Bad Homburg (jas). Lange hatten sich Fans des Bad Homburger Poesie- und Literaturfestivals, die Karten für die Lesung des Romans „Eine Frage der Chemie“ gekauft hatten, gedulden müssen. Bereits für Juni dieses Jahres war Schauspielerin Christiane Paul angekündigt gewesen, die aus dem Bestseller hatte vortragen wollen. Doch ein verlängerter internationaler Filmdreh hatte diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt endlich – fünf lange Monate später – war es soweit. Der künstlerische Leiter des Festivals, Bernd Hoffmann, konnte alle Literaturbegeisterten zu diesem besonderen Nachmittag im Festsaal des Steigenberger Hotels begrüßen.
Für die verhinderte Christiane Paul hatte er einen hervorragenden Ersatz gefunden. Im hohen braunen Ledersessel auf dem kleinen Podest nahm Schauspielerin Jeanette Hain Platz. Und eines kann man vorwegnehmen: Das lange Warten auf diesen Literatursonntag hatte sich gelohnt.
Gut gelaunt und bestens vorbereitet war die geborene Münchenerin in die Kurstadt gekommen, in der sie schon mehrfach als Vorleserin beim Poesiefestival ihr Publikum begeistert hatte. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Peter Kurth hatte man sie erst im März dieses Jahres aus Heinrich Manns „Professor Unrat“ vortragen hören.
Diesmal nun gab die vielfach ausgezeichnete Jeanette Hain, die unter anderem aus dem „Tatort“, dem „Bozen-Krimi“ oder der sechsteiligen ARD-Spionage-Serie „Davos 1917“ bekannt ist, ihr Solo-Debüt. Eine absolut gelungene Premiere! Eindrucksvoll verwandelte sich die Schauspielerin abwechselnd in die Protagonistin von Bonnie Garmus’ Roman, die hochbegabte Chemikerin Elizabeth Zott, dann aber auch in den brillanten, etwas verschrobenen Nobelpreiskandidaten Calvin Evans, in den alleinerziehenden Walter Pine und schließlich in Zotts cholerischen Chef. Hains lebhafte und humorvolle Art, die Passagen und Dialoge des Romans vorzutragen, machten die handelnden Personen lebendig und das Zuhören zu einem großen Vergnügen.
Mühelos nahm sie ihr Publikum mit in das Jahr 1961, als die Frauen noch Hemdblusenkleider trugen und Gartenvereinen beitraten. Die Zuhörer lernten die Wissenschaftlerin Zott kennen, und schnell war ihnen klar: Elizabeth ist anders als andere Frauen und vor allem eines nicht – durchschnittlich. Statt ihre Erfüllung im Großziehen von Kindern und der Selbstverwirklichung in der Küche zu finden, sind es chemische Formeln, Verbindungen und Reaktionen, die es Elizabeth angetan haben. Doch niemand traut es Frauen in dieser Zeit zu, Chemikerin zu werden. Außer Calvin Evans, der einsame Nobelpreiskandidat, der sich ausgerechnet in Elizabeth‘ Verstand verliebt. Aber auch 1961 geht das Leben eigene Wege. Und so findet sich eine alleinerziehende Elizabeth Zott schließlich in der TV-Show „Essen um sechs“ wieder. Auch hier hat sie ihren eigenen Kopf. Denn für sie ist Kochen Chemie – und Chemie bedeutet Veränderung der Zustände.
„Wenn Selbstzweifel Sie beschleichen … wenn die Angst Sie packt, denken Sie immer daran, dass Mut der Grundstein für Veränderung ist. Wir sind chemisch dazu angelegt, uns zu verändern“, macht sie ihrem vor allem weiblichen Kochshow-Publikum, das Gerichte wie Hühnerpastete angereichert mit wissenschaftlichen Erläuterungen sehr zu schätzen weiß, unmissverständlich klar. Als Elizabeth plötzlich und auf unschöne Art und Weise die Kündigung erhält, gibt sie den Frauen an den Bildschirmen Bedeutsames mit auf den Weg: „Keine falsche Zurückhaltung mehr. Kein Unterordnen mehr unter die Meinungen anderer, die Ihnen sagen wollen, was Sie leisten können und was nicht. Und nie wieder zulassen, dass andere Sie in Schubladen stecken, in sinnlose Kategorien wie Geschlecht, Rasse, wirtschaftlicher Status und Religion. Lassen Sie Ihre Talente nicht schlummern, Ladies. Gestalten Sie Ihre eigene Zukunft.“
