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„Stolpersteine auf Papier“ und das Buch „Juden in Königstein“

Präsentierten die Neuauflage „Juden in Königstein“ anlässlich der Ausstellungseröffnung zu den Schicksalen der jüdischen Mitbürger: Petra Geis (v. li.), Beate Großmann-Hofmann, Simone Hesse, Hedwig Groß, Christian Reichardt, Angelika Rieber und Barbara Kramer.

Foto: Schemuth

Königstein (el) – Es herrscht absolute Stille in der Königsteiner Stadtbibliothek und das obwohl sich hier am Dienstagabend an die 50 Personen versammelt haben. Sie alle lauschen der Stimme einer Frau, die ihre Wurzeln von der Weltstadt New York aus auf Hebräisch, Jiddisch und Englisch besingt. Es sind mystische, melancholische Töne, die in Königstein ankommen, einem Ort, mit dem die Sängerin als Verwandte des Rabbiners Siegfried Wetzler, der einst mit seiner Frau im Ölmühlweg wohnte, verbunden ist. In der Reichspogromnacht wurde das Mobiliar des Ehepaares von den Nazis zerstört und beide im Jahr 1942 nach Auschwitz deportiert. Die Falkensteinerin Hedwig Groß hat sich als Mitglied der Initiative „Stolpersteine“ mit dem Schicksal des Rabbiners beschäftigt – seine Biografie ist eine von insgesamt elf, die zusammen mit Schriftstücken, etwa aus dem Staatsarchiv in Wiesbaden, die neue Ausstellung in der Stadtbibliothek bildet, die noch bis Ostern die Schicksale der jüdischen Königsteiner Mitbürger zeigt, für die im Rahmen der „Stolperstein-Initiative“ solche Gedenksteine gegen das Vergessen verlegt werden. Eng verzahnt ist die Ausstellung mit der Verleihung des Eugen-Kogon-Preises, den Gunter Demnig, der Initiator der Stolpersteine, am Freitag aus den Händen von Bürgermeister Leonhard Helm und Stadtverordnetenvorsteher Robert Rohr erhalten wird.

Beide waren, wie die anderen Ausstellungsgäste auch, an diesem Abend zugegen, damit ein Stück Königsteiner Geschichte wider das Vergessen wachgehalten wird. Es gehe darum, den Fokus direkt auf die einzelnen Menschen zu lenken, nicht etwa nur die Gruppe, so dass man genau weiß, mit wem man es zu tun hat. „Farbe bekennen“, darum geht es auch Bürgermeister Leonhard Helm in dieser Ausstellung und allen Veranstaltungen, die sich rund um den Leidensweg der jüdischen Mitbürger ranken. Man müsse sich auch heute noch stets bewusst machen, was man nach Ende des Zweiten Weltkrieges verloren habe, so Helm, der ausführte, dass auch der Soziologe Kogon, der Impuls- und Namensgeber des Preises, dies in seinem Buch „SS-Staat“ geschildert habe.

Den Menschen, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Frieden in Königstein gelebt haben und auf grausame Weise verfolgt, deportiert und getötet wurden, ist das Buch „Juden in Königstein“ von Heinz Sturm-Godramstein gewidmet, das 1983 in der ersten Auflage erschienen ist , 1998 nochmals aufgelegt wurde und jetzt aktuell 2015 mit dem Unterschied, dass der Makel beseitigt wurde, dass auf Namensschwärzungen – und nicht etwa die der Opfer – verzichtet wurde.

Am Dienstagabend hielt Stadtarchivarin Beate Großmann-Hofmann das erste, frisch gedruckte Exemplar der um 60 Seiten erweiterten Neuauflage des Buches in den Händen, das nun 70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur erscheint. Dieses Buch, das als Standardwerk über die Geschichte der Stadt zu verstehen ist, und sich intensiv mit dem Leidensweg Einzelner beschäftigt, übernimmt im ersten Teil die unveränderte Dokumentation des früheren, im vergangenen Jahr verstorbenen Stadtarchivars Sturm-Godramstein. Daran schließt sich mit dem biografischen Teil die Arbeit der 2012 gegründeten Initiative Stolpersteine um die Königsteinerin Petra Geis an. Geis und ihre Mitstreiter waren es auch, die anregten, dass das vergriffene Buch von Sturm-Godramstein neu aufgelegt werden sollte, um es mit neuen Forschungsergebnissen ergänzen zu können.

„Bei den Recherchen zu den Schicksalen der Königsteiner Opfer der NS-Zeit haben wir selbst einiges dazu gelernt. Auschwitz, das Synonym für die Vernichtung der Juden, kannten wir alle. Von Kowno, Drancy, Westerbork, dem Ghetto Minsk, der Polenaktion und Judenhäusern hatten die wenigsten von uns gehört“, erklärte Geis anlässlich der Doppelpremiere.

Auskunft über das Leben der Juden in Königstein habe man aus verschiedenen Quellen erhalten. Obwohl man auch weiterhin aus dem Stadtarchiv in Königstein und dem Hessischen Hauptstaatsarchiv habe schöpfen können, hätte man dank des Internets Zugang zu weiteren Informationsquellen gehabt, wie etwa Online-Gedenkbüchern oder Deportiertenlisten. „Nicht für alle Menschen, deren Schicksal Aufnahme in das Buch fand, wurde ein Stolperstein verlegt“, wies Geis jedoch darauf hin, dass dieses Buch dennoch allen Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung gewidmet sein solle, als „Stolperstein in Papierform“.

Doch zurück zu den Menschen, die hinter den Schicksalen stehen: Vor dem Foto des Ehepaares Woelcke aus dem Jahre 1935 haben sich die Falkensteiner Hedwig Groß und Josef Nikolaus versammelt. Im Zuge ihrer Recherche über das Schicksal des Ehepaares, dessen Haus in Falkenstein im November 1938 mit Steinen beworfen wurde, hat Groß auch mit einem Zeitzeugen, dem Falkensteiner Martin Seibel gesprochen. Seit Dienstag ergänzt noch ein weiteres Exponat, an das man sehr unverhofft gelang, die Geschichte des Ehepaares Woelcke. Josef Nikolaus hat es in Form eines Fotos mitgebracht. Das Original wäre zu groß gewesen, um es der Ausstellung beizufügen. Hierauf abgebildet ist das Gemälde der heiligen Familie, wie sie von Martha Woelcke gemalt wurde, die wie ihr Mann der Städel-Schule angehörte. Als ob die Falkensteinerin eine Vorahnung gehabt hat, zeigt es die Flucht nach Ägypten. „Herr Woelcke hat das Bild meinem Vater Mitte der 50er-Jahre geschenkt im Austausch für eine Leiter, die mein Vater gefertigt hat“, berichtet Josef Nikolaus. Die Malerin Martha Woelcke wurde im Januar 1944 aus ihrem Haus in Falkenstein abgeholt, als ihr Mann nicht zu Hause war und wurde nach Ausschwitz deportiert.

„Juden in Königstein“ ist zum Preis von 12 Euro bei der Kur- und Stadtinformation Königstein, Hauptstraße, erhältlich oder bei der Buchhandlung Millennium.

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