„Geschlossene Gesellschaft“ von Sartre im Kurtheater

„Die Hölle, das sind die anderen.“ Wenn man bis in alle Ewigkeiten Zeit hat, sich auf die Nerven zu gehen, wird der Satz mit jeder Minute wahrer. Foto: Baumgartl

Bad Homburg (iba). Drei Menschen landen nach ihrem Tod in einer etwas anderen Hölle: Kein Feuer, kein Belzebub, kein Dreizack, kein Geschrei, einfach nur ein arg spärlich eingerichteter Raum, drei unbequeme Sitzgelegenheiten, nichts zu tun, es läuft kein Radio und man steht sich die Beine in den Bauch – ein bisschen wie auf dem Straßenverkehrsamt. Folterknechte sucht man ebenso vergebens, auch in der Hölle wurde offenbar der Rotstift angesetzt. Luzifer muss sparen und hat das Quälen outgesourct, nach kurzer Zeit dämmert es einem der drei Verstorbenen: „Die Folterknechte, das sind wir – für die beiden anderen!“

Regisseur Mathias Hundt inszeniert den Klassiker von 1944 mit mobilen Endgeräten (um die Hinterbliebenen zu überwachen) und dröger Atmosphäre, es gibt wenig bis gar nichts zu tun und alle Nase lang ist man kurz vor dem Durchdrehen. Es fehlt nur noch der Passierschein A38. „Kein Sofa, keine Polster, die drei müssen auf klobigen Kisten sitzen – es soll ja unbequem sein.“ Hundt hat Sartres Stück durchaus etwas aktualisiert, das Smartphone ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, warum sollte es im Jenseits anders sein? „Früher haben die Leute in der S-Bahn gelesen oder sich unterhalten. Heute kleben die alle nur noch vor dem Smartphone. Also haben die drei in meinem Stück auch eins.“

Joseph Garcin schaut etwas ungläubig auf den Handybildschirm, als er virtuell seiner eigenen Beerdigung beiwohnt: „Bei der Hitze tragen die alle Schwarz, die müssen doch schwitzen!“

Ohne Smartphone geht wohl nichts mehr, in keiner der beiden Welten, Big Brother allenthalben beziehungsweise: Big Sister. Johanna Pitsch spielt die „Aufsicht“, im Hosenanzug schaut sie mit strengem Blick auf ihr Klemmbrett und weist die Toten zurecht, bevor sie sich zurückzieht; wenn auch nicht vollständig zurück. Mit sicherem Abstand schaut sie von ihrer Empore auf die Bühne hinab – und auf die drei Figuren, die sich gegenseitig auf die Nerven gehen.

„Da geht im hinteren Bereich der Bühne eine Treppe hoch, die Aufsicht wird sich dann alles ansehen und, nun ja, überwachen.“

Regisseur Hundt scheint die Idee des Überwachungsstaates nicht sonderlich zu mögen, Smartphones offenbar auch nicht, die verstorbene Estelle klebt förmlich vor selbigem, fast so wie die Instagram-Influencer, die sich ein Leben ohne Bildschirm praktisch nicht mehr vorstellen können. Warum diese Fixierung auf das Beobachtete und das Beobachten? Vielleicht weil Hundt selbst „vom Fach“ ist, „eigentlich bin ich Kameramann beim Hessischen Rundfunk. Ich war schon mit vier Jahren das erste Mal in der Dunkelkammer, mein Vater hat gerne fotografiert. Die Kamera habe ich dann nie so richtig aus der Hand gegeben, bin dann später zum ZDF, da war ich unter anderem in Paris eingesetzt – da bin ich dann mit dem Theater in Kontakt gekommen und habe Spaß daran gefunden.“

Ein Theaterregisseur „auf dem zweiten Bildungsweg“, der Theater nicht nur als akustisches Medium versteht, sondern auch als visuelles, seine Schauspieler sollen sich über die Bühne bewegen, es soll hin und her gehen, genug Platz sei ja da im Kurtheater Bad Homburg. Eine weitläufige Bühne mit viel Raum zum sprichwörtlichen Austoben.

Wie Simone Woyke (als Inès Serrano), Ann-Marie Kutter (Als Estelle Rigault), Tim Volrath-Kühne (als Joseph Garcin) und Johanna Pitsch (als Aufsicht) diesen Platz ausnutzen werden, kann man am Samstag, 21. März (20 Uhr), Sonntag, 22. März (15 Uhr) und Dienstag, 24. März (20 Uhr) im Kurtheater Bad Homburg sehen. Und dann bleibt abzuwarten, ob der Satz wirklich stimmt: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Oder sind es am Ende vielleicht doch wir selbst mit unserer smartphone-geprägten 24-Stunden-online-Obsession?

Karten gibt es bei den bekannten Vorverkaufsstellen, dorthin gelangt man am einfachsten über die Website des Kurthaters Bad Homburg (https://www.bad-homburg.de/kurtheater).

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