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Eine Festungskanone für die Demokratie

Königstein (hhf) – Ob es immer gelingt, Frieden zu schaffen ohne Waffen ist ein viel diskutiertes Thema. Dass es in der Geschichte nie leicht war, moderne Ideen der Demokratie gegen althergebrachte Adelsstrukturen durchzusetzen, ist leider schon eher ein Faktum. Wer von den ersten Demokraten auf (zeitweise nicht ganz) deutschem Boden in der Mainzer Republik – wenn auch nicht vorsätzlich – Blut an den Fingern hatte, lässt sich wieder diskutieren, dass diese Umstürzler von den rückerobernden Vertretern der deutschen Kleinstaaterei erst einmal ins Gefängnis gesteckt wurden, scheint rechtens. Immerhin war man mit Todesurteilen und ähnlich harten Maßnahmen sehr vorsichtig und entließ die überwiegende Mehrheit – wenn auch ohne Gerichtsverfahren festgehalten – nach wenigen Monaten oder Jahren wieder, und wenn es nur im Austausch gegen staatstreue Deutsche war, die in Frankreich festgehalten wurden.

„Auf dem Rheinübergang bei Mainz-Mombach ging es zu wie an der Glienicker Brücke“, beschrieb Christoph Schlott das Geschehen um 1795. Anlässlich des Tages des offenen Denkmals hatte er zu einer kleinen Burgführung eingeladen, denn es stand die offizielle Übergabe einer mächtigen Zwölfpfünder-Kanone an die Stadt Königstein an, die der Verein „Terra incognita“ im Rahmen seines Projektes „Festung Königstein – Ort europäischer Demokratiegeschichte“ organisiert hatte. Der tiefere Sinn dabei ist, nicht der Gewalt zu huldigen, sondern „dem Ort der Festungshaft ein zeitgenössischen unverzichtbaren Ausrüstungsgegenstand zurückgegeben, den viele Besucher hier – im Gegensatz zu vielen anderen historischen Bauten ähnlicher Provenienz – bislang vermisst haben.“ Auch die Königsteiner jener Zeit dürften das Fehlen der 14 Festungskanonen nach dem Abtransport durch die preußische Armee deutlich bemerkt haben, denn das Abfeuern der „Mittagskanone“ punkt zwölf Uhr gehörte damals zum festen Tagesablauf.

Zur Erinnerung: Königstein hat gleichzeitig Reste einer Burg, eines Schlosses und einer Festung als Wahrzeichen, das eine ging jeweils aus dem anderen hervor. Die ältesten Reste wurden 1965 und 1975/76 bei Ausgrabungen auf Initiative von Rudolf Krönke gefunden, Christoph Schlott war als Archäologiestudent mit dabei. So wies er auf Reste des Pflasters aus dem 16. Jahrhundert vor dem „grünen Keller“ hin, wechselte auf der Festwiese, von der aus staufische Mauerpartien zu sehen sind, aber in die 1790er-Jahre, also die Festungszeit unter Kurmainzer Herrschaft. Den freien Blick auf die Taunusberge gab es damals hier nicht, alles war mit Gebäuden umrandet, hier befand sich der eigentliche Kasernenbereich.

Die alten Gemäuer von Schloss und Burg dienten dagegen überwiegend als Staatsgefängnis und nahmen in dieser Funktion – neben Erfurt und Ehrenbreitstein – zwischen 200 und 400 „Klubbisten“ auf. Dabei handelte es sich um jene Deutschen, die zwar auf deutschem Boden, aber nur unter französischer Besetzung in Mainz erstmalig gewagt hatten, einen demokratischen Reformversuch zu begründen. Genaugenommen handelte es sich um das „erste deutsche Gefängnis mit politischen Gefangenen“, mit denen man auch nicht recht umzugehen wusste. Waren es – nach dem Beitritt von Mainz zur französischen Republik kurz vor der Rückeroberung – vielleicht doch Franzosen? Auch mangels des juristischen Begriffs einer Demokratie waren die Inhaftierten nicht recht fassbar und wurden nie rechtskräftig verurteilt.

Genug Gründe also, dieser Umstände heute zu gedenken – ein Gedenkstein für Caroline Schlegel-Schelling in der ehemaligen Schlossküche existiert zwar schon länger, doch will „Terra incognita“ einiges mehr. Und das nicht von ungefähr: „Eine ideelle Erhöhung als Gefängnis für die ersten Demokraten“ könne Fördergelder bringen, die der Kommune gut täten, denn die Unterhaltung der gewaltigen Ruine ist eigentlich „eine Nummer zu groß“ für Königstein. Künftig werden die städtischen Mitarbeiter aber nun auch noch eine Kanone mehr putzen müssen...

Welche Kanonen genau auf der Festung stationiert waren, konnte nicht herausgefunden werden (vielleicht wurden sie bis nach Waterloo transportiert), doch kommt das nun eingeweihte Prachtstück – es wurde vom Grund des Ärmelkanals geborgen – den Abbildungen auf Plänen und Bildern recht nahe. Das Rohr stammt aus einer Kanonen-Sammlung aus Nidderau, gestiftet von Gisela Girke, Zimmersfrau Felicitas Sauer hat den Unterbau aus Eichenholz konstruiert, mit erheblicher finanzieller Hilfe der Immobilienfirma von Poll. Die Ausrichtung auf Falkenstein soll gerüchteweise eine Idee des Bürgermeisters gewesen sein.

Pünktlich um zwölf Uhr mittags stand Leonhard Helm auf der Bastion, die Kanone wurde von der Festungsgarde der Plasterschisser flankiert, denn sie tragen Uniformen der Kurmainzer Festungssoldaten. Pyrotechniker der Katastrophenschutzeinheit Bergstraße hatten den Kommandeur eingewiesen, sodass Klaus Kroneberger schließlich die Mittagskanone zündete, die mit reichlich Getöse und noch mehr beißendem Qualm ein Zeichen setzte, das Christoph Schlott zuvor so formuliert hatte: „Die Geschichte der Burg endet nicht 1796!“ Ganz im Gegenteil wirkt die Kanone geradezu zukunftsweisend, denn sie wird als „Marker“ für eine App dienen, die eine rekonstruierte Festung auf den Handys der Besucher erscheinen lassen soll – die Vermessungen laufen schon.

Stilgerecht wurde die neue Festungskanone von der Garde gezündet, pünktlich um 12 Uhr mittags gab es eine Menge Schall und Rauch in verschiedene Richtungen.
Fotos: Friedel

Eine Beobachtung am Rande: Die Form der Qualmwolke glich einige Sekunden nach dem Schuss auffallend jenen „Wölkchen“, die auf dem bekannten Merian-Stich zu sehen sind.

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