Kelkheim (ju) – Die Überraschung war ihm anzusehen: Stadtarchivar Julian Wirth blickte in einen überfüllten Plenarsaal. „Ich wusste, dass das Thema eine gewisse Resonanz finden würde, weil das Kloster ein Kelkheimer Wahrzeichen ist und die Gestapo aus dem Rhein-Main-Gebiet nicht wegzudenken – spannend und faszinierend – ist. Aber dass wir heute so zahlreich erschienen sind, das war mir nicht klar“, gestand er.
Tatsächlich war der Raum bis auf den letzten Platz besetzt, weitere Stühle mussten organisiert und an den Wänden aufgestellt werden. Die erwartungsvolle Stille war spürbar, als Wirth seinen Vortrag begann: „Als die Wölfe über die Burg Gottes kamen: Das Kloster Kelkheim und die Gestapo.“ Eine Zeitreise in fast ein Jahrhundert Geschichte stand bevor – von den Anfängen des Klosters im Kaiserreich über die turbulente Weimarer Republik, die Schrecken des Dritten Reiches bis in die Nachkriegszeit
Kapitel 1: Was und wieso?
Wirth begann mit einer grundlegenden Frage: „Was möchten wir heute betrachten?“ Für ihn ging es nicht nur um die Mauern des Klosters, sondern um das Zusammenspiel von Religion, Politik und Gesellschaft in Kelkheim. Anhand ausgewählter Quellen aus dem Stadtarchiv machte er deutlich, wie eng lokale Ereignisse mit der großen Politik verwoben waren.
„Das Kloster ist mehr als ein Gebäude. Es ist ein Symbol für die gelebte katholische Religiosität im Taunus, aber auch ein Ort, an dem politische und gesellschaftliche Spannungen sichtbar wurden“, erklärte er. Schon hier wurde klar: Die kommenden Geschichten würden teils drastisch sein, die Ereignisse eindrücklich – und doch in ihrer Bedeutung für die heutige Zeit relevant.
Kapitel 2: Armes Kelkheim – Reiches Kelkheim
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Kelkheim ein Dorf, das zwischen Armut und Perspektivlosigkeit schwankte. Landwirtschaftliche Betriebe waren klein, Realteilung und fehlende Flächen führten dazu, dass viele Familien nur knapp überlebten. Die Weberei in Heimarbeit – traditionell eine Einnahmequelle – wurde mit der industriellen Revolution zerstört. Mechanische Webstühle in den Städten machten die Handarbeit überflüssig. Viele junge Menschen zogen in die Städte, um Arbeit zu finden, und die Dörfer blieben oft verarmt zurück.
Mit dem wachsenden Industriebedarf in Frankfurt und Höchst kam jedoch eine neue Chance: Der Taunus lieferte das Holz für Möbel. Kelkheim wandelte sich zur „Stadt der Möbel“. Kleine Handwerksbetriebe wurden zu Manufakturen, Beschäftigung und Wohlstand wuchsen, und mit der Anbindung durch die Bahn 1902 stieg die Attraktivität der Region noch einmal deutlich. Die Bevölkerung nahm zu, Siedlungen wuchsen, und das wirtschaftliche Gefüge wandelte sich.
Trotz des materiellen Reichtums war die geistige Versorgung der Gemeinde gefährdet. Die Kapelle in der Hauptstraße reichte für etwa 150 Gläubige – viel zu wenig für die wachsende katholische Bevölkerung. Spirituell drohte Kelkheim zu verarmen, während die Möbelindustrie florierte. Die Gründung eines Klosters erschien nicht nur als religiöse Notwendigkeit, sondern auch als sozialer und kultureller Schritt, um die Gemeinde zu stabilisieren.
Kapitel 3: Kirchlicher Notstand und Kulturkampf
Die Franziskaner, ein Bettelorden aus dem 12. Jahrhundert, reagierten auf den wachsenden Glaubensnotstand im Taunus. Sie wollten ihre Präsenz um Frankfurt herum erweitern, gleichzeitig sah das Bistum Limburg in Kelkheim eine Gelegenheit, die katholische Infrastruktur auszubauen. Es entstand eine klassische Win-Win-Situation: Der Orden konnte seine Mission erfüllen, Kelkheim bekam dringend benötigte kirchliche Institutionen, und das Bistum sicherte sich Einfluss in der wachsenden Stadt.
Die Suche nach einem Standort führte zunächst zum Gimbacher Hof, einem historischen Gut mit religiöser Tradition. Doch schließlich fiel die Wahl auf den Mühlberg, eine erhöhte Lage, die symbolisch und praktisch Vorteile bot: Das Kloster thronte über der Stadt, sichtbar für alle, zentral für die Gemeinde.
Die Verhandlungen waren komplex. Königstein bewarb sich ebenfalls um den Orden, argumentierte mit städtischer Infrastruktur und Prestige. Kelkheim konnte jedoch mit seiner engagierten Bevölkerung, der Unterstützung des Kirchenbauvereins und dem klugen Einsatz von Ressourcen überzeugen.
Der Grundstein für das Kloster wurde 1906 gelegt, die Baukosten für Kloster und Kirche betrugen 300.000 Mark. Die Thüringische Franziskanerprovinz übernahm die Kosten des Klosterbaus, die Kirche wurde durch die Gräfin Julie mit einem Betrag von 160.000 Mark unterstützt.
Wirth beschreibt in seinem Vortrag lebendig, wie der Orden die Gemeinde mit sozialer Arbeit, Bildung und spiritueller Führung stärkte und so eine nachhaltige katholische Basis schuf. Die Kirche war nicht nur ein spirituelles Zentrum, sondern auch ein Bollwerk gegen die wachsenden politischen Umwälzungen, die später in den Nationalsozialismus mündeten.
Kapitel 4: Gräfin Julie – Mäzenin und stille Heldin
Gräfin Julie Quadt-Wykradt-Isny, eine der bedeutendsten Figuren der Kelkheimer Klostergeschichte, wird schnell als tiefgläubige, entschlossene Frau sichtbar. Schon in jungen Jahren legte sie ein Gelübde ewiger Jungfräulichkeit ab, wollte jedoch nicht als Nonne leben – stattdessen widmete sie ihr Vermögen der Förderung der katholischen Gemeinde.
„Bei dem großen Interesse, das ich für die Katholiken der Gemeinde Kelkheim im Taunus seit langer Zeit hege, ist es mir ein besonderes Bedürfnis, schon zu meinen Lebzeiten die Seelsorge sicherzustellen“, zitiert Stadtarchivar Wirth. Ihre Unterstützung der Peter-Joseph-Stiftung machten den Bau des Kirchengebäudes und die spätere Erhebung Kelkheims zur eigenständigen Pfarrei möglich.
Die finanzielle Dimension ist beeindruckend: Für den Kirchenbau stiftete sie 160.000 Mark, für die späteren Gemeindeprojekte weitere 100.000 Mark. Ihr Beitrag für Kloster und Kirche entspricht einer heutigen Kaufkraft von rund 1,5 bis 2 Millionen Euro. In einer Zeit, in der die Inflationswirren der 1920er Jahre viele Reiche ihrer Vermögen beraubten, setzte sie ihr gesamtes Kapital für das Gemeinwohl ein.
Ihre Spuren sind unübersehbar: Dank ihrer finanziellen und ideellen Unterstützung konnte Kelkheim 1920 zur eigenständigen Pfarrei erhoben werden – ein Schritt, der die Gemeinde unabhängig von Münster machte. Wirth hebt hervor, wie eng ihre Lebensgeschichte mit der Entwicklung der Stadt verbunden ist. Trotz persönlicher Verluste blieb sie eine tragende Säule für die Kelkheimer Katholiken und hinterließ ein dauerhaftes Vermächtnis. Leider verstarb sie völlig verarmt.
Kapitel 5: Pater Ivo Trauscheidt – Seelsorger und Stadtgestalter
Pater Ivo Trauscheidt, der erste unabhängige Pfarrer Kelkheims, trat sein Amt 1919 unter schwierigen Bedingungen an. Die Stadt befand sich in einer Phase des Übergangs: Hunger, Krankheit und politische Unruhen nach dem Ersten Weltkrieg prägten das Leben der Menschen. Hinzu kam die französische Besatzung, bei der 400 Militärangehörige die Trikolore auf dem Klosterberg hissten.
Pater Ivo war für die Seelsorge der gesamten Gemeinde verantwortlich – eine Aufgabe, die weit über das rein Spirituelle hinausging. Er organisierte soziale Hilfe, unterstützte Kranke, kümmerte sich um Bedürftige und vermittelte zwischen den Bewohnern. „Die Männer waren krank am Herzen, es tobten die vom Umsturz entfesselten Leidenschaften – er musste die Gemeinde stabilisieren“, erläuterte Wirth.
Sein Einfluss auf die Stadt war enorm: Pater Ivo etablierte Strukturen, die die katholische Gemeinde im Taunus festigten. Bei Festen, Gottesdiensten und kirchlichen Kundgebungen wurde deutlich, dass seine Autorität nicht nur spirituell, sondern auch gesellschaftlich gewichtig war. So wurde sein silbernes Priesterjubiläum 1934 gefeiert, mit allen kirchlichen Vereinen – sogar die Ortsgruppe der NSDAP war gezwungen, daran teilzunehmen.
Dennoch wurde er zur Zielscheibe der Nationalsozialisten. 1938 erkrankte er schwer, doch 1939 rückte die Gestapo an – ein Wendepunkt, der die Stadtgeschichte nachhaltig prägen sollte. Pater Ivo blieb ein Symbol für Widerstand und moralische Standhaftigkeit, der nicht nur das spirituelle Leben, sondern auch das gesellschaftliche Gefüge Kelkheims prägte.
Kapitel 6: Gestapo und Kloster – „Dass sie Gott mehr gehorchten als den Menschen“
Das Kloster Kelkheim geriet in das Visier der Gestapo aus mehreren Gründen: Die katholische Gemeinde galt als widerständig gegenüber der nationalsozialistischen Ideologie, die Patres übten durch Predigten, Seelsorge und heimliche Einflussnahme Kontrolle über die Bevölkerung aus. Die Gestapo sah in der klösterlichen Gemeinschaft eine „Hochburg des Katholizismus“, die die Verbreitung nationalsozialistischer Ideen hemmte.
11. Februar 1939: Vormittags trifft das erste Überfallkommando in Kelkheim ein. Die Patres und Laienbrüder werden in einem Raum zusammengetrieben, durchsucht, in Verhöre genommen. Alles dauert bis in den Abend. Pater Serapin muss die Gestapo durch Keller, Wohnräume und Dach führen – kontrolliert, überwacht, eingeschüchtert.
15. Februar 1939: Die zweite Durchsuchung ist intensiver. Alle Patres und Laienbrüder werden in das Refektorium gesperrt, ein Wachtmeister schreit sie an, Verhöre ziehen sich über Stunden hin. Während der Mittagspause werden Passagen aus dem Matthäus-Evangelium vorgelesen, die Predigt Jesu über seine Jünger – ein stiller Protest gegen die Willkür. Der Wachtmeister rastet aus und verbietet die Lesung.
Die Patres und Laien müssen Zivilkleidung anziehen, sie werden auf Lastwagen verladen und ins Polizeipräsidium Frankfurt gebracht. Die Laienbrüder kommen nach drei Tagen frei, die Patres bleiben neun Wochen in Haft. Geld, Archiv, Druckerei und eine 5.000 Bände umfassende Bibliothek werden beschlagnahmt und auf der Straße verscherbelt, die Monstranz wird nach Frankfurt verbracht.
Die Vorwürfe der Gestapo
Die Anschuldigungen waren vielschichtig und zynisch:
Zeitzeugen schilderten, wie die Bevölkerung Kelkheims konfessionell Widerstand leistete. Die katholische Gemeinde verhielt sich passiv gegenüber den NS-Bemühungen, blockierte NS-Veranstaltungen und verweigerte das Läuten der Glocken zu bestimmten Gelegenheiten. Ein Ortsgruppenleiter aus Hornau betonte: „Der Nationalsozialismus hätte früher Einzug gehalten, wenn ihm nicht immer konfessionelle Widerstände entgegengesetzt worden wären.“
Folgen und weitere Nutzung des Klosters
Das Kloster blieb über Jahre geschlossen. Während des Krieges nutzte der Reichsarbeitsdienst das Gebäude, stationierte „Arbeitsmädel“ und später eine Flugabwehrstellung auf dem Klosterberg. Nach dem Einmarsch der US-Truppen 1945 wurde das Kloster kurzzeitig als Quartier genutzt, bevor die Franziskaner zurückkehrten. Wirth betont: „Das Kloster war nicht nur ein spirituelles Zentrum, sondern ein Ort, an dem die Gewalt des NS-Regimes besonders sichtbar wurde.“
Lehren für die Gegenwart
Die Ereignisse von 1939 zeigen, wie Machtmissbrauch, Repression und ideologischer Druck auf eine lokale Gemeinschaft wirken können. Julian Wirth zieht einen Bogen zur Gegenwart: „Man sollte nie vergessen, dass Freiheit und Rechtsstaatlichkeit hohe, aber fragile Güter sind. Wer heute auf der Welt politische Gewalt erlebt, sei es in den USA oder anderswo, sollte die Geschichte von Kelkheim als Mahnung begreifen.“
