Ein Abend zwischen Präzision und Leuchten

Bad Homburg (nl). Draußen regnete es in Bindfäden. Wer an diesem Sonntagabend den Weg zur Englischen Kirche fand, tat das mit gesenktem Kopf und hochgeschlagenem Mantelkragen. Drinnen jedoch herrschte eine andere Witterung: konzentrierte Stille, gespannte Erwartung und ein ausverkauftes Haus. Das Galakonzert der Meisterklasse von Lev Natochenny im Rahmen des Lev Natochenny Piano Festivals erwies sich als jener seltene Moment, in dem sich Ort, Programm und Interpreten zu einer schlüssigen Erzählung fügen.

Der rote Faden des Abends war nicht demonstrative Virtuosität, sie war vorausgesetzt, sondern die Genauigkeit im Umgang mit Zeit, Klang und musikalischer Form. Den Auftakt gestaltete Alexander Preiss mit Chopins Walzern op. 69 Nr. 2 in h-Moll, op. 69 Nr. 1 in As-Dur sowie op. 64 Nr. 2 in cis-Moll. Preiss, der früh als außergewöhnliches Talent wahrgenommen wurde und heute eine bemerkenswert breite Ausbildung vorweisen kann, näherte sich Chopin mit Sinn für innere Spannung und kontrollierte Freiheit im Tempo. Übergänge wirkten organisch, die Linien klar geführt, der Klang differenziert und nie forciert. Es war ein Spiel, das nicht auf Wirkung zielte, sondern auf Stimmigkeit.

Mit Tschaikowskys „Nussknacker“-Suite in der Klavierfassung von Michail Pletnew öffnete sich anschließend ein anderes Klangfeld. Marsch der Zinnsoldaten, Tanz der Zuckerfee, Trepak, Chinesischer Tanz, all das ist vertraut. Doch in der Reduktion auf das Klavier gewann die Musik eine besondere Durchsichtigkeit. Preiss arbeitete rhythmische Präzision ebenso heraus wie die feinen Abstufungen der lyrischen Passagen. Das „Intermezzo – Ein Kiefernwald im Winter“ wirkte dabei beinahe wie ein stiller Kommentar zum Abend draußen vor der Tür: kühl, klar, in stetiger Bewegung.

Nach der Pause verlagerte sich der Fokus vom Solistischen zum Dialogischen. Guoda Gedvilaite und Nami Ejiri, beide international erfahren und seit Jahren prägende Persönlichkeiten der Frankfurter Musikszene, widmeten sich zunächst Mozarts Sonate für Klavier zu vier Händen KV 521 in C-Dur. Ihr Zusammenspiel war von jener Selbstverständlichkeit, die aus gemeinsamer künstlerischer Erfahrung entsteht. Die drei Sätze blieben klar voneinander abgegrenzt, ohne auseinanderzufallen; Mozart erschien nicht als dekorativer Klassiker, sondern als präziser Gestalter musikalischer Kommunikation.

Den Abschluss bildeten Brahms’ Ungarische Tänze für Klavier zu vier Händen (Nr. 1, 2, 3, 8, 7 und 5). Gedvilaite und Ejiri fanden eine überzeugende Balance zwischen rhythmischer Schärfe und kammermusikalischer Disziplin. Der folkloristische Impuls blieb deutlich spürbar, ohne ins Grobe zu kippen, die Energie entfaltete sich kontrolliert und zielgerichtet.

Mitten im Publikum saß Lev Natochenny. Während des gesamten Abends war zu beobachten, wie er aufmerksam folgte, häufig mit der Hand leise den Takt mitging, stellenweise fast unmerklich für sich selbst dirigierte. Nach besonders gelungenen Passagen nickte er zufrieden, manchmal mit einem kurzen, sichtbaren Lächeln. Es waren kleine Gesten, unaufdringlich, aber eindeutig. Sie zeigten einen Lehrer, der nicht distanziert beurteilt, sondern innerlich beteiligt ist und dem das Gelingen seiner Studierenden offenkundig am Herzen liegt. Dass sich das Lev Natochenny Piano Festival im kommenden Jahr zum zehnten Mal jährt, war an diesem Abend mehr als eine beiläufige Information. Man spürte die gewachsene Handschrift: die Verbindung von pädagogischem Anspruch und künstlerischer Eigenständigkeit, von internationalem Horizont und lokaler Verankerung. Während draußen der Regen unvermindert fiel, hielt drinnen etwas anderes Stand: die Konzentration auf Musik als ernsthafte, gemeinschaftliche Arbeit. Davon erzählte dieser Abend.

Zwei auf einer Bank. Guoda Gedvilaite und Nami Ejiri zeigen wie kammermusikalische Disziplin aussieht.Foto: nl

Der Nussknacker darf auch zuhören, Alexander Preiss nach einem konzentrierten Soloabend.Foto: nl

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