verkehr, Baustellen oder Parkplätze. Gemeinsam wurden erste Lösungswege gesucht. Antje Runge sagte zu, sich beim Amt für Wohnungswesen nach Möglichkeiten eines Wohnungstauschs zu erkundigen. Für einen Moment wurde aus Kommunalpolitik gelebte Hilfe samt allen Bürgern, die anwesend waren und sich hilfsbereit zeigten.

Bei aller Kritik gab es an diesem Vormittag aber auch Anerkennung. Antje Runge freute sich über die Entwicklung des Dornbachzentrums. Wo früher vor allem Apotheke, Friseur und Nagelstudio das Bild prägten, ist heute ein lebendiger Treffpunkt für den Norden entstanden. Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie und Dienstleistungen haben den Standort sichtbar aufgewertet. „Hier ist ein Ort entstanden, an dem sich die Menschen gerne treffen und wohlfühlen können“, machte die Bürgermeisterin deutlich und lobte die Arbeit der städtischen Wirtschaftsförderung.

Vielleicht war genau das der richtige Ort für den zweiten Tag der Sommertour. Denn zwischen einem Einkauf, einer Tasse Kaffee oder einem kurzen Plausch entstanden an diesem Vormittag viele Gespräche. Manche waren nachdenklich. Manche kontrovers. Manche überraschend persönlich. Doch sie alle hatten eines gemeinsam: den Wunsch, den eigenen Stadtteil ein Stück lebenswerter zu machen. Als die letzten Bänke zusammengestellt wurden und das letzte Gespräch langsam zu Ende ging, blieb deshalb weit mehr zurück als eine Liste offener Punkte. Anderer Ort. Andere Themen. Aber dieselbe Verantwortung. Denn eine lebenswerte Stadt entsteht nicht allein durch neue Straßen, Ampeln oder Verkehrsschilder. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, einander zuzuhören. Wo unterschiedliche Meinungen ihren Platz haben. Wo aus Kritik Ideen werden. Und aus Gesprächen Lösungen. Respekt beginnt nicht erst mit einem Beschluss im Rathaus. Er beginnt dort, wo Menschen einander zuhören. Genau darum ging es an diesem zweiten Tag der Sommertour.

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