Anita und Dr. Hans Wagner feiern ihre Eiserne Hochzeit

Fröhliches Familienleben: Insgesamt haben die Wagners heute fünf Urenkel, doch konnten nicht alle gleichzeitig an der Flucht vor dem Fotografen gehindert werden...
Fotos: privat

Glashütten (kw) – Am zweiten Weihnachtsfeiertag können Anita und Dr. Hans Wagner feiern, das seltene Fest der Eisernen Hochzeit.

Kennengelernt haben sich die beiden in Stuttgart, als die Mutter des jungen Mannes ihren frisch aus amerikanischer Gefangenschaft heimgekehrten Sohn den Nachbarn vorstellte. Anita, die älteste von vier (später fünf) Schwestern benötigte Nachhilfe in Mathematik – so nahm die Geschichte ihren Lauf.

Zunächst waren Anitas Eltern alles andere als erbaut von den sich entwickelnden zarten Banden und versuchten, die Tochter durch ein Jahr als Au-pair in England auf andere Gedanken zu bringen. Dies hatte aber nicht die gewünschte Wirkung: Hans, der die Anita-lose Zeit als Stipendiat in Atlanta (USA) verbrachte, machte zum Entsetzen der späteren Schwiegereltern auf der Heimreise Station in England. Die beiden müssen ein schräges Bild abgegeben habe: Anita vornehm britisch im Schneiderkostüm, Hans in Jeans und Turnschuhen.

Schließlich hatten die Eltern ein Einsehen, aber erst sechs Jahre nach der ersten Begegnung, als Hans eine feste Anstellung als Chemiker bei den „Farbwerken Hoechst“ vorweisen konnte, durften die beiden zum Traualtar schreiten.

Allerdings wurde es immer noch nichts mit einem gemütlichen Heim zu zweit: Es herrschte auch 1954 noch arge Wohnungsnot, sodass Hans zunächst als „möblierter Herr“ zur Untermiete wohnte und nur alle zwei Wochen nach Stuttgart kam, wo das junge Paar das ehemalige Esszimmer des elterlichen Haushalts bewohnte.

Erst Ende 1955, Anita war inzwischen hochschwanger, erhielt das Paar eine Werkswohnung der späteren Hoechst AG zugewiesen. Auf die erste Tochter Angelika folgte bald Christiane. Es war eine schöne Zeit in dem Mehrfamilienhaus in Unterliederbach. Mit den übrigen Familien im Haus, alle mit kleinen Kindern im selben Alter, wurden Feste gefeiert und wechselseitig die Kinder gehütet. Ein Babyfon brauchte man damals nicht – die Wände waren so hellhörig, dass man auch mit bloßem Ohr hörte, ob ein Nachbarskind wegen schlechter Träume getröstet werden musste.

Als sich das dritte Kind – Birgit – ankündigte, wurde die Wohnung zu klein und das Paar beschloss, ein eigenes Haus in Glashütten zu bauen. Die Bauarbeiten durch eine Firma, die das gesamte Neubaugebiet auf einmal bebaute, dauerten über ein Jahr, sodass die Familie mit Nesthäkchen Sabine auf sechs Personen angewachsen war, als endlich das Heim bezugsfertig war.

Lange wohnte die Familie dort allerdings nicht. Die Hoechst AG suchte einen Leiter der Arzneimittelfabrik in Bombay (heute Mumbay, Indien) und nach einigem Zögern willigten die Wagners 1965 ein, ihr neues Heim zu vermieten, die Möbel einzulagern und nach Indien zu ziehen. Dort begrüßte sie ein Zollbeamter mit den Worten: „Sie müssen aber reich sein – bei vier Töchtern“, denn in Indien ist bei der Verheiratung einer Tochter eine große Mitgift fällig.

Aus den ursprünglich geplanten drei Jahren wurden dann sechseinhalb. Hans leitete das 750-Mann-Werk weitgehend auf sich gestellt – Telefonate nach Deutschland waren teuer, Fax und Internet gab es noch nicht. Anita „schmiss“ derweil den Haushalt mit den Angestellten und organisierte das gesellschaftliche Leben, das sich für die Familien aus Deutschland und Europa vorwiegend auf privaten Feiern und Veranstaltungen der Deutschen Schule abspielte.

1971 ging es dann zurück nach Glashütten. Während die Kinder auf dem direkten Wege nach Hause flogen und dort bei Verwandten untergebracht wurden, nahmen die Eltern einen Umweg über Japan, Hongkong und Amerika.

Als die Töchter nach und nach das Haus verließen, hatten die Eltern mehr Freiraum für ihre Hobbies wie Fotografieren, Langlauf, Wandern und Gärtnern. Ihre größte Leidenschaft war das Reisen: Stecknadeln in einer Weltkarte zeigen die vielen, oft ungewöhnlichen Länder, die sie im Laufe ihres Lebens besucht haben. 1988, mit der Pensionierung von Hans kamen neue Hobbies dazu: Hans kaufte sich den ersten Computer und übernahm für einige Jahre den Vorsitz des Diakonie-Vereins Glashütten. In langjähriger Arbeit recherchierte er die Geschichte seiner Familie bis zurück zur Zeit des dreißigjährigen Krieges und dokumentierte die Ergebnisse in mehreren Schriften.

Anita hingegen konnte endlich ihre künstlerische Ader ausleben. Sie malt, gestaltet Seidentücher und Filzobjekte sowie Halsketten aus Glasperlen und Halbedelsteinen. Über zehn Jahre war sie aktives Mitglied des Glashüttener Kulturkreises und beteiligte sich an der alljährlichen vorweihnachtlichen Künstlerausstellung. Daneben ist sie Mitglied im Diskussionskreis Taunus Königstein und hält im Glashüttener Englisch-Kränzchen ihre Englischkenntnisse frisch. Inzwischen ist die Familie um sieben Enkel, acht Ehepartner und fünf Urenkel gewachsen. Der Familienzusammenhalt ist eng. Oft kommen Töchter und Enkel zu Besuch, an Weihnachten und im Sommer treffen sich möglichst alle Familienmitglieder zu einer großen, trubeligen Zusammenkunft.

Dieses Jahr ist es natürlich Ehrensache, dass alle 24 Nachkommen und Partner zum großen Fest zusammenkommen – in einem Restaurant, denn längst passen nicht mehr alle ins elterliche „Stammhaus“.

Zur Hochzeit ein mutiger Blick in die Zukunft: Was mag sie wohl bringen?

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