Kelkheim (iba) – Natürlich hat man die lustigsten und denkwürdigsten Anekdoten von und über Peter Neururer schon 20 mal gehört. Aber so flapsig und gleichzeitig unterhaltsam können nur die wenigsten erzählen, da ist es nicht schlimm, wenn die Gäste in der Kelkheimer Stadthalle sich zum 21. Mal die Geschichte mit dem Arbeitsamt anhören müssen, bzw. dürfen.
„Ach ja, die Sache mit dem Porsche. Kurz nach meiner Entlassung als Trainer vom 1. FC Saarbrücken war ich zurück in Gelsenkirchen und musste eben da hin. Das Geld brauchte ich nicht zum Leben, aber das Arbeitsamt zahlt ja auch die Sozialversicherungsbeiträge. Das DSF (Deutsche Sportfernsehen, Vorgänger von Sport1, Anm. d. Red.) wollte eine Homestory machen. Das ging nicht von jetzt auf gleich, ich musste ja zum Arbeitsamt - wo die schon mit ihren Kameras standen. Ich stieg also aus meinem Porsche aus, am nächsten Tag war das dann die Schlagzeile: ‚Peter Neururer – Mit dem Porsche zum Arbeitsamt‘. Besonders grazil war ich ja noch nie, ich war eher so der Fred Astaire für Zwischengrößen. Aber wie ich da aussah, mit Sonnenbrille, Jogginganzug aus Fallschirmseide und den Badelatschen!“
Azzis, Kelkheimer und Fußballfans
Bevor es aber zur „Hauptattraktion“ des Abends kam, waren erst einmal andere dran: Schließlich hatte die SG Kelkheim alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Bundesliga-Legende Neururer in den Taunus zu holen, so einen Abend erledigt man nicht im Schnelldurchlauf! SG-Präsident Peter Bürger und Conférencier Michael Göllnitz übernahmen die Anmoderation, zum „Aufwärmen“ kamen dann die „Azzis mit Herz“ auf die Bühne und legten los. Die SGE-Edelfans und Frankfurter Rapper (die schon ein Musikvideo mit Timothy Chandler gedreht haben) erzählten kurz von ihrem musikalischen Werdegang und ihrer Verbundenheit zur Eintracht, dann dröhnten die Bässe aus den Lautsprechern: „Du bist so viel mehr“ (gemeint ist die Eintracht) und „Reise bis hier hin“ (gemeint war die Reise durch Europa zum Europaleague-Titel) ließen das Publikum mitwippen und brachten es auf Betriebstemperatur.
Ein Abend mit Neururerdauert 90 Minuten
Schließlich der Auftritt des Fußballlehrers aus dem Ruhrgebiet, aufgeteilt in zwei Halbzeiten. In den ersten 45 Minuten erzählte Neururer seinen Trainer-Werdegang nach, von den Anfängen bei Rot-Weiß Essen („Das kam durch Horst Hrubesch zu Stande, dem verdanke ich fast alles!“), den ersten Achtungserfolgen bei Alemannia Aachen (dort etablierte sich Neururer als Fachmann im Profifußball), der Entlassung bei Schalke 04 in der 2. Bundesliga („Da hat mich Präses Eichberg als Tabellenzweiter entlassen, das tut heute noch weh!“), dem eher unverhofften Engagement bei Hertha BSC („Dadurch war ich früher in der ersten Liga als Schalke 04.“). Oder seinem Netzwerk an Scouts und seinen umfangreichen Datenbanken, mit deren Hilfe er Spieler holen konnte, die andere nicht auf dem Radar hatten, wie z.B. WM-Teilnehmer Eric Wynalda („Ich habe den ersten US-Amerikaner in die Bundesliga geholt.“).
Von Äppler, Übungsleitern und seiner Fußballphilosophie
Neururer plauderte über UEFA-Cup-Erfolge in Bochum und kulinarische Besonderheiten bei seinem Engagement bei den Kickers Offenbach: „Da habe ich zum ersten Mal Äppler getrunken und wusste erst gar nicht, was der Kellner von mir will: ‚Sauer‘, was sollte das heißen? Ich sagte: ‚Ja wie, ist der schlecht, oder was...?‘ Dann habe ich den pur bestellt. Aber vertragen habe ich den echt nicht.“
In der zweiten Halbzeit - standesgemäß nach einer viertelstündigen Pause - durfte eine Handvoll Fußballinteressierter aus dem Publikum dann Fragen an den Kulttrainer stellen, die selbiger ausführlich und in seiner unvergleichlichen Art beantwortete - wie eben die Sache mit dem Arbeitsamt.
Wie er denn am liebsten spielen lassen würde? „In einem 4-3-3 mit einem Zehner, zwei Außenstürmern, das wäre toll. Aber in über 600 Pflichtspielen als Trainer habe ich bei nicht einmal zehn Spielen so spielen lassen können, wie es meiner Fußballphilosophie entspricht, das gaben die Mannschaften einfach nicht her.“
Nicht alles ist spaßig und nicht immer ist Neururer zum Lachen zumute, wenn er z.B. nach dem „Früher“ und dem „Heute“ im Trainergeschäft gefragt wird: „Eine Mannschaft zusammenstellen, Spieler entwickeln, die über zwei, drei Jahre zusammenhalten - das geht so heute gar nicht mehr. Da bin ich ja kein Trainer mehr, sondern nur noch Übungsleiter? Nee, das möchte ich nicht.“.
Ob es denn als Quereinsteiger möglich wäre, im Profibereich Fuß zu fassen, so wie er damals als ehemaliger Drittligakicker?
„Kaum, der DFB hat jetzt dieses komische Punktesystem, die haben den Trainerschein auf komplett neue Füße gestellt. Und mal eben 19.000 Euro für die Pro-Lizenz hat auch nicht jeder übrig. Es sein denn, man kennt jemanden, der jemanden kennt. Aber ohne ein sehr gutes Netzwerk und ohne Profi-Erfahrung ist das nahezu unmöglich.“
Aber unterm Strich darf doch viel und herzlich mit und über Peter Neururer gelacht werden, spätestens wenn ihn ein Fan mit Schalke-Mütze nach seiner Blaulichtfahrt und der daraus resultierenden Verkehrskontrolle durch „echte“ Polizisten befragt.
Wenn er von Ex-Spielern erzählt, wie „Michael ‚Balu‘ Kostner, das war mein Libero in Saarbrücken und in Köln. Gnadenlos unterschätzter Spieler!“ Wenn er davon erzählt, dass er Wolfram Wuttke nach dessen Kippenpause kurz vor Anpfiff gegen die Bayern eben nicht rausschmiss („Ging ja nicht, war ja mein bester Spieler!“), sondern die Sache mit Humor nahm: „Dem habe ich vor versammelter Mannschaft gesagt: ‚Du blöde Sau, die selbe Sorte rauche ich auch, nächstes Mal gibst Du mir gefälligst eine ab. So, und jetzt geh‘ da raus - und wehe, Du spielst nicht gut!‘ Der hat noch nie so ein klasse Spiel gemacht wie an dem Tag! Also, das kann ich jedem hier mitgeben, der Kinder hat: Nie Sanktionen androhen, die man dann nicht umsetzt! Dann wird man nicht mehr für voll genommen.“
Wenn er so erzählte und plauderte, von den Eigenheiten von (vermeintlichen) Stars, den Hau-Ruck-Entscheidungen von Vereinspräsidenten und den Gruppendynamiken innerhalb seiner Mannschaften, merkte man Neururer an, dass er Fußballtrainer auf dem zweiten Bildungsweg geworden ist. Zuerst hatte er Sportwissenschaften und Pädagogik studiert, war als Lehrer tätig - und wäre ohne den schicksalhaften Anruf von Hort Hrubesch vielleicht bis zur Rente im Schuldienst geblieben. Zum Leidwesen für unzählige Schulkinder und zum Glück für jeden Fußballfan haben ihn aber der Zufall, glückliches Timing und sein Sachverstand in die Bundesliga geholt.
Zum Glück für alle Fußballfans im Taunus hat die SG Kelkheim die Plaudertasche aus dem Ruhrpott in die Stadthalle geholt!


