Perspektiven, Generationen und Werte: Kristine Bilkau und ihr Roman „Halbinsel“

Charmant und mit viel Gefühl las Kristine Bilkau am vergangenen Donnerstag im Kulturzentrum Badehaus aus ihrem preisgekrönten Roman „Halbinsel“.Foto: Scholl

Bad Soden (Sc) – Am vergangenen Donnerstag las die vielfach ausgezeichnete Autorin Kristine Bilkau im Kulturzentrum Badehaus aus ihrem Roman „Halbinsel“. Das Buch gewann 2025 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Kristine Bilkau ist mit ihrem Roman ein einfühlsames Werk zu den Themen Verlust, Erinnerung und Neuanfang gelungen, das sowohl von der jüngeren als auch von der reiferen Generation hoch gelobt und gerne gelesen wird – was auch aus den Reihen des anwesenden Publikums deutlich wahrzunehmen war.

Generationenkonflikt

Auf einer Halbinsel im nordfriesischen Wattenmeer lebt Annett. Sie ist Ende 40 und hat an diesem beschaulichen Flecken Erde ihre Tochter Linn allein großgezogen, nachdem ihr Mann sehr früh verstorben ist. Linn ist Mitte 20 und hat eine beachtliche Karriere in ihrem Traumberuf gemacht, nachdem sie nach dem Abitur studierte, im Ausland ihren Masterabschluss machte und sich anschließend unter anderem in rumänischen Wäldern als Umweltvolontärin engagierte. Für Annett ist ihre Tochter die Verkörperung von Hoffnung, Sinn und Zukunft – einer Zukunft, für die sie als Mutter viel geopfert hat. Doch eines Tages kippt Linn während eines Vortrages mit einem Kreislaufzusammenbruch vor Erschöpfung um und Annett holt sie für eine Woche zu sich nach Hause. Aus einer geplante Woche Erholung werden Monate – zerrieben zwischen Leistungsdruck und Sinnsuche scheint Linn mit Mitte 20 an einem Nullpunkt angekommen zu sein. Annett fühlt sich angesichts der Antriebslosigkeit ihrer Tochter in dieser Situation hilflos. Mit der Zeit brechen sowohl persönliche Konflikte zwischen Mutter und Tochter als auch zwischen zwei Generationen auf. Beide durchlaufen einen – teilweise – schmerzhaften und herausfordernden Prozess, um die Lebenswirklichkeit der anderen neu zu verstehen.

Mit ihrem großem Gespür für das Zwischenmenschliche lotet Kristine Bilkau in ihrem Roman die drängenden Fragen unserer Zeit aus: die Frage nach der Verantwortung der Älteren für den Zustand der Welt sowie der Wunsch der Jüngeren, das eigene Leben mit Sinn zu füllen.

„Coming of Age“-Geschichte

Um es vorweg zu nehmen – Kristine Bilkau ist eine wunderbare (Vor-)Leserin: Mit einem sympathischen Lächeln nimmt sie die Stimmung ihres Publikums auf, freut sich über die zahlreichen Gäste zur Lesung genauso wie über das schöne Ambiente im Badehaus. Es stellt sich heraus, dass viele Zuhörerinnen das Buch bereits gelesen haben und gespannt sind, was die Autorin zu ihren Romanfiguren und deren Beziehung über das Buch hinaus zu berichten hat.

Die Geschichte spielt, soviel steht fest, auf der Halbinsel Eiderstedt. Hier lebt die Protagonistin Annett, die sich in einer „Umbruchphase“ befindet. Die grundlegende Frage „Wo will ich (noch) hin in meinem Leben“ begleitet den ersten Teil der Lesung, in der von Annett und ihrem Leben als Bibliothekarin berichtet wird. Früh Witwe geworden, hat sie sich in ihrem Single-Leben in einer norddeutschen Kleinstadt eingerichtet, stellt sich aber nach dem Weggang der Tochter häufiger die Frage, was sie mit ihrem Leben noch „anfangen“ möchte, welche Träume sie noch hat und wie diese verwirklicht werden können. Somit entpuppt sich das Buch zu einem Teil auch als „Coming of Age“-Geschichte von Annett, die sich allerdings plötzlich mit einem erneuten Umbruch konfrontiert sieht, als ihre Tochter nach einem Zusammenbruch wieder zuhause einzieht. Die Freude über die Heimkehr der Tochter und die Fürsorge für deren Wohlergehen kann jedoch nicht lange darüber hinwegtäuschen, dass sich zwei (unabhängige) Frauen unterschiedlicher Generationen begegnen, die sich ganz neu kennenlernen müssen. Die einfühlsame Beschreibung dieses Prozesses des „Sich-neu-Entdeckens“ ist es, was die Faszination dieses wunderbaren Buches letztendlich ausmacht!

Perspektiven, Generationen und Werte

Das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern ist naturgemäß durch die Zeit des Aufwachsens der Kinder geprägt – welche Entwicklungen die Kinder durchlaufen, wenn sie das Elternhaus verlassen haben und wie sich die daraus entwickelnden Werte von denen der Eltern unterscheiden, ist ein zentraler Punkt dieses Romans. Unterschiedliche Wahrnehmungen der gleichen Begebenheiten und ein daraus resultierendes fehlendes gegenseitiges Verständnis führen Mutter und Tochter in Diskussionen, die schwierig und teilweise auch schwer zu ertragen sind.

Auf der einen Seite die erschöpfte, ernüchterte und desillusionierte Tochter, die einen neuen Sinn in ihrem Leben sucht – auf der anderen Seite die ungeduldige Mutter, die ihre ambitionierte, enthusiastische Tochter wiederhaben möchte. Und die zentrale Frage: Spiegeln die Erwartungen der Mutter nur ihre eigenen unerfüllten Wünsche wider?

Als Linn sich dann auch noch entschließt, ihrem alten Job den Rücken zu kehren und in der ortseigenen Bäckerei zu arbeiten, stellt sich Annett die Frage, ob womöglich „alles umsonst“ gewesen sei. Mutter und Tochter müssen, da Linn sich entschließt, zunächst bei ihrer Mutter zu bleiben, lernen, sich neu zu orientieren, einander zuzuhören und sich gegenseitig Raum für eigene Lebensentwürfe zuzubilligen.

Fokus Familie

Kristine Bilkaus Schreibstil ist zum einen sehr poetisch, sie scheut aber auch die klaren Schilderungen der Beziehung zwischen Mutter und Tochter nicht. Herausforderungen meistern, auch wenn sich die Zeiten – und damit die Werkzeuge zu deren Bewältigung – geändert haben, ist ein zentrales Thema ihres Romans. Aber auch der Zwiespalt einer Mutter, die ihre Tochter unbedingt beschützen möchte, gleichzeitig aber auch loslassen muss, ist ein Thema, dem die Geschichte Raum gibt. Der für Eltern oft nur schwer auszuhaltende Konflikt zwischen dem eigenen Impuls zur Fürsorge und die von den Kindern eingeforderte Autonomie und Freiheit ist eines der wichtigsten Themen dieses Werkes.

Kristine Bilkau ist mit ihrem Roman eine moderne Eltern-Kind Geschichte gelungen, die liebevoll, eindringlich, aber auch realistisch von unterschiedlichen Wahrnehmungen und Perspektiven erzählt – daraus resultierende differierende Lebenswirklichkeiten zum Thema macht und damit ihren Fokus auf die Funktionalität moderner Familien legt.

Aus der Schreibwerkstatt

Im Anschluss an die Lesung stellte sich Kristine Bilkau den Fragen ihrer Leserinnen, die gerne mehr über die Konzeption ihrer Geschichten und Romanfiguren erfahren wollten.

Die Romanfiguren, so Bilkau, entstehen zuerst – darauf folgt die Konzeption der „Umgebung“ – also derjenigen Orte, an denen die Geschichte spielt. Mit der Nordseeküste hat Kristine Bilkau für den Roman „Halbinsel“ einen Ort gewählt, der ihr persönlich vertraut ist – was die Einbettung der Figuren in die mit dem Ort verbundene „Grundstimmung“ des Romans erleichtert.

Die Figuren entwickeln sich „chronologisch“ mit dem Fortschreiten der Geschichte selbst. So berichtete Bilkau, dass sie zunächst 20 bis 40 Seiten des Romans schreibt, diesen Beginn jedoch mehrmals überarbeitet – so lange, bis auch der Erzählfluss der Grundstimmung des Romans entspricht. „Ich muss den Erzählton aufnehmen, bevor ich die Geschichte weiterführe, denn der ,Klang’ der Geschichte ist für mich elementar mit den Protagonisten und der Story verbunden – er ist letztendlich für die Atmosphäre in der Geschichte verantwortlich.“ Ist der Erzählton erst einmal gefunden, schreibt sie die Geschichte weiter, was dann im Verhältnis auch deutlich schneller von der Hand gehe. Mit Eiderstedt hat Kristine Bilkau einen Ort für ihre Handlung gewählt, der ihr vertraut ist und mit dem sie darüber hinaus eine ganz bestimmte Stimmung verbindet. Bei einer Wattwanderung die Gedanken schweifen lassen oder über versunkene Städte nachzudenken sind persönliche Erinnerungen, die Eingang in ihren Roman gefunden haben. Ihre stimmungsvollen Schilderungen von „märchenhaftem Dämmerlicht“ oder ihre Assoziation eines entlaufenen Pferdes mit einem „Geisterpferd“ tragen maßgeblich zur poetischen Gesamtstimmung dieses Romans bei.

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