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Beethoven und Bach mit Abschiedstränen

Der Abschied vom NOK für Elisabeth und Karl-Christoph Neumann nach 35 Jahren – nicht ohne Wehmut und Trauer. Foto: Diel

Kronberg (die) – Ein harter Kampf war es um die letzten Plätze am vergangenen Sonntagabend in der Johanniskirche, hatte das Neue Orchester Kronberg zu einem besonderen Konzert eingeladen, nämlich ein letztes Mal unter der Leitung von Karl-Christoph Neumann mit seiner Frau Elisabeth als Konzertmeisterin, die das NOK vor 35 Jahren gegründet und seitdem geleitet hatten (wir berichteten in der letzten Ausgabe). Ein sinfonisches Programm der Extraklasse, sorgfältig ausgesucht und dem Anlass entsprechend aufgebaut. Der Abend begann mit Bachs Ouvertüre aus der Orchestersuite Nr. 1 in C-Dur, deren einzigartiger Charakter mit den konzertanten Trio-Partien für zwei Oboen und Fagott wunderbar zur Geltung kam. Im Zentrum des Konzerts stand sodann das Konzert für Violine und Orchester in D-Dur (op. 61) von Ludwig van Beethoven, einem der bedeutendsten Werke der Konzertliteratur für Violine. Und keine Geringere als Mareike Neumann, die Tochter von Elisabeth und Karl-Christoph Neumann, Violinistin im Beethoven Orchester Bonn, präsentierte dieses berühmte und einst von dem jungen Joseph Joachim zur Neuaufführung und auch Neubeachtung gebrachte Werk. Mareike ist dem NOK seit ihrer Kindheit verbunden, spielte sie doch seit ihrem elften Lebensjahr dort mit. Sie studierte bei Prof. Walter Forchert, Prof. Elisabeth Kufferath und bei Prof. Ulrike-Anima Mathe an den Musikhochschulen Frankfurt und Detmold, sowie im Nebenfach Barockgeige bei Prof. Petra Müllejans. Sie ist seit 2007 Mitglied des Ensembles Horizonte aus Detmold und beschäftigt sich sowohl mit Neuer Musik als auch mit barocker Aufführungspraxis. Die Schönheit, die Erhabenheit und die Anmut dieses Werkes brachten das NOK und Mareike, optimal geleitet durch Neumann, so überzeugend dem Publikum nahe, dass entgegen des „Klatschverbots“ zwischen den Sätzen die Leute bereits nach dem ersten Satz diese Gepflogenheit über Bord warfen. Man kann sich kaum vorstellen, was nach dem dritten Satz in der Johanniskirche los war. Bravorufe, nicht enden wollender Applaus für Neumann, „noch sein“ NOK und natürlich für die Solistin Mareike.

Ihr Spiel hatte innigen Ausdruck und Wärme und bestach durch eine spannungsgeladene Agogik. Trotzdem hatte das Spiel Fluss, die vielen Passagen in den höchsten Lagen meisterte sie scheinbar mühelos. Die musikalische Vielfalt – nicht zuletzt auch in der schwierigen Kreisler-Kadenz – präsentierte die Künstlerin auf höchstem geigerischen Niveau. Die Sprache der Musik Beethovens hat das Publikum durch sie verstanden. Sie beschenkte die Zuhörer als Zugabe mit einem „Stückchen“, wie sie es nannte, von einem musikalischen Vorgänger Bachs, Johann Paul von Westhoff (1656-1705), der nebenbei ein wahres Sprachtalent gewesen sein muss.

Was folgte, war das Quodlibet aus Bachs „Goldbergvariationen“, BWV 988. Das wegen seiner großen Kunstfertigkeit und Vielfalt berühmte Werk, welches Bach im Jahr 1741 eigentlich als „Clavier Ubung“ komponiert hatte, spielte das NOK in Streicher-Besetzung. Möglich war dies dadurch, dass Elisabeth Neumann es für vierstimmige Streicher klanglich überzeugend eingerichtet hatte. Bach komponierte das Werk, von zwei „Gassenhauern“ der damaligen Zeit inspiriert – den Volksliedern „Ich bin so lang nicht bei dir g(e)west“ und „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“. Am Ende, zur Überleitung auf das letzte Stück, gab es dann eine besondere Hör-Überraschung. Hatte Neumann zu Beginn des Konzerts einen improvisatorischen Übergang des Quodlibets zum Hirtengesang aus der 6. Sinfonie in F-Dur (Finalsatz), op. 68, von Ludwig van Beethoven bereits angekündigt, konnten die Zuhörer miterleben, wie das Orchester nunmehr statt dem originalen vierten Satz (Sturm) der 6. Sinfonie improvisierend und ohne Steuerung durch den Dirigenten Neumann gleichsam in einen klanglichen Strudel geriet, mit Glissandis und anderen Klangmodulen aufbrausender und lauter werdend. Ein wahrer „Klang“-Sturm kam dabei auf.

Schließlich übernahm Neumann dann doch – noch einmal! – die Führung seines Orchesters und verschaffte dem Zuhörer eine wohlklingende Überleitung in den fünften Satz („Regenbogen“), der zum Hirtengesang führt. Ein versöhnliches, gehalt- und stimmungsvolles Ende mit einem beschließenden Charakter. Der Finalsatz war das dabei im doppelten Wortsinn für die scheidenden Neumanns: Ein strahlender Abschluss mit Applaus, Standing Ovations und – last but not least – Tränen des Abschieds, sowohl beim Publikum als auch bei den Musikern. Die besondere Art der musikalischen Gestaltung durch Neumann, der Mut, andere Wege in der Interpretation der Musik zu gehen, die Kreativität und der nicht enden wollende Wunsch, die Sprache der Musik zu vermitteln, den Zuhörer mitzureißen und auch mal zu provozieren, davon konnten die Zuhörer auch an diesem Abend – hoffentlich nicht zum letzten Mal – in eindrucksvoller Weise profitieren.

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