Wenn ein Brotkorb plötzlich die Kindheit zurückbringt

Anja Gilles und Silke Offermann schwelgen in Erinnerungen. Foto: Judith Ulbricht

Vernissage zur Ausstellung „Erinnerungsstücke“ im Kelkheimer Kunstkaufhaus

Kelkheim (ju) – Manchmal reicht der Anblick eines Gegenstandes, um Jahrzehnte zu überbrücken. Ein Spitzendeckchen. Ein Brotkorb. Ein altes Foto. Dinge, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken und doch ganze Lebensgeschichten in sich tragen.

Genau darum ging es am Freitagabend bei der Vernissage der Ausstellung „Erinnerungsstücke“ im Kelkheimer Kunstkaufhaus. Die Künstlerinnen Anja Gilles und Silke Offermann haben eine Ausstellung geschaffen, die weit mehr ist als eine Präsentation von Glasobjekten und Gemälden. Sie ist eine Einladung, sich den eigenen Erinnerungen zu nähern – und dabei festzustellen, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden sind.

Schon während der musikalischen Einstimmung durch Jürgen Nuffer wurde deutlich, worum es an diesem Abend gehen sollte. „Auch Musik schafft Erinnerungen beziehungsweise lockt Erinnerungen hervor“, sagte Stadtverordnetenvorsteherin Julia Ostrowicki in ihrer Eröffnungsrede. Jeder verbinde mit bestimmten Liedern sofort Menschen, Orte oder Lebensabschnitte.

Genau diese Erfahrung machten viele Besucher auch beim Gang durch die Ausstellung.

Erinnerungen wohnen in den kleinen Dingen

„Das hatte meine Oma“, war einer der ersten Gedanken, die Ostrowicki beim Betrachten der Werke kamen. Ein Satz, der an diesem Abend wohl vielen durch den Kopf ging. Denn die Arbeiten von Anja Gilles und Silke Offermann schaffen etwas Seltenes: Sie erzählen persönliche Geschichten und lassen gleichzeitig Raum für die Erinnerungen anderer.

Bei Anja Gilles begegnen die Besucher Gegenständen, die scheinbar aus einer anderen Zeit stammen. Spitzendeckchen, Porzellan, ein DDR-Brotkorb oder ein altes Poesiealbum erscheinen in ihren Glasarbeiten wie konservierte Fragmente eines gelebten Lebens. Das Glas bewahrt diese Dinge und verändert sie zugleich.

„Erinnerungsstücke erinnern uns nämlich daran, wie viel wir bereits vergessen haben“, sagte Ostrowicki. Gerade darin liege ihre besondere Kraft. Sie machten sichtbar, was im Alltag oft verloren gehe. Die Künstlerin selbst bezeichnet sich als „Schatzsammlerin und Archivliebhaberin“. Sie freue sich über Dinge, „die noch eine Geschichte in sich tragen“. Mit ihren Arbeiten versuche sie, genau diese Geschichten weiterzutragen.

Dabei spielt auch die Frage nach Heimat eine wichtige Rolle. „Mit zunehmendem Alter beschäftige ich mich immer mehr damit, was Heimat eigentlich bedeutet“, sagte Gilles. Sie stamme ursprünglich nicht aus Kelkheim, lebe inzwischen aber länger hier als an ihrem Geburtsort. Die Suche nach den eigenen Wurzeln sei deshalb ganz selbstverständlich Teil ihrer Arbeit geworden.

Was bleibt, wenn Bilder verblassen?

Während Gilles Erinnerungen in Glas einfängt, nähert sich Silke Offermann dem Thema über die Malerei. Ausgangspunkt ihrer Werke sind alte Familienfotografien. Doch die Künstlerin reproduziert die Bilder nicht. Sie löst sich von ihnen, ergänzt Farben, lässt Konturen verschwimmen und öffnet Räume für das Ungesagte.

„Mich bewegt schon länger die Frage: Was bleibt, wenn Fotografien verblassen und Stimmen nicht mehr hörbar sind?“, sagte sie. Ihr gehe es darum, „Gefühle, Lücken und Brüche wieder sichtbar zu machen“.

Gerade dadurch entfalten die Bilder eine besondere Wirkung. Sie zeigen nicht nur Menschen und Orte, sondern vor allem das, was Erinnerungen ausmacht: ihre Unschärfe. Das, was fehlt. Das, was sich verändert. Das, was dennoch bleibt.

Der Kelkheimer Stadtarchivar Julian Wirth griff diesen Gedanken auf und sprach von den „ganz persönlichen Archiven“, die beide Künstlerinnen an diesem Abend für die Öffentlichkeit geöffnet hätten.

Besonders beeindruckte ihn, wie private Erinnerungen mit der Geschichte von Orten verbunden werden. In Offermanns Bildern taucht etwa das Haus ihrer Großeltern auf, das einst in der Frankfurter Straße stand und längst verschwunden ist. An seiner Stelle befindet sich heute ein Bankgebäude. Das gemalte Haus wird damit selbst zu einem Erinnerungsort.

Auch Gilles‘ Arbeiten schlagen Brücken zwischen persönlicher Biografie und Zeitgeschichte. Viele ihrer Objekte stammen aus ihrer Kindheit und Jugend in der ehemaligen DDR. Der Staat ist verschwunden, die Erinnerungen daran leben weiter.

Eine Brücke zwischen gestern und heute

„Erinnerung, Identität, Heimat, Herkunft, Familie“, fasste Wirth die Themen des Abends zusammen. Begriffe, mit denen jeder Mensch eigene Erfahrungen verbindet.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke dieser Ausstellung. Sie erzählt nicht nur von den Erinnerungen zweier Künstlerinnen. Sie aktiviert die Erinnerungen der Besucher.

Plötzlich denkt man an die Teller im Küchenschrank der Eltern. An das Poesiealbum auf dem Dachboden. An Menschen, deren Gesichter man auf alten Fotografien erkennt, deren Geschichten man aber kaum noch kennt.

Die Werke von Anja Gilles und Silke Offermann machen deutlich, dass Erinnerungen nicht in großen historischen Ereignissen wohnen müssen. Oft verstecken sie sich in den kleinen Dingen des Alltags.

Und manchmal genügt ein Brotkorb aus Glas oder ein verschwommenes Familienfoto, um sie wieder lebendig werden zu lassen.



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