Weltberühmte Nagelbilder – Die Kunst von Günther Uecker in der Stadtgalerie

Mit seinen „Nagelbildern“ wurde Günther Uecker weltberühmt.Foto: Scholl

Bad Soden (Sc) – Günther Uecker (geboren 1930 in Wendorf, gestorben am 10. Juni 2025 in Düsseldorf) ist ein deutscher Maler und Objektkünstler, der zu den bedeutendsten Vertretern der Nachkriegskunst in Deutschland zählt. International bekannt wurde er als Mitglied der Künstlergruppe ZERO, die er 1961 gemeinsam mit Heinz Mack und Otto Piene prägte. Die Gruppe stand für einen künstlerischen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg – für Licht, Bewegung und eine radikale Reduktion der Form.

Nagelbilder – Ausflug in die 3. Dimension

Uecker ist vor allem für seine charakteristischen Nagelbilder bekannt. Diese Bilder zeichnen sich durch eine ganz besondere Art der Fertigung aus. Günther Uecker schlug zunächst eine Unzahl von Nägeln strukturiert in relativ dicke Holztafeln ein. Anschließend wurden die so entstandenen „dreidimensionalen Werke“ mit angefeuchtetem, handgeschöpftem Büttenpapier bedeckt und manuell durch eine Presse – ähnlich der für Linoleumdrucke – geleitet. Auf diese Art drückte sich das Relief der Nägel in das feuchte Büttenpapier ein, wobei eine dreidimensionale Prägung des Nagelreliefs entstand. Anschließend wurde das „geprägte“ Büttenpapier zum Trocknen ausgelegt. Der Vorgang wird als „Blindprägung“ bezeichnet – die reliefartigen Nagelstrukturen erzeugen durch Licht und Schatten eine starke plastische Wirkung –, die Oberfläche wirkt fast lebendig und verändert sich je nach Blickwinkel des Betrachters. Darüber hinaus machte sich Uecker die Unebenheiten des Büttenpapiers, die beim Trockenvorgang unweigerlich entstehen, zunutze. Die Wellen im Papier verleihen dem Kunstwerk eine ganz eigene Plastizität, die, in einem entsprechend tiefen Rahmen präsentiert, eine faszinierende Wirkung entfalten.

„Huldigung an Hafez“

In der Ausstellung befinden sich auch Werke aus dem Werkzyklus „Huldigung an Hafez“. Es handelt sich um eine künstlerische Auseinandersetzung Ueckers mit dem persischen Dichter Hafis (auch Hafez genannt), der im 14. Jahrhundert lebte und als einer der bedeutendsten Lyriker des Sufismus gilt. Hafez’ Gedichte kreisen um Liebe, Spiritualität, Vergänglichkeit und die Suche nach göttlicher Wahrheit. Für die Gestaltung der Werke, die neben den charakteristischen Nägeln auch Schriftelemente enthalten, verwendete Uecker helle, oft weiße Bildgründe sowie fast schriftähnliche Strukturen auf reliefartigen, bewegten Oberflächen.

Die eingeschlagenen Nägel erzeugen auch hier ein vibrierendes Licht- und Schattenspiel. Viele Kompositionen erinnern an Schriftzeichen oder kalligrafische Bewegungen – eine bewusste Annäherung an die persische Dichtung und an die Tradition der islamischen Kalligrafie. Der Nagel ist bei Uecker häufig ein Symbol für Verletzung und Leid. Im Kontext von Hafez kann er aber auch für die mystische „Wunde der Liebe“ stehen – also für die leidenschaftliche, existenzielle Suche nach Gott. Mit diesem Zyklus schuf Uecker eine Brücke zwischen westlicher Nachkriegskunst und orientalischer Poesie. Er würdigt damit die verbindende Kraft der Kunst über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg. Der Zyklus zeigt eine ruhigere, meditative Seite Ueckers. Während frühere Arbeiten oft stark politisch aufgeladen sind, steht hier die spirituelle Dimension im Vordergrund. Dennoch bleibt sein zentrales Thema erhalten: die Auseinandersetzung mit Existenz, Leid, Hoffnung und Humanität. „Huldigung an Hafez“ ist damit ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Günther Uecker Material, Licht und Symbolik nutzte, um Poesie in eine plastische, visuelle Sprache zu übersetzen.

Skulpturen

Zu den eindrucksvollen Objektarbeiten Günther Ueckers gehört die Skulptur „Buch und Kissen“, in der er alltägliche Gegenstände in existenziell aufgeladene Kunstwerke verwandelt.

In der Skulptur wird das Symbol des Wissens und der Kultur durch einen eingeschlagenen Nagel mit einem Kissen verbunden und so verändert. Das Buch – normalerweise Träger von Sprache, Erinnerung und geistigem Austausch – erscheint durch den Nagel verschlossen, verletzt und unzugänglich. Der Nagel kann auch als Zeichen von Zensur, Unterdrückung oder geistiger Blockade gelesen werden. Ein Kissen steht traditionell für Ruhe, Geborgenheit und Schlaf. Uecker versieht jedoch auch dieses weiche, vertraute Objekt mit dem Nagel – dadurch wird das Symbol der Sicherheit ins Gegenteil verkehrt: Das Kissen wirkt bedrohlich und fast schmerzhaft.

„Lichtschauer“ – Ueckers letztes Werk

In der Ausstellung zu sehen ist auch Ueckers letztes Werk. Mit dem Titel „Lichtschauer“ hat er zwei zusammengehörende Werke geschaffen, die – das eine ganz weiß, das andere tiefschwarz – anmuten wie eine Auseinandersetzung des Künstlers mit Tag und Nacht. Diese sensationellen, großflächigen Werke wurden im Jahr 2024 von Uecker geschaffen. Die Wirkung von Licht und Schatten ist bei diesen Werken noch intensiver als bei allen anderen, weshalb sie als sein „graphisches Meisterwerk“ gelten.

Bedeutender Nachkriegskünstler

Günther Uecker zählt zu den wichtigsten deutschen Gegenwartskünstlern, dessen Werk bis heute international große Beachtung findet. Seine Arbeiten sind international in renommierten Museen vertreten. Dazu zählen unter anderem das Museum of Modern Art (MoMa, New York), das Tate Modern (London) und das Centre Pompidou (Paris). Darüber hinaus befinden sich seine Werke in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen weltweit.

Ueckers Kunst bewegt sich in seiner Deutung zwischen Zerstörung und Heilung. Der eingeschlagene Nagel kann als Symbol für Schmerz, Verletzung und Gewalt verstanden werden – steht zugleich aber auch für Ordnung, Struktur und Konzentration. Die häufige Verwendung der Farbe Weiß weist auf Reinheit, Stille und Neubeginn hin. Ueckers Arbeiten sind nicht nur ästhetische Objekte, sondern Ausdruck einer ethischen Haltung: Der Künstler verstand Kunst als Mittel der Auseinandersetzung mit Geschichte, insbesondere mit den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und den Folgen von Gewalt. Licht und Bewegung spielen dabei eine zentrale Rolle – sie symbolisieren Hoffnung und Veränderung.

Diese herausragende Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Galerie am Dom, Frankfurt am Main, in der Stadtgalerie im Badehaus Bad Soden präsentiert wird, ist noch bis zum 29. März zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch, Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr.



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