Bad Soden (es) – Großartiger hätte man den Höhepunkt der diesjährigen 20. Mendelssohn Tage der Musik nicht planen können, als mit Mendelssohns Oratorium „Elias“. Es sollte etwas Besonderes zu hören sein anlässlich des Jubiläums. Um aber ein solch großes, anspruchsvolles Werk musikalisch wirkungsvoll aufführen zu können, bedurfte es schon einiger Vorbereitung. „Um eine Aufführung dieser Größe zu realisieren, müssen viele Kräfte erfolgreich zusammenwirken: Chor, Orchester, musikalische Leitung und nicht zuletzt Organisation und Kommunikation,“ so die Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, Frau Dr. Susanne Völker, in ihrem Grußwort, und weiter: „Großartig, dass Sie alle gekommen sind, ein großartiges Werk, eine großartige Zusammenarbeit“. Sie dankte Dr. Jürgen Frei, Vorsitzender der Bad Sodener Musikstiftung, für sein immerwährendes Engagement für die so erfolgreichen zwanzig Jahre der Mendelssohn Musiktage.
Großartiges Engagement
Dem schloss sich Bürgermeister Dr. Frank Blasch mit einer Begrüßungsrede an und erläuterte für alle Anwesenden nochmals die Besonderheit der Verbindung Bad Sodens zum Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy. Dieser kam in den Jahren 1844 bis 1846 mehrmals als Gast und zur Erholung seines Sohnes nach Bad Soden. Hier komponierte er den Chorsatz „Denn er hat seinen Engeln…“, um ihn später in sein Oratorium „Elias“ einzufügen. Dies war erstmals am 2. November 1844 im Berliner Dom zu hören. Blasch dankte allen, die diesen Abend überhaupt erst möglich gemacht hatten und oftmals im Hintergrund wirken. Großer Dank ging an die Sponsoren, hier die Förderung durch den Kulturfonds Frankfurt und die Taunus Sparkasse. Ein Glücksfall sei, dass sich die beiden Dirigenten, Alexander Ebert, Leiter von Chor und Orchester der Gesellschaft der Musikfreunde Bad Soden am Taunus e.V. und Dekanatskantor Bernhard Zosel, Leiter des Chores der Johanniskirche in Kronberg, für dieses Projekt gewinnen ließen. Wie von diesen zu hören war, bedurfte es einer Probenzeit für Chöre und Orchester von mehr als einem halben Jahr. Einige a-cappella-Vorprogramme in Kirchen mit Chorauszügen aus dem Oratorium schweißte die ca. 100 Sängerinnen und Sänger zusammen.
Im Weiteren betonte Blasch, dass er diese Begrüßungsrede von Dr. Jürgen Frei übertragen bekommen habe, da dieser selbst als Bratschist im Orchester mitwirke. Er dankte ihm im Namen der Stadt für sein Engagement in den vergangenen zwanzig Jahren. Als weitere Gäste des Abends begrüßte er den Landrat des Main-Taunus-Kreises, Michael Cyriax, ebenso wie den früheren Landrat Berthold Gall mit Gattin und nicht zuletzt herzlichst die Ehrenbürgerin der Stadt Bad Soden, Frau Dr. Dietmut Thilenius.
Mit Spannung erwartet
Es folgte der mit Spannung erwartete Einsatz zum ersten Teil des zweieinhalbstündigen Oratoriums.
Düster, von tief unten, setzten die Bläser ein und gaben dem stimmgewaltigen Bariton, Solist Timon Führ, den Auftakt. Er interpretierte und verkörperte im Verlauf der Handlung einen authentischen Elias, dessen Tatendrang, dessen Schmerz um Niederlagen, dessen Verzweiflung und tiefer Absturz bis hin zur wieder aufstehenden Leitfigur des Volkes Israels erlebbar wurde. Je nach innerem Zustand, von Mendelssohn perfekt auskomponiert, färbte sich Timon Führs Bariton von gewaltiger Erregung bis zu zart ergreifenden Tönen. Damit löste er bei den Zuhörerinnen und Zuhörern Gefühle aus, die an eigene Tiefen und Höhen im Leben erinnern konnten. Das Orchester, im Besonderen die Bläser, unterstrichen die jeweilige Befindlichkeit des Elias, und Stimme und Klang gingen unter die Haut.
Einfühlsame Komposition
Unter den Vertonungen des biblischen Elias-Stoffes nimmt das Oratorium von Mendelssohn eine herausragende Stellung ein. Mendelssohn gelang eine einfühlsame Wiedergabe der tragischen Geschichte im 1. und 2. Buch der Könige im Alten Testament. Elias, ein bedeutender Prophet, kämpft gegen den Götzendienst an Baal unter König Ahab und dessen Frau Isebel. Mit Eifer will er das Volk überzeugen, dass nur ein Gott, Jahwe, die Geschicke der Menschheit führt. Jedoch das Volk schenkt ihm keinen Glauben trotz der Wunder, die er im Namen Gottes vollbringt – hier die Wiederbelebung des Sohnes einer Witwe. Er konfrontiert die Menge der Baals-Propheten am Berg Carmel, um sie alle mit Jahwes Hilfe durch Feuer zu Tode zu bringen. Damit zieht er den Zorn Ahabs und Isebels auf sich und er flieht, nach dem Rat Obadjahs, einem Diener Ahabs, vor ihrer Rache in die Wüste. Dort wird er völlig entkräftet von einem Engel mit Brot und Wasser versorgt. Tiefe Enttäuschung über sein Versagen zieht die Seele Elias‘ hinunter, es ist ihm nicht gelungen, die Israeliten von Gott Jahwe zu überzeugen. Er hadert mit Gott. Wieder trösten und ermuntern ihn Engel und bereiten ihn vor, sich erneut auf den Weg zu machen. Gestärkt begibt er sich zum Berg Horeb, wo ihm Gott neu begegnet – nicht, wie von Elias erwartet, durch Feuer und Sturm, sondern Gott zeigt sich ihm in einem „sanften Säuseln“.
Grandioses Chorwerk
Das Werk verlangt den Choristen alles ab. Als Volk bezeugen sie das Geschehen. Als Betroffene besingen sie, was sie erleben, was sie erschreckt, ihren Widerstand und ihre spätere Erkenntnis. Erzählerische Rezitative wechseln sich ab mit Bitten und Flehen, mit Wut und Ohnmacht, mit Trost und Hoffnung. Es gelang dem Chor, Textpassagen, die unter anderem von Sturmwind, von Feuer, von Strafe und Vergebung erzählten, mit stimmlicher Bewegung wiederzugeben, so wie Mendelssohn es auskomponiert hat. Unter dem Dirigat von Bernhard Zosel, 1. Teil, und Alexander Ebert, 2. Teil, bildeten die Sängerinnen und Sänger ein großes Ganzes. Die musikalischen Nuancen, die von den Dirigenten ausgingen, wurden aufgenommen und perfekt umgesetzt. Die Höhen des Soprans, getragen von Altstimmen, Tenor und satten Bässen, erklangen sauber und wie mühelos über den ganzen Zeitraum von zweieinhalb Stunden dieses anspruchsvollen Werkes.
Hervorragende Solisten
So zeigte sich diese Aufführung wie eine konzertante Oper, wozu die hervorragenden Solisten einen erheblichen Teil beitrugen. Durch hohe Textverständlichkeit und überzeugendes Engagement in den Rollen konnten beim atemlos lauschenden Publikum Bilder vor dem inneren Auge entstehen – kein Husten, kein Knistern war in der langen Zeit des Zuhörens zu vernehmen. Es gab Augenblicke der Ergriffenheit, in denen man „eine Stecknadel hätte fallen hören“ können. Die Geschichte des Elias ist ein Bibeltext ohne jegliche Vergänglichkeit. Was geschildert wird, ist auch ein Thema der Menschen in unserer Zeit.
Es gastierten neben Timon Führ als Bariton für den Elias der Tenor Theodore Browne für Obadjah, der brasilianische Tenor Murilio de Sousa Pereira für Ahab und die Mezzosopranistin Birgit Schmickler als Witwe. Als zweiter Engel sang die südkoreanische Sopranistin Hayoung Naml, die Altistin Susanne Rohn, besonders ausdrucksstark in Gestik und Stimme, als wütende Königin und in weiteren Rollen der Bass Christoph Kögel sowie mit glockenheller Sopranstimme Lisa Kleberger als Knabe. Alle Solistinnen und Solisten gehören zum Freundeskreis von Alexander Ebert und Bernhard Zosel. Vielleicht hat diese Konstellation das musikalische Zusammenspiel in dieser Aufführung noch erhöht. Durch spürbare Begeisterung und Leidenschaft aller im Miteinander erklang das Oratorium wie aus einem Guss.
Großartiges Orchester
Hier darf auch die großartige Leistung des Orchesters nicht unerwähnt bleiben. Achtundsechzig Instrumentalistinnen und Instrumentalisten, davon allein achtzehn Bläser und ein Continuo sowie Pauken, bildeten einen fulminanten Klangkörper. Die vier Hornisten zeigten ihr besonderes Können in zartem Klang. In Solopartien unterstrich der Cellist die Einsamkeit des Elias in der Wüste, die Flötistin begleitet das Engelsolo „Sei stille dem Herrn“ mit hoffnungsvollem Klang und die Oboistin gab mit warmem Ton wieder, was Elias von Gottes Gnade sang. Nicht nur Chor und Solisten erzählten, sondern auch das Orchester, indem es zum Beispiel die Bewegungen von Feuer und Wasser wunderbar wiedergab. Kein Instrument trat hervor, das Orchester folgte, ob in leisen oder starken Takten, exakt dem Dirigat, bildete mit dem Chor ein harmonisches Ganzes und ließ den Solisten viel Raum zur Stimmentfaltung.
Die Standing Ovations, der Beifall, das Jubeln und Rufen wollten kein Ende nehmen, als der letzte Ton verklungen war. Es war, als ob die Spannung der letzten Stunden sich lösen musste. Es trat erst Beruhigung ein, als das Solistenensemble sich nochmals zusammenfand und mit ergreifender Ruhe den Chorsatz „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ den Gästen mit auf den Nachhauseweg gab.
Ein großartiges Werk, großartig interpretiert und hoch musikalisch zum Ausdruck gebracht von den zwei Chören, den Solisten und dem Orchester der GDM. Strahlende Gesichter der Mitwirkenden und des Publikums brachten dies am Ende zum Ausdruck. Eine Aufführung, die unvergesslich in die Geschichte der Mendelssohn Tage der Musik eingehen wird.


