Kelkheim (ju) – Vor dem Lions Club Kelkheim hat Landrat Michael Cyriax am vergangenen Montag ein Thema aufgegriffen, das selten im Rampenlicht steht, für den Alltag der Bürgerinnen und Bürger jedoch von zentraler Bedeutung ist: Die aktuellen Herausforderungen der deutschen Landkreise – erläutert am Beispiel des Main-Taunus-Kreis.
In sachlichem, zugleich eindringlichem Ton zeichnete Cyriax das Bild einer kommunalen Ebene, die viele Aufgaben trägt, deren Spielräume jedoch zunehmend enger werden.
Klein, dicht besiedelt – und wirtschaftlich stark
Der Main-Taunus-Kreis umfasst zwölf Städte und Gemeinden. Mit rund 220 Quadratkilometern ist er flächenmäßig der kleinste Landkreis Deutschlands – etwa so groß wie Wiesbaden – und zugleich einer der am dichtesten besiedelten. Eingebettet zwischen Frankfurt, Wiesbaden und Mainz profitiert die Region von ihrer Lage im Rhein-Main-Gebiet.
Mehrere international tätige Unternehmen haben hier ihren Deutschlandsitz oder bedeutende Forschungsstandorte, darunter Samsung Electronics in Eschborn, Procter & Gamble mit großen Forschungsabteilungen sowie die Deutsche Börse. Diese wirtschaftliche Stärke trägt wesentlich dazu bei, dass der Kreis als attraktiver Wohn- und Arbeitsstandort gilt.
Was ein Landkreis eigentlich leistet
Ein zentrales Anliegen des Vortrags war es, die Aufgaben eines Landkreises greifbar zu machen. „Viele wissen gar nicht genau, was wir eigentlich tun“, so Cyriax sinngemäß.
Im Kern geht es um soziale Existenzsicherung – überall dort, wo Sozialversicherungssysteme nicht greifen. 2025 betreute der Kreis rund 20.000 Menschen, die Transferleistungen beziehen, etwa Bürgergeld, Sozialhilfe, Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen oder Hilfe zur Pflege. Letztere kann monatliche Kosten von über 3.000 Euro verursachen. Die Zahl der Leistungsberechtigten ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.
Hinzu kommen klassische Dienstleistungen: Rund 50.000 Notrufe pro Jahr gehen bei der Leitstelle unter der Nummer 112 ein – etwa 140 täglich. In der Kfz-Zulassungsstelle werden jeden Tag bis zu 200 Anliegen bearbeitet. Gleichzeitig ist der Kreis Schulträger, unterhält Gebäude, sorgt für Ausstattung und Infrastruktur. Insgesamt beschäftigt die Kreisverwaltung rund 1.500 Mitarbeitende, der Haushalt umfasst etwa 650 Millionen Euro jährlich.
„Wir begleiten die Menschen von der Geburt bis ins hohe Alter“, brachte es Cyriax auf eine einfache Formel.
Soziale Lasten wachsen dynamisch
Etwa zwei Drittel des Haushalts entfallen auf soziale Leistungen. Diese beruhen überwiegend auf Bundesgesetzen mit Rechtsansprüchen. Finanziert wird der Kreis vor allem über die Kreisumlage, also Beiträge der Städte und Gemeinden, sowie über staatliche Zuschüsse. Doch diese decken die tatsächlichen Kosten nicht vollständig.
Die Entwicklung sei dramatisch, machte Cyriax deutlich: Mussten 2020 noch rund 60 Millionen Euro zusätzlich aus der Kreisumlage für gesetzliche Sozialleistungen aufgebracht werden, rechnet der Kreis für 2026 mit etwa 120 Millionen Euro. Eine Verdopplung innerhalb weniger Jahre.
Ein wesentlicher Kostentreiber ist die Jugend- und Eingliederungshilfe. Durch das Bundesteilhabegesetz haben Kinder mit Behinderungen Anspruch auf inklusive Beschulung. Dafür werden Teilhabeassistenzen eingesetzt – gesellschaftlich gewollt, aber kostenintensiv für die kommunale Ebene.
Bildung im Wachstum
Der Main-Taunus-Kreis wächst – und mit ihm die Zahl der Schülerinnen und Schüler. Innerhalb eines Jahrzehnts kamen rund 3.000 hinzu, auch infolge von Migration und dem Krieg in der Ukraine.
Allein in den vergangenen fünf Jahren investierte der Kreis rund 250 Millionen Euro in Schulgebäude und Ausstattung, rechnerisch etwa 8.000 Euro pro Schüler. Hinzu kommen Investitionen in Ganztagsbetreuung, für die seit Kurzem ein Rechtsanspruch besteht, sowie digitale Endgeräte, die während der Corona-Pandemie angeschafft wurden.
Gleichzeitig bereiten sprachliche Defizite Sorge: Bundesweite Studien zeigen, dass etwa ein Viertel der Viertklässler nicht ausreichend lesen, schreiben oder rechnen kann. Der Kreis fördert daher gezielt Deutsch als Bildungssprache; mehrere Hundert Kinder nehmen bereits an entsprechenden Programmen teil.
Strukturelles Ungleichgewicht
Im Kern beschrieb Cyriax ein strukturelles Problem: steigende Sozialausgaben bei stagnierendem Wirtschaftswachstum und begrenzten kommunalen Einnahmen. Während die Kommunen nur rund 14 Prozent der Steuereinnahmen erhalten, tragen sie einen erheblichen Teil der staatlichen Aufgaben. Bundesweit summierten sich die kommunalen Defizite zuletzt auf historische Höchststände.
Könne ein Kreis seinen Haushalt nicht ausgleichen, müsse die Kreisumlage steigen. Die Städte und Gemeinden reagierten dann häufig mit höheren Grund- oder Gewerbesteuern. „Am Ende zahlt es immer die Bürgerschaft“, machte Cyriax deutlich.
Sondervermögen oder zusätzliche Kredite seien keine dauerhafte Lösung, sondern verschöben die Lasten in die Zukunft.
Appell für Ehrlichkeit
Parteipolitik, betonte der Landrat, stehe dabei nicht im Vordergrund. Es gehe um das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung. Wenn Bund und Länder immer neue Standards und Rechtsansprüche festlegten, ohne für eine vollständige Finanzierung zu sorgen, bleibe vor Ort kaum noch Gestaltungsspielraum.
Sein Fazit vor dem Lions Club war ein Appell zur Ehrlichkeit in der politischen Debatte: Entweder Standards und Bürokratie müssten reduziert werden – oder die Gesellschaft müsse bereit sein, höhere Abgaben zu akzeptieren.
Die Herausforderungen der Landkreise, so wurde an diesem Abend deutlich, sind kein abstraktes Verwaltungsthema. Sie betreffen unmittelbar die Lebensrealität vor Ort – auch im Main-Taunus-Kreis.
