„Da stelle mer uns mal janz dumm …“

Die Kelkheimer Dampfmaschine ist ein weltweites Unikat. Um 1890 wurden von den Gebrüdern Schmaltz aus Offenbach zwei Ein-Zylinder-Dampfmaschinen mit Collmann-Steuerung gebaut. Eine landete in Frankreich, eine in Kelkheim – den 2. Weltkrieg überlebt hat nur die Dampfmaschine in der Möbelstadt. Dr. Kirstin Funke erfuhr viel über die Diehlsche Familiengeschichte von Sonja Zadran, einer Urenkelin von Franz Diehl.Fotos: Judith Ulbricht

Kelkheim (ju) – „Da stelle mer uns mal janz dumm – wat is en Dampfmaschin?“ Wer den Kultfilm „Die Feuerzangenbowle“ kennt, hört bei diesem Satz sofort die Stimme des schrulligen Professors Bömmel. Seine ebenso einfache wie geniale Erklärung brachte Generationen zum Schmunzeln.

In Kelkheim allerdings muss niemand mehr so tun, als wüsste er nicht, was eine Dampfmaschine ist. Denn eine ganz besondere steht noch heute dort, wo sie seit über 120 Jahren ihren Dienst verrichtete – in der ehemaligen Sägewerkshalle der Familie Diehl in der Weberstraße 19 bis 23. Sie ist kein Museumsstück hinter Glas, sondern ein technisches Denkmal am Originalstandort. Und genau das macht sie so außergewöhnlich.

Dass diese Maschine heute noch existiert und ihre Geschichte bewahrt wird, ist auch dem Museumsverein Kelkheim zu verdanken. Unter dem Obertitel „Orte der Industriekultur in Kelkheim“ ist jetzt eine reich bebilderte Broschüre erschienen, die sich ausführlich der Dampfmaschine des Sägewerks Diehl widmet. Federführend erarbeitet wurde die Veröffentlichung von der Vorsitzenden des Museumsvereins, Dr. Beate Matuschek, und Dr. Kirstin Funke. Ermöglicht wurde das Projekt mit Unterstützung der Aventis Foundation. Zahlreiche historische Fotografien – unter anderem aus dem Familienarchiv, die von Sonja Zadran, einer Enkelin von Vincenz Diehl, zur Verfügung gestellt wurden – lassen die Geschichte zusätzlich lebendig werden.

Die Dampfmaschine erzählt nämlich nicht nur Technikgeschichte. Sie erzählt die Geschichte einer Familie – und damit zugleich die Geschichte Kelkheims.

Erfolgsgeschichte aus der Not heraus

Wer heute durch Kelkheim geht, denkt kaum daran, dass die Stadt ihren Ruf als Möbelstadt einer Zeit verdankt, in der die Menschen ums tägliche Auskommen kämpfen mussten.

Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Lebensbedingungen im Vordertaunus alles andere als einfach. Wegen der sogenannten Realteilung wurde landwirtschaftlicher Besitz immer weiter aufgeteilt. Die Äcker wurden von Generation zu Generation kleiner. Nur wenige Bauern verfügten über genügend Land, um ihre Familien allein von der Landwirtschaft ernähren zu können. Doch genau diese Not machte erfinderisch.

Während Frankfurt, Wiesbaden und Mainz rasant wuchsen, stieg dort auch der Bedarf an einfachen Möbeln. Die Kelkheimer nutzten diese Chance. Zunächst entstanden Tische, Stühle und Schränke in den Wohnstuben der Familien. In Küchen und Nebengebäuden wurde gehobelt, gesägt und gedrechselt. Was heute als Manufakturarbeit geschätzt wird, war damals schlicht überlebensnotwendig.

Aus dem Hausgewerbe entwickelte sich schon bald eine regelrechte Hausindustrie. Immer mehr Schreiner arbeiteten für Verlegerunternehmen, die den Verkauf übernahmen. Die Produktion wurde spezialisiert, einzelne Betriebe fertigten nur noch bestimmte Möbelstücke. Kelkheim entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem Zentrum der Möbelherstellung.

Unternehmer mit Mut zum Risiko

Einer derjenigen, die diese Entwicklung entscheidend vorantrieben, war Franz Diehl.

Der gerade einmal 21-jährige Drechsler aus Bad Soden kam 1882 nach Kelkheim. Gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth, mit der er zehn Kinder großzog, begann er mit der Herstellung profilierter Holzteile für das Möbelhandwerk. Aus der kleinen Drechslerwerkstatt entstand zunächst eine Schreinerei und schließlich 1890 das Sägewerk Franz Diehl.

Franz Diehl war nicht nur ein hervorragender Handwerker, sondern auch ein Unternehmer mit Weitblick. Er erkannte früh, dass die Zukunft der Möbelherstellung nicht allein im handwerklichen Können lag, sondern auch in moderner Technik. Deshalb kaufte er 1905 eine gebrauchte, aber hochmoderne Dampfmaschine mit Collmannsteuerung aus der ehemaligen Papierfabrik Kneiselmühle in Unterliederbach. Diese Entscheidung veränderte nicht nur seinen eigenen Betrieb – sie veränderte die Arbeitsweise einer ganzen Branche.

Der Motor der Möbelstadt

Die tonnenschwere Einzylinder-Dampfmaschine leistete zwischen 100 und 140 PS. Ihr drei Meter großes Schwungrad setzte Sägen, Hobel und Transmissionen in Bewegung und machte das Sägewerk zu einem modernen Produktionsbetrieb.

Für die vielen Schreiner in Kelkheim bedeutete das einen enormen Fortschritt. Sie mussten kein eigenes Sägewerk mehr unterhalten. Stattdessen brachten sie ihre Bretter einfach „auf die Maschin“, wie es damals hieß. Dort wurden die Hölzer nach Wunsch geschnitten und gehobelt. Die Dampfmaschine wurde damit zum Motor einer ganzen Branche.

Nicht nur die Firmen Wolf, Bender oder Kilian gehörten zu den Kunden. Auch Zimmerleute ließen hier ihre Hölzer bearbeiten. Selbst Bohlen für Brücken – unter anderem für die Kaiserbrücke in Mainz – wurden im Sägewerk Diehl gefertigt.

Plötzlich war Kelkheim modern

Als um die Jahrhundertwende die Schornsteine der Sägewerke Diehl und Dichmann sowie der Möbelfabrik Wolf über den Ort ragten, waren sie sichtbare Zeichen des Fortschritts.

Gleichzeitig verband seit 1902 die dampfbetriebene Bahnlinie Höchst–Königstein Kelkheim mit den großen Städten des Rhein-Main-Gebiets. Möbel konnten nun wesentlich schneller transportiert werden. Was zuvor stundenlange Fuhrwerke über Landstraßen erforderte, gelang nun per Eisenbahn. Kelkheim war angekommen – mitten in der Industrialisierung.

Vier Generationen Unternehmergeist

Mit dem Kauf der Dampfmaschine begann für die Familie Diehl eine Erfolgsgeschichte. Das Sägewerk belieferte die zahlreichen Schreinereien der Region, verarbeitete heimische Fichten, Kiefern, Eichen und Buchen, später wertvolle Spessarteichen und nach dem Zweiten Weltkrieg sogar exotische Hölzer aus Übersee. Die fertigen Möbel wurden mit Pferdewagen zum Bahnhof gebracht und von dort in ganz Deutschland verkauft.

Doch die Geschichte der Familie verlief keineswegs geradlinig. Der Erste Weltkrieg riss Franz Diehl und fast die gesamte männliche Belegschaft aus dem Betrieb. Nach dem Krieg wurde weiter investiert, die Familie beteiligte sich erfolgreich an den Kelkheimer Möbelmessen und blickte optimistisch in die Zukunft.

Dann folgte Anfang der 1930er Jahre der schwerste Rückschlag. Eine technische Neuerung, die zunächst als Fortschritt gefeiert wurde, führte schließlich zum wirtschaftlichen Desaster. Die Umstellung von der traditionellen Schellackpolitur auf Spritzlack machte die Möbel zunächst günstiger und sorgte für Rekordumsätze. Doch nach kurzer Zeit verfärbte sich der Lack milchig weiß. Reklamationen und Schadensersatzforderungen führten schließlich zum Konkurs der Möbelfabrik. Grundstücke mussten verkauft werden, das Privatvermögen floss in die Konkursmasse.

Die Familie gab dennoch nicht auf. 1932 wurde das Unternehmen neu geordnet. Vincenz Diehl übernahm das Sägewerk mit der Dampfmaschine und führte den traditionsreichen Betrieb weiter. Sein Bruder Jakob Diehl führte die Möbelfabrik fort und machte sie zu einem der ersten Betriebe in Kelkheim, der Schlafzimmer in Serienfertigung herstellte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die nächste Generation an. 1948 übernahmen die Brüder Horst und Friedrich („Friedel“) Diehl, die Söhne von Vincenz, das Sägewerk. Sie modernisierten den Betrieb behutsam, gründeten zusätzlich eine Parkettfirma und hielten dennoch an der historischen Dampfmaschine fest. Obwohl längst Elektromotoren Einzug gehalten hatten, verrichtete sie noch bis 1975 zuverlässig ihren Dienst – ein bemerkenswert langer Zeitraum für eine Maschine aus dem Jahr 1905.

Erst 1995 endete die Geschichte des Sägewerks. Die Dampfmaschine aber blieb. Bis heute steht sie an genau jenem Ort, an dem Franz Diehl sie vor mehr als einem Jahrhundert aufstellen ließ.

Mehr als ein Stück Eisen

Heute ist sie eines der letzten erhaltenen Zeugnisse der industriellen Vergangenheit Kelkheims – und wahrscheinlich das eindrucksvollste.

Sie steht noch immer genau dort, wo sie installiert wurde. Keine Museumskopie, kein Nachbau, sondern ein Original, das Generationen von Schreinern, Zimmerleuten und die Familie Diehl begleitet hat. In der Luft hängt immer noch der Geruch von Holz, Öl und Riemenabrieb. Man spürt den Fortschritt, der von dieser Maschine ausging. Die Aufbruchsstimmung, aber auch das Auf und Ab des Unternehmertums, wie das große Rad, das sich immer weiterdrehte und nun still steht.

Die neue Broschüre des Museumsvereins, die im Rathaus ausliegen wird, ist weit mehr als eine historische Dokumentation. Sie zeigt eindrucksvoll, wie aus dem Mut einer Unternehmerfamilie, aus technischem Fortschritt und handwerklichem Können die überregional bekannte Möbelstadt Kelkheim entstand.

Und vielleicht würde selbst Professor Bömmel nach einem Blick auf das drei Meter große Schwungrad anerkennend feststellen: Eine Dampfmaschine ist eben weit mehr als „so‘n Ding mit Dampf“. In Kelkheim ist sie ein Stück Identität – aus Eisen, Stahl und ganz viel Familien- und Stadtgeschichte.

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