Stehende Ovationen für die „Messe für den Frieden“

Fast 150 Musiker und Sänger stehen auf der Bühne der Stadthalle. Foto: bg

Oberursel (bg). Bei diesem Chor- und Orchesterprojekt der Musikschule Oberursel waren über 100 Musiker im Einsatz, die monatelang geprobt hatten und sich jetzt hervorragend bei der Aufführung dieser Friedensmesse präsentierten. Besonders beeindruckend die jüngste Solistin, ein kleines Mädchen, das, allein vor dem Mikrofon stehend, das Kyrie anstimmte, bevor der vielstimmige Chor einfiel.

Musik müsse eine emotionale Wirkung haben, so Karl Jenkins. Der Waliser zählt weltweit zu den produktivsten Komponisten. Sein Werk „The Armed Man“ (Der bewaffnete Mann), hat er 1999 geschrieben, es zählt zu seinen bekanntesten Kompositionen. Weltweit wurde es inzwischen rund 2500 Mal aufgeführt. Er hat es den Opfern des Kosovo-Kriegs gewidmet. Musikalisch bewegend erzählt es von den Schrecken des Krieges, doch es endet versöhnlich mit der Friedensbotschaft.

Das passte zusammen: Am Nachmittag das bunte Europafest auf dem Rathausplatz und am Abend die Messe für den Frieden „The Armed Man“ in der Stadthalle. Europa, das große Friedensprojekt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und das bewegende Konzert über die Schrecken des Kriegs. Christoph Müllerleile, der Vorsitzende des Trägervereins der Musikschule, erinnert in der vollbesetzten Stadthalle an die zahlreichen Gedenktage des Jahres. Dass vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg begann, daran wollte die Musikschule mit diesem Konzert erinnern. Gleichzeitig wurde vor 70 Jahren das Grundgesetz verabschiedet, und vor 30 Jahren fiel die Mauer.

Das Konzert sollte nachdenklich machen, und das gut 90-minütige Musikerlebnis, ließ keinen im Publikum kalt. Es gab aufwühlende Momente, die unter die Haut gingen. Eingebettet in die Form der katholischen Messliturgie „Kyrie“, „Sanctus“, „Agnus Dei“ und „Benedictus“ wob Jenkins in seine Messe für Solisten, Sprecher, vierstimmigen gemischten Chor und sinfonisches Orchester weitere musikalische Quellen ein. Darunter Elemente aus anderen Religionen, Texte aus dem indischen „Mahabharata“, von britischen und irischen Dichtern sowie ein Gedicht des japanischen Poeten Toge Sankichi.

Eindrucksvoll, emotional

Eindrucksvoll schon der Auftakt mit dem ersten Musikstück „L’homme armé“, ein Soldatenlied aus dem 15. Jahrhundert, Verfasser unbekannt. Sprecher Willy Praml, der großartige Theaterprinzipal aus Frankfurt, martialisch gewandet, rezitierte vorab eindringlich den Text und warnte vor dem bewaffneten Mann, den man fürchten muss. Danach stimmte der große Gemeinschaftschor, bestehend aus dem gemischten Chor der Musikschule „CHORiosum“ und „Tonart“, einem gemischter Chor aus Schwalbach, das inzwischen zum Volkslied gewordene Stück an. Begleitet wurden die Chormitglieder von „Capella Ursellis“, dem Projektorchester der Musikschule. Es folgte der Aufruf zum Gebet als islamischer Gebetsruf, auf arabisch vorgetragen von Hassan Sadeghi, der in Teheran geboren ist, seit vielen Jahren in Frankfurt lebt und als Weltmeister der Koranrezitierung ausgezeichnet wurde.

„The Armed Man“ ist eine Reflexion über den Krieg. Über die anfängliche Begeisterung vor Kriegsbeginn, die Schlachten und die verheerenden Folgen der Kämpfe für die Menschen, die Tiere und die Natur. Während der eindrucksvollen Musik flimmerten über eine große Leinwand passend zu den Musikstücken ausgewählte Bilder von Menschen und Orten aus dem Hoch- und Main-Taunus-Kreis sowie aus Frankfurt. Aus der Vorkriegszeit wurden anfangs beschauliche Fotos aus Oberursel, etwa vom Cafe Krämer und der Christuskirche, gezeigt. Rasch folgten Aufmärsche und Bilder von Soldaten, die sich lachend und unbeschwert ablichten ließen. Dann waren todbringende Flugzeuge am Himmel zu sehen. Während im Hintergrund Bombenabwürfe und zerstörte Städte wie die Altstadt von Frankfurt gezeigt wurden, rezitierte Praml aus dem indischen Epos „Mahabharata“ und berichtete von Tiere und Menschen die zu brennenden Fackeln wurden.

Getragen von über 100 Stimmen, entfalteten die aufwühlenden chorischen Musikstücke, wie „Rette mich vor blutgierigen Männern“, der „Lobgesang vor der Schlacht“ und vor allem der herausragend interpretierte, dabei verstörende, mehrfach lautstark vorgetragene Aufruf zum Angriff „Charge“ die vom Komponisten so gewünschte emotionale Wirkung, unterlegt von heftigen Trommelwirbeln und gewaltigen Paukenschlägen. Der Text versprach, „dass selig ist, der für sein Vaterland stirbt“. Beindruckend die Lichtregie, die rote Farben über alle Musiker bei den Titeln „Angry Flames“ (Zornige Flammen), geschrieben vom Augenzeugen des Atombombenabwurfs über Hiroshima Toge Sankichi, und „Torches“ (Fackeln) zucken ließ. Nachdem die Waffen schwiegen und die Menschen zur Besinnung kamen, erklang die versöhnlichen Botschaft „Better is Peace“. „The Armed Man“ endet mit dem Versprechen aus der biblischen Offenbarung, das Gott alle Tränen abwischen werde.

Dirigent Holger Pusinelli hielt jederzeit alle Fäden konzentriert in der Hand und führte die Mitwirkenden sicher durch die anspruchsvolle Partitur. Zur besonderen Wirkung dieser Friedensmesse trug auch Diana Nagel mit ihren bewegenden Solopartien bei. Es dauerte einen Moment, bis aufbrausender Beifall in der Stadthalle einsetzte, nachdem der letzte Ton verklungen war. Das Publikum war tief bewegt, ergriffen und nachdenklich. Dann brachen sich die Emotionen stürmisch Bahn. Begeisterte Bravorufe, stehende Ovationen, die minuntenlang andauerten, prasselten auf die Akteure, an der Spitze der brilliante Projektleiter Holger Pusinelli, nieder. Es war ein zutiefst bewegendes Konzertereignis, das die Musikschule mit diesem großen Friedensprojekt „gegen das Vergessen“ auf die Beine gestellt hatte.

Zusätzliche Informationen:

!„The Armed Man“, wird am Samstag, 25. Mai, in St. Pankratius in Schwalbach und am Sonntag, 26. Mai, in der Dreikönigskirche in Frankfurt-Sachsenhausen noch einmal zu erleben sein. Karten für Schwalbach gibt es zum Preis von 15 Euro, ermäßigt 7,50 Euro, im Reisecafé „Selected Travel“, Schulstraße 14 in Schwalbach, für die Aufführung in Sachsenhausen zum Preis von 19 Euro, ermäßigt zwölf Euro, beim dortigen Lions Club unter Telefon 069-20022955, per E-Mail an tickets[at]lions-frankfurt[dot]com oder an der Abendkasse.

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