Wohnraum, Fachkräfte und die KI: SPD über Industrie im Main-Taunus-Kreis

Dr. Philipp Neuhaus, Umut Sönmez, Matthias Jahn, Roger Podstatny, Marion Hackenthal und Selim Balcioglu (v. l.) sprechen im Bürgerzentrum „Frankfurter Hof“ über die Industriepolitik im Main-Taunus-Kreis.Foto: mas

Sulzbach (mas) – Der Ortsverband der SPD hat vergangene Woche eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Die Teilnehmer diskutierten über bezahlbaren Wohnraum und wie der Fachkräftemangel kompensiert werden kann.

Die Moderation übernahm Matthias Jahn, Vorsitzender der SPD Sulzbach. Er erklärte, welcher Gedanke hinter der Podiumsdiskussion steckte: „Wahlkampf kann jeder, aber wir haben gedacht, dass wir eine Veranstaltung organisieren, die die Gäste in eine andere Welt zieht.“ Mit der anderen Welt meinte Jahn die Industriepolitik. Der Fokus lag dabei auf dem Main-Taunus-Kreis, wobei immer wieder auch auf den Industriepark Höchst Bezug genommen wurde. Um fundiert über dieses Thema sprechen zu können, begrüßte Jahn auf der Bühne hochkarätige Gäste: Dr. Philipp Neuhaus, Spitzenkandidat der SPD für den Main-Taunus-Kreis, Umut Sönmez, Staatssekräter des hessischen Wirtschaftsministeriums, Roger Podstatny, Mitglied der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt am Main und Betriebsratsvorsitzender bei Nobian, Marion Hackenthal, Gewerkschaftsvertreterin von IGBCE, und Selim Balcioglu, Wirtschaftsfachmann. Bis auf Hackenthal sind alle Mitglieder der SPD.

Für bezahlbaren Wohnraum

Hauptthemen des Diskurses waren bezahlbarer Wohnraum und der Fachkräftemangel. Jahn hatte im Voraus Fragen an die Teilnehmer gesandt, welche er ihnen nach und nach auf der Bühne stellte. So kam jeder dazu, zu unterschiedlichen Details Stellung zu beziehen. Neuhaus sagte etwa, dass es gegen fehlenden Wohnraum im Main-Taunus-Kreis eine Nachverdichtung geben müsse. Sönmez sprach davon, dass die Standards für neue Häuser heruntergefahren werden müssten, einhergehend mit der Bekämpfung von „heuschreckenartigen Investoren“, die Milliarden in den Kauf und Verkauf von Immobilien stecken. Er fügte hinzu: „Ich möchte als jemand, der selbst im Main-Taunus-Kreis wohnt, dass sich auch normale Menschen eine Wohnung leisten können.“ Die Mietpreisbremse wurde von Podstatny angesprochen. Hierbei dürfen Vermieter die Miete nicht endlos erhöhen, sondern sich nur in einem festgelegten Prozentrahmen bewegen. Dies sei gut, da das eingesparte Geld an anderer Stelle wieder ausgegeben werden könne. Balcioglu ergänzte die Runde durch einen Einblick in die Praxis und sprach davon, dass Bauanträge immer noch zu lange dauern, unter anderem auch, weil das Bauamt zu stark und oft interveniere.

KI gegen Fachkräftemangel?

Außer dem Wohnraum stand der Fachkäftemangel im Fokus. Balcioglu berichtete, dass er in seinem Unternehmen bereits mehrere Aufgabenbereiche „outgesourced“ hat. Das bedeutet, dass Aufgaben an andere Unternehmen in Auftrag gegeben und somit nicht mehr von den eigenen Angestellten bearbeitet werden. Zwar sei dies teurer, führte Balcioglu aus, aber es gebe dadurch ein kleineres Team. Podstatny erklärte, dass Arbeiter, die zuhause arbeiten, mehr Angst davor hätten, von einer Künstlichen Intelligenz (KI) ersetzt zu werden, im Gegensatz zu Angestellten, die im Werk arbeiten. Bisher seien Arbeitsplätze aber noch nicht von der KI bedroht. Dem stimmte Hackenthal zu und ergänzte, dass die KI die Arbeitskräfte nicht ersetzen, sondern unterstützen soll. Sönmenz führte weiter aus, dass dieser Wandel kommen werde. Wie bei der Klimapolitik müsse man sich aber genügend Zeit verschaffen, um die neuen Regeln und Möglichkeiten langsam zu implementieren, anstatt sie sofort einzuführen.

Lebendige Fragerunde

Etwa 30 Gäste kamen zur Veranstaltung. Es gab einige jüngere und ältere Personen, größtenteils bestand das Publikum aber aus Menschen mittleren Alters, die selbst in der Industrie tätig sind. Sie erweckten den Anschein, ein großes Interesse am Diskussionsthema zu haben, indem sie sich etwa in die vorderen Reihen setzten und die hinteren leer ließen.

Der Anschein wurde bei der Fragerunde bestätigt: Viele Gäste hoben ihre Hand, stellten sich, ihr Unternehmen und dessen Aufgaben vor und berichteten über eigene Erfahrungen. Als sie das Mikrofon erhielten, nutzten sie einerseits die Möglichkeit, den Personen auf der Bühne ihre persönliche Meinung zu schildern, anderseits stellten sie Fragen bezüglich der Industrieentwicklung.

„Was wird gegen die Abwanderung von Unternehmen getan?“, war etwa eine der Fragen, die auf den bisherigen Diskurs einging. Sönmez antwortete ausführlich und beschrieb, dass es immer zwei Seiten gebe: Er könne zwar mit den Unternehmen sprechen und sein Bestes geben, sie vom Abwandern abzuhalten. Aber wenn sich das Unternehm fest dazu entschlossen hat, aufgrund einer günstigeren Produktion ins Ausland zu gehen, könne er nichts mehr dagegen tun. Über das Verhalten dieser Unternehmen beschwerte sich Sömez: „Denen musst du eigentlich eine Torte in die Fresse hauen.“

Durch die Publikumsfragen entwickelte sich eine lebendige Diskussion auf dem Podium. Der rote Faden, den Jahn verfolgte, wurde nicht mehr eingehalten. Die Teilnehmer gaben Stellungnahmen ab, stimmten anderen Rednern zu oder widersprachen auch. Und obwohl die geplante Struktur auseinanderbrach, freute sich Jahn über die Dynamik – er hätte gehofft, dass sich das zu Beginn durchgeplante Gespräch verselbstständige.



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