Spielerisch wie ein Pingpongball zwischen Zartheit und Übermut

Mit leckeren Wassermelonen-Kaugummis im Mund lauschen die Zuhörer in der Bad Homburger Stadtbibliothek Schriftstellerin Lisa Krusche und dem Hölderlin-Förderpreisträger Joshua Groß bei ihrer Lesung „Von Wassermelonen und Grapefruits“. Foto: a.ber

Bad Homburg (a.ber). Eine Tüte Kaugummis mit Wassermelone-Geschmack machte die Runde bei den Zuhörern in der Stadtbibliothek. Die Schriftstellerin Lisa Krusche und Hölderlin-Förderpreisträger Joshua Groß, temporäre Bewohner der städtischen Dichter-Wohnung in der Villa Wertheimber, stimmten damit Bad Homburger Literaturfreunde auf das ein, was sie unter dem Titel „Von Wassermelonen und Grapefruits“ darboten: anderthalb Stunden Lesung, tiefgründig, kurzweilig, intensiv und quicklebendig. Die Themen ihrer jüngst erschienenen Bücher und noch unveröffentlichter Texte eigentlich nichts Neues in der Welt der nachdenklichen Schriftsteller – es ging um die Erfindung und Verortung des Ichs in der Welt, um Sehnsüchte und Träume, um die Seele Heranwachsender, Hoffnungslosigkeit und Weltflucht, Freundschaft und Liebe. Doch der Ton war irgendwie anders, besonders: spielerisch wie ein Pingpongball zwischen Zartheit und Übermut, erfrischend fruchtig eben.

„Schräg am Schweben“ als eine Art, „die gesamte Weltordnung aufzulösen“: So beschreibt Joshua Groß seinen Daseinszustand im jüngst erschienenen Buch „Entkommen“. Er kreist da um die Frage, was er gerne wäre, wenn nicht er selbst. Sich selbst auslöschen durch andauernden Schlaf? Sich der Gegenwart aussetzen? Oder vielleicht lieber psychokinetische Kräfte entwickeln? „Ich würde gerne schräg liegen“, bekennt der 1989 geborene Braunschweiger Schriftsteller, „die Gebundenheit an Ängste auflösen durch Schreiben, ruhig, furchtlos, fähig, verbunden auf die Welt schauen“. Seine Texte sind voller Gedanken-Experimente, ohne Berührungsängste vor heiklen und philosophischen Fragen. Dann liest Joshua Groß aus einem modernen Märchen: Darin lässt er den sechsjährigen Lieferando-Boten Emil auftreten, der einen Topfschnitt hat, unsichtbare Eltern, drei Smartphones und einen gefälschten Ausweis, „mit seinem kleinen Fahrrad und Thermorucksack liefert er Pizza aus, ohne Pausen“. Doch wie im Märchen ist der Held nicht allein: Ein Riesenfaultier sieht, wie Emil sich abmüht, und hilft ihm heraus aus den elterlichen Ansprüchen nach finanzieller Sicherheit, aus der Verlassenheit – eine Parodie auf den arbeitenden Menschen, auf hoffnungslose Kinder in der Anspruchs-Mühle? Oder doch mehr? Joshua Groß reißt vor dem inneren Auge des Zuhörers den Horizont des Lebens auf: Als Emil gemeinsam mit dem Riesenfaultier beginnt Grapefruits zu verspeisen, verbinden sich plötzlich Tier und Mensch, Natur und Zivilisation, und der kleine Held erkennt: „Das Übel steckt in der Struktur.“ Er wird selbst wirkmächtig und auf einmal fähig, „alles zum Guten zu manipulieren“, feiert eine Party auf der Verkehrskreuzung, der Lieferando-Rucksack verbrennt, und niemand kann Emil mehr beeinflussen, „er wird Frührentner“. Die Welt steht auf dem Kopf? Auch gut! Oder besser.

Die Verschmitztheit und Verspieltheit der Sprache ist auch Lisa Krusche eigen. Die 1990 geborene Schriftstellerin, Trägerin mehrerer Literaturpreise, liest an diesem Abend aus ihrem 2021 erschienenen ersten Roman „Unsere anarchistischen Herzen“. Hier geht es um eine Mädchenfreundschaft. Lisa Krusche greift mit ihrer Erzählweise in Ich-Form voller Situationskomik und Jugendslang die Lebensgefühle der jüngeren Generation auf. Die eine Protagonistin lebt mit ihrer wohlstandsverwahrlosten Familie in Hildesheim – „so ner Art ärmliches Bad Homburg“, kommentiert Krusche – will „nicht Ich sein“, kifft Marihuana; die andere musste mit den Eltern aufs Land umziehen und kommt sich „wie ein Kehrblech des Universums für verlorene Seelen“ vor. Die beiden Jugendlichen kommen unterm Sternenhimmel ins Gespräch. Abnabelung vom Elternhaus? Klar, „Freud kann uns am Arsch lecken und unsere Väter auch!“ Eine gemeinsame Reise zu ihren Träumen? Klar, „Einen Freund, der heartbroken ist, lässt man nicht hängen.“ Ihre anarchistischen Herzen schwanken zwischen Sehnsucht und Realitätssinn. Und dann die Liebeserklärung: „Ich würde dir meinen Milchzahn schenken.“

Lisa Krusche nimmt die Zuhörer mit hinein in ihren überbordenden Übermut, die beiden Mädchen schmeißen in ihrer Fantasie Melonen von einem hohen Turm, schauen sich die „glänzenden Stücke“ an, die aufbrechen. Die Seelennöte und Freuden Heranwachsender beschreibt sie meisterhaft. Die Lesung endet mit Zitaten aus dem Roman „In Wassermelonen Zucker“ des 1984 verstorbenen US-amerikanischen Schriftstellers Richard Brautigan: burleske Gedanken, absurde Sehnsüchte, bis in Auflösung verfeinerte Wahrnehmung des Lebens – Lisa Krusche und Joshua Groß haben daran einen Narren gefressen, genau wie ihre Zuhörer in der Bibliothek an den Kaugummis.



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