Über 800 Jahre lebendige Geschichte sind zu bewahren – Heimatverein Mammolshain kämpft um sein Überleben

Nur Thilo Maier (rechts) würde weitermachen im Vorstand des Heimatvereins. Karl-Friedrich und Ingrid Reimer sowie der bisherige Vorsitzende Bernd Hartmann (v.l.) haben sich zurückgezogen, Vereinsring-Chef Martin Igges kämpft um eine Lösung. Foto: Schramm

Mammolshain (as) – Die Dorfstube im Obergeschoss des Dorfgemeinschaftshauses Mammolshain ist ein wahres Schmuckkästchen. Kaum 50 Quadratmeter groß beherbergt und behütet sie die mehr als 825 Jahre belegbare Geschichte des Ortes, der 1191 als Meinboldeshagen und Besitz eines Ritters vom Rettershof erstmals urkundlich erwähnt wurde. In Vitrinen, auf Bildern und Fotos, mit Ausstellungsstücken und aktuell einer prächtigen Porzellan-Sonderausstellung zum Thema silberne und goldene Hochzeit hat der Heimatverein Mammolshain seit seiner Gründung im Jahr 1990 die Dorfgeschichte erlebbar und sichtbar gemacht, seit vielen Jahren an diesem Ort. Die regelmäßigen „Babbel-Nachmittage“ am Sonntag mit Kaffee, Kuchen, der jeweils aktuellen Sonderausstellung, der Geschichte und den netten Geschichtchen aus dem Ort gehören zu einer Art gemeinschaftsstiftendem Kulturgut in Königsteins kleinstem Stadtteil.

Doch der Fortbestand dieses historischen Vermächtnisses ist aktuell akut gefährdet. Im schlimmsten Fall droht dem Verein schon bald die Auflösung. Denn die treibenden Kräfte seit Anbeginn, der Vorsitzende Bernd Hartmann und die Zweite Vorsitzende Ingrid Reimer, haben vor einigen Wochen bei der turnusgemäßen Jahreshauptversammlung auf eine erneute Kandidatur verzichtet – aus Altersgründen. Aus dem überschaubaren Kreis der wenigen Anwesenden von den insgesamt 38 Mitgliedern (mit Familienmitgliedschaften sind es um die 60) fanden sich am Abend keine Nachfolger.

Der hohe Altersdurchschnitt macht dem Heimatverein wie vielen anderen Vereinen auch zu schaffen. „Wir sind uralt“, sagt Ingrid Reimer lakonisch. Nur Kassierer Thilo Maier, einer der Jüngsten, stellte sich erneut zur Wahl. Zudem ließ sich der Vereinsring-Chef Martin Igges zum Schriftführer wählen in der Annahme, mit zwei Personen einen handlungsfähigen Vorstand zu haben. Doch ein genauer Blick in die Satzung zeigte hinterher deutlich: Der Verein darf nur durch den 1. und den 2. Vorsitzenden vertreten werden, insofern steht er derzeit führungslos da.

Letzte Chance am 14. Januar

Immerhin durfte der alte Vorstand nach Rücksprache mit dem Registergericht noch einmal zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung einladen. Diese findet nun am kommenden Mittwoch, 14. Januar, um 19 Uhr im Erdgeschoss des Dorfgemeinschaftshauses statt.

Das große Ziel und „Plan A“ ist, „zwei bis drei Leute zu finden, die den Verein weiterführen“, erklärt Martin Igges – mit dem Zusatz „nach eigenen Vorstellungen“. Die Dorfstube halte noch einiges parat, wie zum Beispiel historische Literatur zum Ort, womit sich arbeiten lasse, führt Bernd Hartmann aus. Der alte Vorstand wolle hier gar nicht groß reinreden, natürlich aber gerne „als Mitglied weiter mitarbeiten“, sagt der scheidende Vorsitzende, der das Amt im Jahr 2016 von seiner verstorbenen Frau Gertrud, der Vereinsgründerin, quasi geerbt hatte und mit ortskundigen Mitstreitern wie unter anderen Ingrid und ihrem Mann Karl-Friedrich Reimer bis in den vergangenen Herbst „mit Herzblut“ weiterführte. „Aber wir wollten nicht immer nur weiterverwalten, es sollen neue Ideen her“, sagt Ingrid Reimer.

Das Thema, dass der Verein auf der Kippe steht, ist mittlerweile in der Dorfgemeinschaft angekommen, aber einen personellen Durchbruch gibt es noch nicht zu vermelden. Es habe sich noch niemand für eine aktive Mitarbeit im Verein gemeldet, sagte Igges vor wenigen Tagen. Es wird also sehr knapp, das Überleben des Vereins zu sichern.

Wer sich für seinen Ort und Geschichte im Allgemeinen interessiere, sei grundsätzlich als Kandidat bzw. Kandidatin geeignet, beschreiben die bisherigen Vorstandsfunktionäre das Anforderungsprofil. Das können Alt-Mammolshainer genauso sein wie Neubürger, die ihre Heimat erst richtig entdecken wollen. Erfahrene Unterstützung würde die neue Vereinsspitze durch Thilo Maier erhalten, der weiterhin als Kassierer zur Verfügung steht. Wer vorab Fragen hat, kann sich gerne unter der E-Mail info[at]heimatverein-mammolshain[dot]de an den Verein wenden.

Als Plan B bleibt die Auflösung

Und wenn es nicht klappt mit einem neuen Vorstand und der Fortführung der Dorfgeschichte aus eigener Kraft, dann hat Martin Igges auch einen „Plan B“ im Kopf. Er würde sich zum 1. Vorsitzenden wählen lassen, um gemeinsam mit Maier den Verein „geordnet abzuwickeln“. Dann fiele der Vereinsbesitz und das Vermögen an die Stadt Königstein. Natürlich würden erst die privaten Leihgaben zurückgehen an ihre Besitzer, wie zum Beispiel das silberne Service zum 25. Hochzeitstag und das goldene der Familie Reimer, welche aktuell zur Sonderausstellung gehören.

Ein erstes Telefonat mit Königsteins Stadtarchivarin Dr. Alexandra König habe es bereits gegeben, berichtete Igges. Es sei ein sehr offenes Gespräch gewesen, die Stadt habe Kooperationsbereitschaft gezeigt. Allerdings verfügt die Stadt aktuell selbst über keine Fläche, um die eigene Stadtgeschichte abbilden zu können, liegt hier mit den geschichtlichen Vereinen Königsteins im Clinch. In Konfrontation zur Stadt werde der Verein aber auf keinen Fall gehen: „Einen dritten Weg wollen wir nicht“, macht Igges klar. „Im schlimmsten Szenario müsste der große Container kommen“, skizziert er eine mögliche Konsequenz aus Plan B.

Steinzeit-Stücke und Opel-Technik

Dann ginge viel Heimat verloren, die in der Dorfstube zu entdecken ist. Es geht los mit den ersten steinzeitlichen Funden aus den Mammolshainer Steinbrüchen, setzt sich fort mit der Orts-, Schul- und Kirchengeschichte, denn das Dorf ist ja seit jeher auch ein stolzer Kirchort. Es sind Erinnerungsstücke an die vier großen Gasthäuser zu finden, als private Leihgaben Nähmaschinen von Pfaff und ein rares Stück von Opel mit Original-Rechnung aus dem Jahr 1905, ein Puppen-Herd aus dem Jahr 1920. Auch ein Fläschchen der Deutschen Weinschorle, die mit Mineralwasser aus dem Kronthal speziell für die Lufthansa abgefüllt wurde, ist zu sehen.

Und wer um die Ecke in den Nebenraum schaut, der findet sich im früheren Dienstzimmer des letzten Bürgermeisters Hans Pfaff mit Standesamt wieder, mit den Stühlen, auf denen sich einst auch die Eheleute Hartmann und Reimer das Ja-Wort gaben. 1972 trat Mammolshain, das auch schon zu Kronberg und Schwalbach gehört hatte, aber seit 1866 unabhängig war, im Rahmen der Gebietsreform Königstein bei. „Wir wollten eigenständig bleiben“, sagt Ingrid Reimer, der Ort war gespalten. „Fast so schlimm wie beim Feuerwehrhaus, ich dachte nicht, dass ich das nochmal erlebe“, so die Mammolshainerin. Dieser Konflikt um den neuen Standort konnte im vergangenen Jahr mit der Entscheidung für den Bau am Mönchswald schiedlich-gütlich entschärft werden. Ein Kapitel, das der Heimatverein auch noch aufarbeiten könnte, wenn es ihn dann noch gibt ...

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