Neues Jahresmotto der Seniorenresidenz Augustinum: „Vielstimmig“ durch das Jahr 2026

Dr. Helmut Bartel begeisterte seine Gäste mit einem interessanten und kurzweiligen Vortrag zur Geschichte der Chormusik. Foto: Schaller

Auftaktvortrag von Dr. Bartel zur Chormusik aus Jahrhunderten

Neuenhain (es) – Dr. Helmut Bartel, Musikpädagoge, promovierter Musikwissenschaftler und aktuell Dozent für Musikgeschichte an der URL3 der Goethe-Universität Frankfurt am Main, folgte am Mittwoch, den 28. Januar, der Einladung von Kulturreferentin Sandra Zechiel. Im Zeichen des neuen Mottos „Vielstimmig“ war Dr. Bartel genau der Richtige, um in die Vielstimmigkeit der europäischen Chormusik einzuführen.

„Ich kann nur frei reden, am Vorlagenpapier kleben ist gar nicht meine Sache“, so Dr. Bartel im Interview. Davon konnten sich die zahlreichen Bewohnerinnen und Bewohner im Festsaal des Augustinum überzeugen. Locker, mit der einen oder anderen anekdotischen Nebenbemerkung, gestaltete Dr. Bartel einen interessanten Bildvortrag mit begleitenden Musikbeispielen.

Angefangen mit der Gregorianik, die noch als einstimmige Form des Kirchengesangs ab dem 4. Jahrhundert zur Liturgie der römisch-katholischen Kirche erklang, bekamen die Zuhörerinnen und Zuhörer schönste Klangbeispiele aus nachfolgenden Jahrhunderten bis hin zur 1935 komponierten „Carmina burana“ des Komponisten Carl Orff präsentiert. Hier die Information, dass die Uraufführung von Carl Orffs Werk am 8. Juni 1937 in der Oper Frankfurt erfolgte.

„Der Kirchenklang und die Chormusik sind untrennbar miteinander verbunden. Die Klangfülle in Kirchen hat zu zahlreichen Chorwerken ‚a cappella‘ und mit Orchester geführt – ja, die Komponisten durch die Jahrhunderte hindurch dazu inspiriert“, so Dr. Bartel.

Ein Höhepunkt der Chorliteratur ist Georg Friedrich Händels „Halleluja“. Die Vielstimmigkeit ist hier sehr klar zu erleben. Angefangen mit einer Basspartie, folgen nacheinander Tenor, Alt und Sopran –„man singt sich das Halleluja zu“– und münden gemeinsam ein in einen gigantischen Gesamtklang.

Zart dagegen die Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdys Engelterzett „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ aus dem Oratorium „Elias“, Joseph Rheinbergers Abendlied „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ und von Johannes Brahms das Wiegenlied „Guten Abend, Gute Nacht“. Diese Werke sind wohl mit das Schönste, was die Chormusik zu bieten hat.

Natürlich steht Johann Sebastian Bach mit seinen über 300 geistlichen und weltlichen Kantaten im Mittelpunkt aller Betrachtungen. Sein Weihnachtsoratorium, die h-Moll Messe, die Neujahrskantate, gehören zu den anspruchsvollsten Werken für Sängerinnen und Sänger. Martin Luthers Spruch „So sie’s nicht singen, gleuben sie’s nicht“ ist den Kompositionen Bachs sicher vorangegangen. Diese Werke zeugen von großer Glaubensstärke und gehören bis heute zu den Höhepunkten der Kirchenmusik – neben zahlreichen weltlichen Kompositionen.

In späteren Jahrhunderten folgten Amadeus Mozarts „Ave Verum“, Joseph Haydn mit dem Oratorium „Die Schöpfung“ und Franz Schuberts „Deutsche Messe“, um nur einige zu nennen.

Das erzählerische Talent Dr. Bartels begleitete die Fotografien der Komponisten, zahlreicher Chöre, Kirchen und Weisheiten, die auf einer großen Leinwand erschienen. Die jeweiligen Klangbeispiele entstammten seinem Fundus, die der Musikwissenschaftler über Jahrzehnte gesammelt hat. Darüber hinaus war eine besondere Chorleistung zu hören: bei einem Dirigat Sir Simon Rattles, der bei Ludwig van Beethovens „Ode an die Freude“ mit „Freude schöner Götterfunken…“ mit einem bis dahin nie gehörten Tempo dem Chor alles abverlangte.

Neben all der kirchlichen Chormusik bekamen die Anwesenden weitere Chorwerke zu hören, wie das berühmte „Va, pensiero, sull’ali dorate…“ aus Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“, das jeder Italiener als heimliche Nationalhymne mitsingen kann.

So wurde auch das Lied „Wir winden die den Jungfernkranz“ aus dem „Freischütz“ von Carl Maria von Weber zum Volkslied, was Heinrich Heine zu einer emotionalen Kritik verführte:

„Und nun den ganzen Tag verlässt mich nicht das vermaledeite Lied. Die schönsten Momente verbittert es mir. Den ganzen Nachmittag werde ich mit „dem Jungfernkranz“ gewürgt. Mal von einem Lahmen abgeorgelt, mal von einem Blinden heruntergefidelt. Und immer die alte Melodie…“.

So mag es auch manchem gegangen sein, als 1969 der Hit der Gruppe „The Edwin Hawkins Singers“, „Oh Happy Day“, immer und immer wieder in den Charts zu hören war. Was als Gospel gedacht war, eroberte in kürzester Zeit alle Radio- und Fernsehsender.

Bei „The Night of the Proms“ erklingt jedes Jahr vielstimmig das alte schottische Volkslied: „Auld Lang Syne“ („Nehmt Abschied Brüder ungewiss“), das auf einem Balladentext aus dem Jahre 1711 basiert. 1907 tauchte es als Vertonung von Frank Stanley in den ersten amerikanischen Hitparaden auf und verbreitete sich weltweit.

Nach all diesen interessanten Klangbeispielen kam der Wunsch auf, Dr. Helmut Bartel ein weiteres Mal einzuladen, um die neuzeitlichen Chorwerke des 20. und 21. Jahrhunderts vorzustellen, denn dazu war nach gut eineinhalbstündigem Vortrag leider keine Zeit mehr.



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