Ex-Fußballer Martin Amedick und Alumni Ronald Reng sprechen an der Eichendorffschule über Depressionen und darüber, warum Hinsehen und Zuhören so wichtig sind
Kelkheim (ju) – Andrés Iniesta hatte gerade das wichtigste Tor seiner Fußballlaufbahn geschossen – für seine Mannschaft, für seine Fans, für sich. Champions-League-Halbfinale, der Ball flog ins Netz, die Mitspieler stürmten auf ihn zu, das Stadion explodierte vor Freude. Für einen Fußballer ist das der Moment, für den er trainiert, für den eine ganze Karriere stehen kann. Und doch erzählte der spanische Weltklassespieler später, dass ausgerechnet nach einem solchen Triumph etwas in ihm zerbrach. Auf den Jubel folgte keine Freude, sondern Leere. Ein Mensch kann im grellen Licht eines Fußballstadions stehen und sich trotzdem ganz allein fühlen.
Dieses Bild zeigen Martin Amedick und Ronald Reng den Schülerinnen und Schülern der Eichendorffschule, als sie über Depressionen sprechen. Amedick, ehemaliger Bundesliga- und Zweitligaprofi bei Borussia Dortmund, dem 1. FC Kaiserslautern und Eintracht Frankfurt, erzählt nicht aus einem Lehrbuch, sondern aus seinem eigenen Leben. Reng, selbst ehemaliger Schüler der Eichendorffschule und heute erfolgreicher Sportjournalist und Autor, kennt die Krankheit ebenfalls aus unmittelbarer Nähe. Gemeinsam sind die beiden seit rund zehn Jahren für die Robert-Enke-Stiftung unterwegs und sprechen in Schulen, Unternehmen und Sportvereinen über ein Thema, über das gerade im Fußball viel zu lange zu wenig gesprochen wurde.
Wenn selbst ein Tor keine Freude mehr macht
Amedick weiß, wie schwer es sein kann, überhaupt zu verstehen, was mit einem selbst passiert. Nach außen funktionierte er weiter, trainierte, spielte und erfüllte seine Aufgaben. Innen aber wurde es immer leerer. „Ich spüre mich nicht mehr“, beschreibt er rückblickend. Eine völlige Gefühllosigkeit habe sich breitgemacht, eine „komplett innere Leere“, verbunden mit der Unfähigkeit, überhaupt noch etwas Positives zu empfinden. Selbst sein Tor, das den Klassenverbleib sicherte, löste keine Empfindung aus. „Ich habe keine Freude empfunden, nichts Positives gespürt“, sagt Amedick.
Depression kann genau darin liegen: Nicht unbedingt darin, ständig traurig zu sein, sondern darin, dass Freude, Hoffnung und Zuversicht plötzlich nicht mehr erreichbar scheinen. Dinge, die früher selbstverständlich waren, werden zu einer kaum überwindbaren Hürde. Aufstehen kann schwerfallen, obwohl kein körperlicher Grund dafür erkennbar ist. Eine Trainingseinheit, ein Treffen mit Freunden, ein Telefonat oder sogar das Duschen können plötzlich wie Aufgaben wirken, für die die Kraft fehlt. Schlaf kann ausbleiben, während gleichzeitig eine bleierne Erschöpfung den ganzen Tag über anhält. Gedanken werden schwer, der Antrieb verschwindet, Niedergeschlagenheit und eine absolute Hoffnungslosigkeit können sich festsetzen.
Auch die Wahrnehmung kann sich verändern. Amedick erzählt davon, dass er sich plötzlich ständig beobachtet, bewertet oder abgelehnt gefühlt habe. Aus einem harmlosen Blick wird ein Vorwurf, aus einer Bemerkung eine Kränkung, aus einem schlechten Tag scheinbar ein Beweis dafür, dass alles schiefgeht. Die Krankheit kann einen Menschen in eine eigene Wirklichkeit ziehen, in der der Ausweg immer weiter entfernt scheint. Und bei schweren Depressionen können auch Gedanken an den eigenen Tod oder Suizid auftreten. Amedick spricht offen über eigene Suizidgedanken und darüber, dass es Phasen gab, in denen diese Gedanken intensiver wurden.
Gerade deshalb sei es wichtig, die Krankheit nicht mit Schwäche gleichzusetzen, betont Reng. Rund 5,3 Millionen Menschen erkranken nach seinen Angaben jedes Jahr in Deutschland an einer Depression. „Das ist keine Schwäche und kann jeden treffen“, sagt er. Und tatsächlich kann der Betroffene dabei mitten im Leben stehen, erfolgreich sein, Freunde haben, sportlich sein und von außen betrachtet alles haben, was glücklich machen müsste.
Robert Enke: eine Freundschaft, die Reng bis heute begleitet
Für Reng ist dieses Wissen auch mit einer persönlichen Geschichte verbunden. Der ehemalige Eichendorffschüler lebte zeitweise in Barcelona und war mit Robert Enke befreundet, dem ehemaligen Nationaltorwart. Sie trafen sich, verbrachten Zeit miteinander, waren sich nah. Und doch erkannte Reng damals nicht, wie schwer Enke unter seiner Depression litt. „Ich habe mich nicht getraut, ihn anzusprechen, obwohl mir schon bewusst war, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Er wirkte häufig so, als ob er eine Maske tragen würde, damit man das wahre Ich, das wahre Innere nicht durchschauen konnte“, sagt er rückblickend.
Enke nahm sich 2009 das Leben. Sein Tod erschütterte nicht nur den deutschen Fußball, sondern machte sichtbar, wie wenig über Depressionen gesprochen wurde und wie schwer es selbst für Menschen im engsten Umfeld sein kann, die Krankheit zu erkennen. Reng hat gemeinsam mit Enkes Witwe die Biografie des Nationaltorwarts geschrieben und beschäftigt sich seitdem intensiv mit dem Thema. Der Tod Enkes hat im Fußball eine Sensibilisierung ausgelöst, doch Amedick und Reng machen deutlich, dass es weiterhin Mut braucht, hinzusehen und darüber zu sprechen.
Denn gerade im Profifußball ist das Bild des starken, belastbaren und immer funktionierenden Sportlers besonders ausgeprägt. Verletzungen werden behandelt, Muskeln trainiert, Schwächen möglichst schnell überwunden. Über psychische Erkrankungen zu sprechen, kann dagegen immer noch schwerfallen. Amedick selbst hatte lange Angst davor, dass öffentlich werden könnte, was mit ihm geschah. „Dann ist meine Karriere beendet“, sei sein Gedanke gewesen. Also funktionierte er weiter – bis es nicht mehr ging.
Schließlich suchte er Hilfe beim Sportpsychologen der deutschen Nationalmannschaft, der ihn an einen Psychotherapeuten vermittelte. Ein halbes Jahr war Amedick krankgeschrieben. Später kehrte er zurück, wechselte nach Paderborn und beendete 2015 seine Karriere. Die Depression habe er durch die Therapie besser in den Griff bekommen, sagt er, „aber sie ist nicht weg“. Sie komme in größeren Abständen wieder, in unterschiedlichen Phasen. Heute arbeitet Amedick unter anderem als Erzieher, hat Sportpsychologie studiert und kann sich vorstellen, auch beruflich stärker in diese Richtung zu gehen.
Zuhören, hinsehen, an die Hand nehmen
Was Reng und Amedick den Jugendlichen vermitteln wollen, ist deshalb nicht nur Wissen über eine Krankheit, sondern eine ganz konkrete Frage: Was kann ich tun, wenn ich merke, dass es einem Menschen neben mir nicht gut geht? Die Antwort beginnt oft mit etwas sehr Einfachem – hinschauen, nachfragen, zuhören und den anderen nicht alleinlassen.
Schulleiter Stefan Haid formuliert es deshalb eindringlich: „Passt auf eure Nachbarn und Mitschüler auf, nehmt sie an die Hand.“ Gemeint sind nicht nur die großen, offensichtlichen Krisen, sondern auch Veränderungen, die zunächst unscheinbar wirken: Ein Freund zieht sich immer mehr zurück, jemand fehlt plötzlich häufiger, wirkt dauerhaft erschöpft, verliert das Interesse an Dingen, die ihm früher wichtig waren, oder scheint sich selbst immer weniger zuzutrauen. Niemand muss dabei eine Diagnose stellen. Entscheidend sei vielmehr, Veränderungen wahrzunehmen und Hilfe anzubieten.
Dazu stellte das Duo auch das „Roger“-Programm eines australischen Wissenschaftlers vor. Der Name steht für „Reagieren, offen zuhören und kommunizieren, gib Unterstützung, ermutigen zur Hilfe und Ressourcen reaktivieren“. Es geht darum, nicht wegzuschauen, wenn jemand offensichtlich Schwierigkeiten hat, sondern den Kontakt zu halten und gemeinsam den Weg zu professioneller Hilfe zu suchen. Schon kleine Schritte können dabei wichtig sein, sagt Amedick. Er selbst habe sich irgendwann überwunden, wieder zum Telefon zu greifen und den Alltag Schritt für Schritt besser zu bewältigen. Auch Bewegung und eine verlässliche Tagesstruktur können helfen.
An der Eichendorffschule gibt es dafür bereits ein breites Netzwerk. Die Sozialarbeiterinnen Katja Gomoluch und Maike Fink, die Schulgesundheit mit Kerstin Hildenbrand und die „Ansprechbar“ stehen für Schülerinnen und Schüler zur Verfügung. Auch Schulhund Siena gehört zum Unterstützungsangebot. Gerade in der Oberstufe würden psychische Belastungen sichtbar, berichtet Haid. Auslöser können besondere Veränderungen im Leben sein, auch die Pubertät. „Wir erleben das Thema täglich, keiner muss sich schämen“, sagt Gomoluch.
Am Ende bleibt in der Aula vor allem eines hängen: Depression ist keine Frage von Erfolg oder Misserfolg, Stärke oder Schwäche und auch keine Krankheit, die nur andere betrifft. Sie kann einen Fußballprofi treffen, einen Mitschüler, eine Mutter, einen Freund – Menschen, die nach außen lachen und funktionieren und sich innerlich trotzdem schon lange verloren fühlen. Und manchmal kann es einen Unterschied machen, wenn jemand diesen Menschen nicht einfach weiterlaufen lässt, sondern stehen bleibt, zuhört und sagt: Ich sehe, dass es dir nicht gut geht. Ich bin da.

