Liederbach/Kelkheim (iba) – Die Gäste hatten Platz genommen, Dackel Rudi hatte es sich gemütlich gemacht, sein Herrchen Norbert Nachtweih steckte sich das Mikrofon an – und erzählte seine Lebensgeschichte nach.
Halle, Frankfurt, München
Die Bürgerstiftung Liederbach organisiert regelmäßig Veranstaltungen aus der Reihe „Liederbacher LebensLinien“, die Erlöse werden an gemeinnützige Initiativen gespendet oder an die Liederbacher Kindergärten. Zuletzt erzählte der hiesige Kult-Bäcker Elvis Huaman unter dem Titel „Von Lima nach Liederbach“, wie es ihn aus Peru in den Taunus verschlagen hat.
Am Samstag, 8. März, saß ein ehemaliger Bundesligaprofi in der Bücherei, Norbert Nachtweih ist bis heute der Fußballer aus der ehemaligen DDR, der die meisten offiziellen Titel mit deutschen Vereinen gewonnen hat. Nicht Matthias Sammer, nicht Toni Kroos, nicht Michael Ballack, sondern der Blondschopf aus Sangerhausen, der bei der Eintracht und den Bayern Titel sammelte (er wurde Meister, Pokalsieger, UEFA-Cupsieger, Superpokalsieger). In Liederbach gab Nachtweih Auszüge aus seiner Biografie „Zwischen zwei Welten“ zum Besten. Erste Oberliga-Einsätze beim Hallerschen FC Chemie, DDR-Juniorennationalspieler, Republikflucht mit 19 bei einem Auswärtsspiel in der Türkei, mit seinem Mannschaftskameraden Jürgen Pahl ging es von Bursa in den Westen, und schließlich in den Riederwald. Der Fußballverband der DDR drückte 14 Monate Sperre durch, Nachtweih nutzte die Freizeit und kam so zu dem Spitznamen „Nachtfalter“.
Hölzenbein und Matthäus, Lattek, Stepi und Chaki
Ab März 1978 durfte er dann gegen den Ball treten und kam in eine funktionierende Mannschaft, „Borchers, Pezzey, Körbel, Holz, Grabi, alles Nationalspieler. Wir hätten eigentlich noch viel mehr gewinnen müssen.“ Mit der launischen Diva holte er aber „nur“ den UEFA-Cup 1980 und den DFB-Pokal 1981. Dann der Wechsel zu den Bayern, mit den späteren Weltmeistern Augenthaler („Wegen dem bin ich Raucher geworden!“), Matthäus und Pflügler sammelte er Titel, mit Trainer Lattek kamen die Roten bis ins Finale der Champions League 1987 – und unterlagen dem FC Porto durch Madjers Hackentor. Verschuldete sich mit Bauherrenmodellen, Kumpel Uli Hoeneß und dessen Anwälte sorgten für einen Vergleich, so kam Nachtweih vergleichsweise glimpflich davon. Dann der Wechsel nach Frankreich zum AS Cannes („Da kam eines Tages so ein junger Schlaks aus der A-Jugend, Zidane oder so ähnlich...“), 1991 die Rückkehr zur Eintracht: „Das war mein größter Fehler, der Stepi konnte nichts mit mir anfangen. Und ich musste mir ein Diktiergerät kaufen, weil ich den nie verstanden habe.“ Noch vier Jahre in die zweite Liga, bei Waldhof Mannheim war er Leistungsträger und verpasste den Aufstieg nur knapp. Dann die Karriere nach der Karriere, der Umzug in den Vordertaunus („Ilka, wo haben wir dann gewohnt? Ach ja, richtig, hinten in der Taunusstraße, neben den Eichhorns!“), hier und da noch etwas Amateurfußball zur Auslastung. Wie er denn zur SG Oberliederbach gekommen sei? „Na, das kam durch Chaki zu Stande. Den Chakir Charaf kennen hier alle, nehme ich an? Mit dem habe ich in Schwalbach zusammen gekickt. Und wenig später wurde der Trainer hier bei der SGO, da hat er mich eben angerufen.“
Nachtweih wagte auch auf Anraten seiner Frau Ilka spät den Blick in seine Stasi-Akte, fand dort Unmengen Fotos und Überwachungsprotokolle. „Aber ich habe mir dazu nie viele Sorgen gemacht. Ich habe auch nie etwas Schlechtes über mein Geburtsland gesagt, dem Ausbildungssystem dort hatte ich schließlich viel zu verdanken.“
Seit inzwischen 20 Jahren ist Nachtweih Jugendtrainer bei der Jugendakademie der Eintracht, spielt ab und an bei der Traditionself mit und hat zudem „Walking Football“ für sich entdeckt, Fußball im Gehen.
Karin Schneider, die Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung Liederbach, bedankte sich am Ende der Veranstaltung bei allen Helfershelfern und allen Anwesenden, bei ihren Kollegen und natürlich bei Nachtweih selbst. Ein vom aktuellen Kader signiertes Eintracht-Trikot wurde auch noch versteigert, Nachtweih posierte geduldig für Fotos und Selfies, signierte mitgebrachte Trikots und seine Biografie – musste dann aber auch schon wieder los: Rudi wartete nämlich schon ungeduldig auf seine abendliche Gassi-Runde!

