Omid Nouripour – Was tun gegen den Terror der Dschihadisten?

Omid Nouripour beschäftigt sich seit Jahren mit dem Dschihadismus Foto: Diel

Oberhöchstadt (die) – „Es soll mindestens einen Satz geben, den Sie von hier mit nach Hause nehmen, und das ist der: Wir brauchen Mut zur Komplexität! Es gibt keine einfachen Antworten.“ Mit diesen Worten eröffnete am vergangenen Sonntagvormittag im voll besetzten Dalles-Saal in Oberhöchstadt Omid Nouripour die Veranstaltung über das Thema „Was tun gegen den Terror der Dschihadisten?“. Im August 2017 hat Nouripour sein Buch mit demselben Titel veröffentlicht. Der Ortsverband der Grünen in Kronberg hatte zu der Veranstaltung eingeladen. Omid Nouripour, übrigens mit familiären Bindungen zu Kronberg, ist einer der wichtigsten Außenpolitiker der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen und er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Dschihadismus im Rahmen seiner Tätigkeit als außenpolitischer Sprecher der Grünen sowie als Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und des Verteidigungsausschusses. Den Begriff des Dschihadismus gebraucht er, weil ihm die Bezeichnungen Terrorismus und Islamismus nicht präzise genug sind. Terror könne andere Facetten haben und außerdem gebe es auch gewaltfreie Islamisten. Der Begriff Dschihad, so erklärt er, sei ein Kernprinzip des Islam und bedeute schlichtweg, Widerstand zu leisten. Das könne auch im Inneren eines jeden Menschen passieren. Erst wenn ein „Ismus“ daraus wird, entstehen die Probleme. Der Dschihadismus sei keine Organisation wie zum Beispiel ISIS, sondern eine Bewegung.

Das Thema spiele in der heutigen Zeit eine „riesige Rolle“ und Nouripour beleuchtete sehr eingängig, facettenreich und mit vielen Kenntnissen über die Länder des Nahen Ostens die Probleme mit terroristischer Gewalt in einem übergeordneten, globalen Kontext. Dies ohne zu relativieren oder zu verharmlosen, aber das Bewusstsein sensibilisierend, dass wir mit diesem Problem nicht allein auf der Welt sind. Wichtig sei für Deutschland, dass die Parteien das Thema gemeinsam angehen, und zwar jenseits der Grenzen von Religion. Die Bedeutung des Zusammenspiels von Innen- und Außenpolitik in diesem Zusammenhang führte er unmissverständlich vor Augen. Er warnte davor, den Islam als Religion für alles verantwortlich zu machen. Die Gewalt sei dem Islam nicht systemimmanent. Sonst hätte es schon seit 500 Jahren Kämpfe geben müssen.

Vielmehr sei die Schlichtheit der dschihadistischen Antworten bei vielen Menschen gefragt wie nie zuvor – einfache Antworten auf zunehmend komplexere Fragen, vor allem der Jugendlichen, gemischt mit einem simplen Schwarz-Weiß-Denken. Viele lokale Probleme spielten da eine wichtige Rolle. Die Unterschiedlichkeit der jeweiligen regionalen Konflikte werde seiner Meinung nach zu kurz gefasst, wenn man etwa für ganz Afrika mit über 50 Ländern nur einen einheitlichen Marschallplan fordere.

Vorbeugen, das ist ein erster Ansatz im Kampf gegen Terror, koordiniert aufgebaute Deradikalisierungsprogramme seien vonnöten. Man müsse verhindern, dass in unserer Gesellschaft die jungen Leute abdriften, „hinten runterfallen“. Die mangelnde Wertschätzung fänden sie häufig bei den Salafisten, die aber nicht die „besseren Sozialarbeiter“ werden dürften. Als „Riesenproblem“ bezeichnete Nouripour, dass häufig kein familiäres Auffangnetz für die Jugendlichen vorhanden sei, weil die Eltern und auch Geschwister nicht in die Krisenbewältigung einbezogen werden könnten. Auch die Gefängnisse, so Nouripour seien wahre Hotspots der Radikalisierung und müssten bei der Debatte berücksichtigt werden.

Neben Vorbeugung sei die Bekämpfung des Dschihadismus ein zentraler Punkt, als ultima ratio auch mittels militärischem Eingreifen zu prüfen. Die Unterbindung der Finanzflüsse, auch aus dem Ausland, spiele hierbei eine exponierte Rolle. Entscheidend sei, dass man sich in die Lage derer hineinversetzen kann, die man bekämpft. „Man muss verstehen, wie die denken!“, so der Politiker.

Die Demokraten in der Mitte der Gesellschaft müssen zusammenhalten, dies erläuterte er als einen weiteren Aspekt im Kampf gegen den Dschihadismus. Damit meint er keinen Einheitsbrei unter den großen Parteien, sondern den echten Schulterschluss der Demokraten. „Herzblut und Leidenschaft, das macht den Dschihadismus aus“, betont er, und den gelte es ebenfalls mit Herzblut und Leidenschaft – aber für die Demokratie! – zu bekämpfen. Die Deutschen müssten begreifen, dass Grundrechte und Demokratie nicht vom Himmel gefallen sind. Optimismus fordert er von uns Deutschen, ein Gefühl von „wir können das alles noch schaffen“, weil wir Rechte, Wissen und Zugang zu Ressourcen wie zum Beispiel Wasser haben wie noch nie zuvor. Die Welt sei angesichts dessen eben nicht aus den Fugen geraten! Hass sei dabei nicht die passende Antwort auf Gewalt, insbesondere nicht der Hass auf die Religion des Islam, das ist für Omid Nouripour wichtig. Hass könne immer nur Gegenhass hervorrufen, der wiederum neuen Hass erzeuge. Die Antwort auf Hass müsse Gerechtigkeit sein, auch im Hinblick auf die jüngsten Terroranschläge.

In der sich an den Vortrag anschließenden lebhaften und teils kontroversen Diskussion wurden noch viele Aspekte angesprochen, in denen Omid Nouripour unter anderem betonte, dass es wichtig sei, mit der AfD zu reden. Auch forderte er entschieden die Integration der muslimischen Verbände in das deutsche Staatskirchenrecht und als logische Folge dessen die staatliche Kontrolle über die religiöse schulische Erziehung.

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