Noch ist Sommer – Chansons im HdB mit Petra Kresser und Thomas Ehrle

Petra Kresser und Thomas Ehrle, hier Manfred Colloseus (Mitte), Vorsitzender des Fördervereins des Hauses der Begegnung, berührten die Zuschauer im HdB mit dem Flair der Brel-Chansons und Eigenkompositionen. Foto: Sura

Königstein (aks) – Wer dem Zauber von Paris je erlegen ist, der war sofort berührt vom Flair des Chansonabends mit Petra Kresser und Thomas Ehrle am Klavier. „Les prénoms des Paris“ ist selbstverständlich eine Liebesgeschichte, die in der Stadt der Liebe spielt. Die vielen Vornamen von Paris werden besungen und so entstehen wunderschöne Bilder im Kopf und das Herz lacht: ...„ton coeur qui sourit“! „Paris l’Amour, Paris ce soir, Paris si tu veux, Paris merveilleux, Paris chagrin, Paris – je reviens... “. Mit viel Gefühl trägt Petra Kresser die Kompositionen von Jacques Brel vor, dem herausragenden Repräsentanten des Chansons, der, in Brüssel geboren, in den 60er-Jahren in Paris berühmt wurde. Thomas Ehrle am Klavier, den sie in der Musikredation des hr kennen gelernt hat, ist ein kongenialer Partner, mit dem sie auch eigene Songs und Lieder getextet und vertont hat, die sie am Sonntagabend im Haus der Begegnung vorträgt. Es ist kein leichtes Programm, wenn man ständig von Französisch auf Deutsch umschalten muss.

Die deutschen Texte sind tiefsinnig, ein wenig bitter, die französischen verspielt romantisch mit Anklängen von Gesellschaftskritik. Petra Kresser singt in teilweise atemberaubendem Tempo – ihre Aussprache eine Meisterleistung! Sie singt in der Tradition des französischen Chansons mit rollendem R und verliert auch bei erhöhtem Tempo nie den Faden.

Auch bei der „Valse à mille temps“, dem berüchtigten Brel-Walzer, der immer temporeicher wird und jeden Muttersprachler in Atemnot bringt, bleibt sie souverän. Bravo! Auf Nachfrage erklärt sie, dass sie nur in der Schule Französischunterricht hatte, dass es ihr als Sängerin aber relativ leicht fällt, die Texte im Original zu singen.

Die eigenen Kompositionen spiegeln ihre sehr persönlichen Erlebnisse der Kindheit, die sie selbst als „zartbitter“ bezeichnet, ihre Zeit in Kalifornien, die Unerbittlichkeit des Älterwerdens und das Gefühl der Freiheit. Die „Zigeunerin“ ist eine Person, die sich nicht einfangen lässt. „Ihr Haus brennt lichterloh, sie selbst wohnt nirgendwo, die Wände sind aus Licht“. In Frankfurt beobachtet sie die Singles beim „Tanzen“, die verloren in der Großstadt, auf der Suche nach dem großen Gefühl sind: „Du machst mich froh – und traurig sowieso“. Sie kennt den Abschiedsschmerz, wenn die Liebe vorbei ist und „die dunkle Nacht, die alles noch kälter macht – vor uns die Vergangenheit, hinter uns die Vergeblichkeit“. „Oh Gott, du wirst alt“, dieser Schreck morgens vor dem Spiegel hat Kresser zum „Herbstlied“ inspiriert. Howard’s Song handelt vom ewig jungen Howard, der die Freiheit mehr liebt als alles andere.

Einmal hat er geliebt, doch er entschied sich zu gehen: „Nirgendwo ist weit genug, lass mich in Ruh’!“ Ein faszinierender Zeitgenosse, der ungebunden sein Leben führt, und trotzdem ahnt, dass die Einsamkeit irgendwo da draußen lauert, und er eines Tages müde vom Wandern sein wird, aber „noch ist Sommer und es ist Sommer, wenn er lacht“.

Das Geheimnis einer alten Liebe scheint Brel zu kennen. In den „Vieux amants“ warnt er vor zu viel Nähe und Frieden, denn das kann tückisch sein für Liebende: „le pire piège, de vivre en paix pour des amants“. Auch wenn man sich ab und zu verliert und einen sanften Krieg führt, ist die Freude am anderen immer noch da. Der nächste Walzer von Jacques Brel ist ein Plädoyer für eine Welt, in der alle Kinder gleich sind – egal ob es die Kinder eines Sultans oder Fakirs sind, eines Caesaren oder Bürgers. Woher sie auch stammen, sie sind alle liebenswert, haben das gleiche Lächeln und die gleichen Seufzer – „les mêmes sourires, les mêmes soupirs“.

Hörbare Lust macht Brel die krude Sprache der Matrosen in Amsterdam, wo sich Matrosen betrinken, mit Huren flirten und in die „Fritten“ greifen – Brueghel’sche Bilder, Brel schwelgt im prallen Leben. „Ne me quitte pas“, ist das traurigste Chanson, das Brel je gesungen hat. Er macht sich klein, damit er bei der Angebeteten bleiben darf. Er will sich auflösen, damit er ihr nicht zur Last fällt: „Devenir l’ombre de ton ombre, l’ombre de ta main, l’ombre de ton chien“. Die Erniedrigung kennt keine Grenzen. Um den geliebten Partner nicht zu verlieren, verspricht er „der Schatten ihres Hundes zu werden“. Petra Kresser gebührt ein großes Lob, dass sie dieses tieftraurige Chanson nicht in Sentimentalität und Kitsch abgleiten lässt, sondern mit tief empfundenem Gefühl singt. Das ist überhaupt das, was sie auszeichnet: Von der Erscheinung eher kühl und distanziert, wirkt sie während des Gesangs beseelt und strahlt Traurigkeit und auch Freude aus. In sparsamen Gesten wird Hoffnungslosigkeit spürbar, ebenso wie ein fröhliches Tänzchen oder die bukolischen Feste der Matrosen.

Chansons mit ihrer wunderbaren Poesie sind vor allem eins: Emotion. Lebensklugheit, Weisheit, Weltschmerz, große Lieben und Abschied sind die Themen, die in dramatischen Melodien, die man nicht so schnell vergisst, den Zuhörer mitreißen, vor allem wenn sie so kunstvoll wiedergegeben werden wie von Thomas Ehrle. Das französische Chanson ist eine eigene Kunstform, die man mit dem deutschen Schlager nicht vergleichen kann. Die Sprache ist lyrisch und die Melodien nicht unbedingt leichte Muse. Bittersüß ist der Tenor: Wer nicht geliebt und gelitten hat, hat nicht gelebt! „Quand on a que l’Amour“, „pour unique raison“ – wenn wir nur die Liebe haben, dann haben wir die ganze Welt. Ein herrliches Wort zum Sonntag!

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