Ausstellung in Eschborn: "Schwestern zerreißt eure Ketten"

Erstellt von Leser-Reporter: Dieter Walz

Die Jahre 1848/49 stellen in der europäischen und deutschen Geschichte einen Kumulationspunkt dar: In diesen beiden Jahren treiben verschiedene Entwicklungen, die ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihren Ausgang nehmen, zu einem vorläufigen Höhepunkt zusammen. Schon die Französische Revolution von 1798 hat ganz Europa gezeigt, dass Revolution funktionieren kann: Nicht mehr der Adel bestimmt den Verlauf der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen allein. Es ist die Bevölkerung, vom städtischen Proletariat bis zum wohlsituierten Bürgertum, die lautstark ihren Wunsch nach Wandel und Veränderung zum Ausdruck bringt und zum Handeln bereit ist.

Wie in der historischen Forschung bis in die moderne Zeit üblich, waren auch die europäischen Revolutionen von 1848/49 eine Geschichte von Männern: die bedeutenden Akteure an den fürstlichen Höfen, die bekannten Revolutionäre und die gebildeten Kritiker des Systems – alles Männer. Unzweifelhaft entspricht das der Realität des 19. Jahrhunderts. Einzig Männer hatten in Gesellschaft und Politik, in Wirtschaft und Bildung das Sagen. In den Familien, in der Kirche, in Werkstätten und auf Bauernhöfen hatten die Männer das letzte Wort.

Doch es gab sie: Frauen, die in der Öffentlichkeit selbstbewusst ihre Spuren hinterließen.

Einige Beispiele präsentiert die Wanderausstellung „Schwestern, zerreißt eure Ketten. Frauen und Revolution 1848/49“, die noch bis zum 30. August 2026 im Museum Eschborn (Eschenplatz) gezeigt wird.

Ausgehend von der Frage, ob und welche Rolle Frauen Mitte des vorletzten Jahrhunderts innehatten und welche Chancen sie zur Teilhabe an der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung hatten, versuchen 13 Schautafeln, ein Bild davon zu vermitteln. Eine chronologische Darstellung der Jahre 1848/49 sowie der Zeit davor und danach darf man allerdings nicht erwarten.

Die Schwerpunkte definiert sich die Ausstellung auf der ersten Schautafel:
- wie lebten Frauen um 1848/49 in Deutschland und Europa?
- wie kämpften Frauen in der Revolution 1848/49 für ihre Rechte?
- wie gestalteten Frauen um 1848/49 den Weg zur Gleichberechtigung mit?

Konkret geht es um den Alltag der Frauen in der vor- und frühindustriellen Arbeitswelt oder als Dienstmädchen und Wäscherinnen in wohlhabenden Häusern, um ihre Rolle in der Familie, das Verhältnis von Mann und Frau in der Ehe sowie um Bildungschancen. Museumsbesucher dürfte es überraschen, dass Frauen sich oft genug nicht mit einer passiven Rolle zufriedengaben: Sie nahmen an politischen Veranstaltungen teil und unterstützten die revolutionierenden Männer beim Straßenkampf. Einige Frauen haben dies mit ihrem Leben bezahlt.

In den gebildeten, liberalen Kreisen traten Frauen eher publizistisch und schriftstellerisch hervor.

In ihren Romanen und Artikeln setzten sie sich sowohl für allgemeine Freiheiten (Verfassung, Wahlen, Parlamente, Presse- und Meinungsfreiheit) als auch für die Stärkung der Frau in der Arbeitswelt und der Politik ein. Die Ausstellung präsentiert eine Reihe interessanter Persönlichkeiten mit Angaben zu ihrem Leben und ihrem öffentlichen Wirken.

Abschließend thematisiert die Ausstellung lesbische Liebe unter Frauen, „Gefühle und Begehren als Tabu“, in der Mitte des 19.Jahrhunderts.

Man kann natürlich nicht erwarten, dass auf 13 Schautafeln das Leben der Frauen im 19. Jahrhundert umfassend dargestellt werden kann. Was diese Ausstellung aber tatsächlich leistet: Sie vermittelt eine Reihe wertvoller Ansätze, wie sich die Besucher umfassender über das Thema informieren können. Hier sind die Einzelbiografien und die thematischen Schwerpunkte wirklich hilfreich.



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