Kelkheim (ju) – Zwischen Wochenmarkt, Rathaus und den gewohnten Wegen des Alltags wächst in den nächsten Tagen etwas Ungewöhnliches: ein Pavillon – offen, einladend, neugierig machend. Sein oberer Teil schwebt fast wie eine Wolke über der Konstruktion – leicht, weich geformt, beinahe entrückt. Ein Bild, das nicht zufällig gewählt ist: Es steht für Ideen, für Austausch, für etwas, das sich ständig verändert und weiterentwickelt. Vom 6. bis 17. Mai wird dieser Pavillon mitten in Kelkheim, vor dem Rathaus, stehen – als Teil eines Projekts, das weit über die Stadtgrenzen hinausreicht. Denn Kelkheim ist in diesem Jahr Teil der World Design Capital Frankfurt Rhein-Main 2026.
Kelkheim mittendrin
Was auf den ersten Blick nach Architektur und Gestaltung klingt, ist tatsächlich viel mehr. Hinter dem Titel „World Design Capital“ verbirgt sich ein internationales Format, das Städte und Regionen auszeichnet, die zeigen wollen, wie Design unser Zusammenleben prägen kann – nicht nur ästhetisch, sondern ganz konkret im Alltag. Dass die Region Frankfurt Rhein-Main den Zuschlag erhielt – und sich dabei sogar gegen die Konkurrenz aus Riad durchsetzte –, unterstreicht die Bedeutung dieses Jahres.
Und mittendrin: Kelkheim. Keine Metropole, kein klassisches Designzentrum, sondern eine Stadt, die gerade deshalb interessant wird. Denn hier zeigt sich, worum es in diesem Jahr geht: „Gestalten wir gemeinsam Frankfurt Rhein Main“ ist nicht nur ein Motto, sondern eine Einladung. Design wird dabei nicht als etwas verstanden, das nur von Experten kommt, sondern als gemeinsamer Prozess – als Frage danach, wie öffentliche Räume aussehen, wie Menschen miteinander ins Gespräch kommen und wie Demokratie im Alltag sichtbar wird. Denn auch die Demokratie braucht manchmal einen Push, einen Schubs, einen neuen Blickwinkel. Gestaltung kann dabei helfen, kann demokratische Prozesse neu denken
Ort des Austauschs
Der WDC-Pavillon vor dem Rathaus ist genau dafür gedacht. Er ist kein Ausstellungsraum im klassischen Sinne, sondern ein Ort des Austauschs. Hier wird diskutiert, ausprobiert, hinterfragt. Wie wollen wir zusammenleben? Wie können Städte so gestaltet werden, dass sie für alle funktionieren? Und welche Rolle spielt dabei jeder Einzelne?
So wird aus einem Pavillon auf einem Platz plötzlich ein Stück Weltgeschehen – und aus Kelkheim ein Ort, an dem große Fragen ganz konkret verhandelt werden.
Bürgermeister Albrecht Kündiger ist beim Pressegespräch sichtlich anzumerken, wie stolz er darauf ist, dass Kelkheim ein Teil von etwas Großem ist. Denn der Pavillon macht nicht überall Halt – unter den sechs Stationen ist Kelkheim mit Abstand die kleinste. „Was nicht heißt, dass hier nicht großartige Sachen geboten werden“, schiebt der Rathauschef hinterher. Dilan Alt und Maurice Riegler sind die Organisatoren des Pavillons und zeigen sich beeindruckt von dem Angebot, das Kelkheimer Vereine, Organisationen, Institutionen neben den Workshops und Veranstaltungen des WDC auf die Beine gestellt haben.
Der Auftakt verspricht viel
Mit einem offenen Lächeln und einem Glas in der Hand beginnt am Mittwoch, 6. Mai, um 18 Uhr die erste Woche, die Kelkheim spürbar in Bewegung bringt: Das Soft Opening des WDC-Pavillons läutet den Auftakt ein – entspannt, einladend und voller Neugier auf das, was kommt. Die Türen stehen weit offen, Gespräche entstehen ganz von selbst, und während feine Weine und kleine Köstlichkeiten die Runde machen, wird schnell klar: Dieser Pavillon will kein stiller Ausstellungsort sein, sondern ein lebendiger Treffpunkt für alle. Da darf natürlich auch der DJ nicht fehlen, der mit Liveacts für die passende Stimmung sorgen wird.
Gleich von Beginn an (6. bis 17. Mai, 10 bis 20 Uhr) wird auch der Ping Pong Park zum pulsierenden Herzstück des Geschehens. Hier ist nichts so, wie es scheint. Tischtennisplatten sehen anders aus, Schläger, die man sich ausgeliehen kann, haben verschiedenste Formen. Nichtsdestotrotz werden schon nach wenigen Minuten die Bälle hin- und herfliegen. Hier geht es nicht um Perfektion, sondern um Begegnung – spontane Matches, lachende Zuschauer und dieses ganz eigene Gemeinschaftsgefühl, das entsteht, wenn Fremde plötzlich zu Spielpartnern werden.
Zwei Künstlerinnen inspirieren
Durch die erste Woche ziehen sich zwei prägende Stimmen: Die Künstlerinnen Sophie Netzer und Kerstin Reyer sind vor Ort präsent, begleiten Workshops, regen Diskussionen an und stellen Fragen, die im Alltag oft untergehen: „Wem gehört die Straße?“ oder „Darf ich mich hier setzen?“ Ihre Formate laden nicht nur zum Zuschauen ein, sondern vor allem zum Mitmachen – und genau darin liegt der Reiz.
Am Donnerstag (7. Mai) wird es dann konkret: Beim Workshop „Wem gehört die Straße?“ setzen sich Schülerinnen und Schüler kreativ mit dem öffentlichen Raum auseinander, während parallel die „Stadtverschönerung“ (14 bis 17 Uhr) durch gemeinsames Stricken und Häkeln eine ganz eigene, charmante Note bekommt. Hier zeigt sich bereits, wie stark die lokalen Kräfte eingebunden sind. Vereine und Initiativen wie „Miteinander leben in Kelkheim“ bringen ihre Ideen ein und machen den Pavillon zu einem Ort, der von der Gemeinschaft getragen wird.
Gespräche, Kreativität und Jugend
Der Freitag (8. Mai, 14 bis 17 Uhr) bringt ein weiteres Highlight: Mit „Hooked on a book“ entsteht ein interaktives Erlebnis zwischen zwei Fremden – überraschend, poetisch und verbindend. Zwei Menschen begegnen sich dabei nicht zufällig, sondern über das, was sie lesen und erzählen. Aus kurzen Momenten des Austauschs entwickelt sich eine kleine, persönliche Geschichte – ungeplant, nahbar und oft mit einem unerwarteten Blick auf das Gegenüber (Anmeldungen über kultur[at]kelkheim[dot]de).
Am Samstag (9. Mai) öffnen lokale Initiativen beim Programmpunkt „(Flower-) Power fürs Ehrenamt und Integration“ (11 bis 13 Uhr) ihre Türen, laden zum Austausch ein und zeigen, wie vielfältig Engagement in Kelkheim gelebt wird. Das Amt für Jugend und Integration ist hier ebenso präsent wie viele weitere Akteurinnen und Akteure, die den sozialen Zusammenhalt der Stadt prägen.
Kreativ geht es weiter: Im „Schilder-Workshop“ (14 bis 17 Uhr) entstehen Botschaften, Fragen und Wünsche, die später im Stadtraum sichtbar werden. Dafür stellt die Stadt Verkehrsschilder zur Verfügung, die umgestaltet werden und danach im öffentlichen Raum auftauchen. Natürlich wird sich dabei an Recht und Ordnung gehalten. Beim „Glasworkshop“ (14 bis 17 Uhr) werden aus alten Weinflaschen neue Kunstwerke entstehen – Upcycling mit Stil und Aussage.
Am Samstag (10. Mai) schließlich lädt ein spielerischer Stadtspaziergang (Kleisterspaziergang, 15 bis 17 Uhr) dazu ein, Kelkheim mit neuen Augen zu sehen: Gedanken, Fragen und Wünsche werden direkt vor Ort entwickelt und hinterlassen Spuren, die über den Moment hinaus wirken.
Den Abschluss der ersten Woche bildet der Jugendtreff am Mittwoch darauf (13. Mai, 13 bis 18 Uhr) – ein ganz „normaler“ Treff der städtischen Jugendtreffs Mitte, Fischbach und Ruppertshain, aber eben im besonderen Setting des Pavillons. Offen, niedrigschwellig und mitten im Geschehen zeigt er, wie wichtig es ist, jungen Menschen Raum zu geben.
Was diese Tage so besonders macht, ist nicht nur das Programm selbst, sondern das Zusammenspiel dahinter: Die Kulturgemeinde, das Amt für Jugend und Integration, engagierte Vereine, kreative Initiativen und viele weitere Beteiligte füllen den Pavillon mit Leben. Es ist ein Ort, an dem Ideen wachsen, Begegnungen entstehen und Kelkheim sich von seiner lebendigsten Seite zeigt – bunt, offen und überraschend nahbar.
Infos
Der WDC-Pavillon ist von Mittwoch bis Sonntag jeweils von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Für die Workshops und alle weiteren Angebote ist keine Anmeldung erforderlich – einzig für „Hooked on a book“ wird um eine vorherige Registrierung gebeten. Ansonsten gilt: Einfach vorbeikommen, mitmachen und entdecken. Jeder ist willkommen, jede und jeder wird etwas finden, das interessiert oder inspiriert, und die Gelegenheit haben, neue Menschen kennenzulernen. So wird der Pavillon zu einem offenen Ort des Austauschs – und Kelkheim für diese Tage zu einem kleinen Teil eines weltweiten Projekts.
Was ist eine World Design Capital?
Die World Design Capital (WDC) ist ein internationaler Titel, der alle zwei Jahre an eine Stadt oder Region vergeben wird. Ausgezeichnet werden Orte, die Design gezielt einsetzen, um gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Herausforderungen zu lösen. Dabei geht es nicht nur um Architektur oder Produktgestaltung, sondern vor allem um die Frage, wie Gestaltung den Alltag der Menschen verbessern kann – etwa in der Stadtplanung, bei Mobilität, im sozialen Miteinander oder in demokratischen Prozessen.
Wer steckt hinter der WDC?
Vergeben wird der Titel von der World Design Organization (WDO). Diese internationale Organisation mit Sitz in Kanada setzt sich seit den 1950er-Jahren für die Förderung von gutem, verantwortungsvollem Design ein. Ihr Ziel ist es, Design als Werkzeug für eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft zu stärken.
Was passiert in einem WDC-Jahr?
Die ausgezeichnete Region richtet über das Jahr hinweg zahlreiche Projekte, Ausstellungen und Veranstaltungen aus. Dabei stehen Beteiligung, Austausch und neue Ideen im Mittelpunkt. Bürgerinnen und Bürger, Institutionen, Unternehmen und Kreative sind eingeladen, gemeinsam an Lösungen für die Zukunft zu arbeiten.
Besonderheit 2026
Mit der World Design Capital Frankfurt Rhein-Main 2026 ist erstmals eine ganze Region in Deutschland Trägerin des Titels – mit vielen beteiligten Städten, darunter eben auch Kelkheim.
