Königstein (as) – Auf einmal ging alles ganz schnell. Am vergangenen Donnerstag um 7 Uhr rollten riesige Kranwagen mit Greifersägen in der Konrad-Adenauer-Anlage an, um den ersten Schritt des Umbaus der Stadtmitte in Angriff zu nehmen. Es war der von vielen befürchtete, durch Bauzäune und Halteverbotsschilder Tage zuvor angekündigte Angriff auf den Baumbestand in der Anlage und in kleinerem Umfang auch im Kurpark.
Um Neues schaffen zu können, muss zunächst Altes weg – und der Zwischenzustand ist selten schön. Wenn es sich, wie im Fall von Königstein, um alten, gewachsenen, nur zum Teil durch die Dürresommer geschädigten, zum Teil aber auch um vitalen Baumbestand handelt, dann ist dieser Eingriff durchaus schmerzhaft. Konkret fielen an zwei Tagen 45 der 73 Gehölze in der Konrad-Adenauer-Anlage und weitere 15 Bäume im Kurpark, darunter auch ein seltener Urweltmammutbaum, der Säge zum Opfer. Der Baum sei „vorgeschädigt“ gewesen, hätte nur noch ein Drittel seiner Nadeln gehabt, hieß es dazu von der Stadt. Aber er stand, wie einige andere Bäume auch, im der Neuplanung im Weg – hier für das sogenannte Herzogen-Eck, das denkmalgerecht nach Siesmayer wieder hergestellt werden soll.
200 neue Bäume werden gepflanzt
Einige weitere Bäume und Sträucher werden in den kommenden Tagen noch „gerettet“, indem sie in die Hubert-Faßbender-Anlage, ins Woogtal und in einem Fall in den Kurpark umgepflanzt werden. Gleichzeitig hat die Stadt während der Umgestaltungsphase der Stadtmitte die Pflanzung von 198 neuen Bäumen angekündigt, 118 allein im Kurpark und 80 in der Konrad-Adenauer-Anlage – insgesamt also mehr als dreimal so viele wie jetzt gefällt wurden.
Doch für die Gegner der Maßnahme – ob Bürger oder Mandatsträger, zu denen von den Fraktionen der Königsteiner Stadtverordnetenversammlung jene der ALK in grundsätzlicher Form und die der SPD vor dem Hintergrund der städtischen Finanzen zählen –, ist diese Aussicht kein Trost. Insbesondere die Verlegung des Busbahnhofs und der Bau einer darunterliegenden Tiefgarage auf das Areal des Rosengärtchens – für einige der „sonnigste Platz in Königstein mit dem schönsten Blick zur Burg“ – erhitzt die Gemüter. Immerhin haben auch rund 1.000 Menschen eine private Petition dagegen unterzeichnet.
Gekommen waren aber zum Beginn der Rodung nur rund zwei Dutzend Protestierende. Nur zwei Dutzend. Da hätten sich die engagierten Gegner, die stets behauptetet haben, für einen Großteil der Königsteiner zu sprechen, sicher mehr Rückendeckung gewünscht.
Auf der anderen Seite war aber auch zu vernehmen, dass sich viele, vor allem alteingesessene Königsteiner, das „Trauerspiel“ nicht antun wollten. „Wenn noch was zu ändern gewesen wäre, wären mehr gekommen“, sagte eine Frau. Gegenüber den Vertretern der Stadt, angefangen von Vertretern des Magistrats mit Bürgermeisterin Beatrice Schenk-Motzko (CDU), die das Gespräch suchte, über Mitarbeiter der Verwaltung bis hin zu den Baumarbeitern des städtischen Betriebshofs, waren die Gegner am Donnerstagvormittag jedenfalls deutlich in der Minderheit.
Die Stadt wollte und musste auf gewisse Weise – noch vor der Sondersitzung der Stadtverordneten am selben Abend (s.u.) – Fakten schaffen, um den ambitionierten Zeitplan, den Umbau bis Ende 2027 weitestgehend abzuschließen, nicht zu gefährden. Schließlich endete drei Tage später am 1. März mit der Brut- und Setzzeit die Möglichkeit, komplette Bäume und Hecken zu entfernen, sofern es nicht die Verkehrssicherheitspflicht gebietet. Und die Verwaltung kann sich bei ihrem Tun auf einen abgeschlossenen demokratischen Willensbildungsprozess einschließlich Bürgerbeteiligung und drei Mehrheitsbeschlüssen für die Planungen und die Freigabe der Finanzmittel von rund 17 Millionen Euro durch die Stadtverordnetenversammlung berufen sowie auf einen rechtsgültigen Bebauungsplan.
Was nichts daran ändert, dass das Zwischenstadium bei Großbaustellen abschreckend wirkt. Die Konrad-Adenauer-Anlage hat ein neues Gesicht bekommen. Entstanden ist am Donnerstag binnen weniger Stunden in der Innenstadt eine Brache – das sichtbare Vorzeichen der sich schon bald anschließenden Großbaustelle für die Tiefbauarbeiten für die Parkgarage. Auch im Kurpark ist eine deutlich luftigere Blickachse vom Brunnen vor der Villa Borgnis zur Burg entstanden.
Wenn schon nicht während der Fällungen, so kochten die Emotionen in der Facebook-Gruppe „Alles rund um Königstein“ hoch. „Ein Trauerspiel! Was für eine Entscheidung gegen Königstein“, meinte etwa Yasmine Gothan. „Wunderschönenen alten Bäumen wurde das Leben genommen! Ab sofort werde ich die Innenstadt komplett meiden. Sorry an alle Gewerbetreibenden“, postete Inez de Hoog. Und Thomas Barz konstatierte „Das Ganze ist eine Absage an Nachhaltigkeit.“ Und auch in der realen Welt wurde kommentiert. „Unsere Freunde die Bäume sind tot, sie fielen gestern ohne Morgenrot“, stand auf einem Zettel neben einem Grablicht, das auf einen Baumstumpf gestellt worden war.
Aber auch bei einer solch hochemotionalen Diskussion gab es abwägende Statements in der meistgenutzten Facebook-Gruppe zu Königstein. Etwa jenes von Raimund Marx: „Wenn der Baum krank ist und eine Gefahr für andere besteht, gibt es keine andere Lösung. Im Kurpark hat man es ja gesehen.“ Oder diese: „Was die Konrad-Adenauer betrifft, so bin ich ebenso geschockt über den Kahlschlag. Andererseits habe ich mich auf der Website der Stadt umgesehen und dort fundierte Pläne für die neue Stadtmitte entdeckt, die mir außerordentlich gut gefallen haben. Denn ehrlich, der bisherige Parkplatz oberhalb des Kapuzinerplatzes war nie ein schönes Aushängeschild für Königstein – es war ein hässlicher Notbehelf“, schrieb Anna Maria Jansen und erntete 44 Likes für diesen Kommentar. Und Simone Köhler-Fischer meinte schließlich: „Mir blutet das Herz. Ich will wirklich hoffen, dass dann auch zügig weitergearbeitet wird; nicht, dass das Fällen der Bäume umsonst war.“ Eine Meinung, die wohl die meisten teilen werden ...
Und wie steht es nun um den sonnigsten Platz Königsteins mit dem schönsten Blick zur Burg – dem verschwundenen Rosengärtchen? Um mit den Mythen aufzuräumen: Die Burg war bisher nur von wenigen Punkten des Gärtchens aus gut zu sehen, am ehesten noch im Winter, wenn die nun größtenteils gefallenen Bäume laubfrei waren. Aktuell ist der Burgblick also besser denn je – und lässt sich bald von einer Wartebank des Busbahnhofs aus bewundern … (Vorsicht, Ironie!)
Keine Klage auf Akteneinsicht
Erwartungsgemäß keine Veränderung am festgefahrenen Status-quo zwischen der ALK und der Stadtverwaltung erbrachte die Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung am Donnerstagabend. Dort sollte geklärt werden, ob die Stadtverordneten vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt auf Akteneinsicht zum Stand der Bundesförderung für den Umbau der Stadtmitte klagen, nachdem die Bürgermeisterin die Einrichtung des Akteneinsichtsausschusses beanstandet hatte. Die ALK hatte seit Dezember 2025 versucht, auf diesem Wege in Erfahrung zu bringen, welche Änderungen an den Planungen der Stadtmitte es seit dem ursprünglichen Förderantrag gegeben hat und ob sich dies womöglich negativ auf die Fördersumme auswirke. Um es vorwegzunehmen: Die notwendige einfache Mehrheit für den Klageweg wurde klar verfehlt. Neben der ALK stimmten nur drei Stadtverordnete aus unterschiedlichen politischen Lagern dafür, 20 waren dagegen.
In der aufgeheizten Stimmung der Baumfällungen des Tages wollte insbesondere die ALK das Thema Stadtmitte mit auf die Agenda bringen, was Stadtverordnetenvorsteher und ALK-Fraktionsmitglied Dr. Michael Hesse unterbinden musste. Es sollte nur um den Akteneinsichtsausschuss gehen in dieser Sitzung, weshalb auch Bürgermeisterin Schenk-Motzko erst nach Beratung des Ältestenrats ein Rederecht am Ende der Sitzung erhielt. Sie appellierte an die Fairness im politischen Wettstreit: „Kritik gehört zur Demokratie. Hetze, persönliche Diffamierungen und Einschüchterungsversuche gehören nicht dazu.“ Solche müssten ihre Mitarbeiter wie Mandatsträger fast täglich erdulden. „Das ist nicht nur unangemessen – es ist in einer demokratischen Kultur schlicht nicht akzeptabel“, so die Bürgermeisterin. Auch sei beim Fördermittelgeber in Berlin und Bonn „negative Stimmung“ gegen das Projekt gemacht worden.
Eine für die meisten Anwesenden gute Nachricht hatte sie aber auch dabei an diesem Abend. Wie schon auf der letzten Stadtverordnetenversammlung angekündigt, befinde sich der endgültige Förderbescheid in der finalen Abstimmung. Sie habe ein „deutliches Signal“ bekommen, dass die angekündigte Fördersumme in Höhe von 4,9 Millionen Euro kommen wird. Ihr Angebot, die Akten zu diesem dann abgeschlossenen Vorgang offenzulegen, stehe weiterhin.
Ob es Königstein befrieden wird, wenn der Wahlkampf in zehn Tagen vorüber ist? Zumindest wäre dann ein Großteil der geplanten Fördermittel abgesichert und die Chance würde wachsen, dass es bei dem am vergangenen Donnerstag unwiderruflich begonnenen Umbau der Stadtmitte planmäßig vorangehen kann.



