Was Fadenwürmer über das Geheimnis des Alterns verraten

Professor Dr. Björn Schumacher erforscht als Biologe das Altern und berichtete beim Schönberger Forum über die neuesten Erkenntnisse auf diesem Gebiet.

Foto: Wittkopf

Schönberg (pf) – Der Erforschung des Alterns hat sich Professor Dr. Björn Schumacher verschrieben, der Referent beim Schönberger Forum war. Das Thema des Abends „Das Geheimnis des menschlichen Alterns – die überraschenden Erkenntnisse der noch jungen Alternsforschung“ hatte so viele Menschen angelockt, dass die Plätze in den Räumen der evangelischen Markus Gemeinde nicht ausreichten und erst noch weitere Stühle herbeigeschafft werden mussten, ehe der Wissenschaftler mit seinem Vortrag beginnen konnte.

In den letzten hundert bis 150 Jahren, so Schumacher, hat sich die Lebenserwartung der Menschen verdoppelt. „Eine grandiose Leistung der Zivilisation“, betonte er, die den Fortschritten in Medizin und Hygiene zu verdanken ist. Im Jahr 2050, prognostizierte er, wird ein Drittel der Bevölkerung 65 Jahre und älter sein. Aber mit dem Alter nimmt auch das Risiko zu, krank zu werden. Schon heute geben die Krankenkassen die Hälfte ihrer Kosten für diesen Personenkreis aus, sagte er, denn viele ältere Menschen leiden gleich an mehreren chronischen Krankheiten, die im Alter häufig auftreten. Dazu gehören neben Krebs vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Demenz, Nierenversagen, Diabetes, Parkinson und Osteoporose. Ziel seiner Forschungen ist es daher, die Ursachen und den biologischen Prozess des Alterns zu verstehen, um wirksame Therapien zu entwickeln, die die gesunde Lebensspanne der Menschen verlängern.

Die Alternsforschung begann vor 25 Jahren mit der Entdeckung der amerikanischen Molekularbiologin Cynthia Kenyon, dass Fadenwürmer, mit denen Wissenschaftler im Labor häufig experimentieren, doppelt so lange leben, wenn sie ein bestimmtes verändertes Gen haben. Die Mutation eines weiteren Gens hebt diese Wirkung jedoch wieder auf. Experimente mit Taufliegen und Mäusen bestätigten ihre Erkenntnisse. Und auch bei besonders alten Menschen wurde das sogenannte „Methusalem-Gen“ mit der wissenschaftlichen Bezeichnung FOXO3A gefunden.

Dass auch das Wachstumshormon eine wichtige Rolle beim Altern spielt, entdeckten Wissenschaftler bei Zwergmäusen. Diese kleinen Nager lebten im Labor etwa doppelt so lange wie ihre normalwüchsigen Artgenossen. Menschen aber sind sehr viel komplizierter, erklärte Schumacher. Er berichtete von einem Arzt in Ecuador, der in einem abgelegenen Dorf ungewöhnlich viele kleinwüchsige Menschen mit dem sogenannten Laronsyndrom entdeckte. Als er deren Todesurachen untersuchte fand er heraus, dass keiner von ihnen Krebs oder Diabetes hatte, sie aber deutlich häufiger an Epilepsie litten, zu Alkoholismus neigten und sehr häufig an Unfällen starben. Auswirkungen auf das Altern hat auch das Essen, berichtete Schumacher: Rhesusaffen, in deren Nahrung die Kalorien reduziert wurden, lebten im Labor länger und waren obendrein auch noch gesünder als ihre Artgenossen, die essen konnten, was sie wollten. Bei den Fadenwürmern konnte das Leben zudem deutlich verlängert werden, wenn man ihre Keimzellen entfernte. Untersuchungen am koreanischen Königshaus bestätigten diese Erkenntnis, so Schumacher. Auch dort lebten Eunuchen seinerzeit rund 19 Prozent länger.

Dass Menschen altern liegt aber vor allem daran, dass etwa ab dem vierten Lebensjahrzehnt die Fähigkeit abnimmt, Schädigungen an den Genomen, die täglich durch Umwelteinflüsse, aber auch durch Chemikalien oder bei der Zellteilung entstehen, zu reparieren. Jede Körperzelle enthält im Genom alle Geninformationen, die ein Mensch von seinen Eltern mitbekommen hat. Blutzellen, Haut- und Darmzellen erneuern sich ständig durch Zellteilung. Nervenzellen jedoch erneuern sich nie.

Dennoch sind die Menschen beim Alterungsprozess nicht allein von ihren Genen, ihrer Genomstabilität und dem Reparaturmechanismus ihres Körpers abhängig. Sie können auch viel dafür tun, gesund zu bleiben, sagte der Wissenschaftler: durch eine vernünftige Ernährung mit möglichst natürlichen Lebensmitteln und durch regelmäßige Bewegung und Sport. „Wenn ich sie richtig verstanden habe, dann hat ein Eunuch, der Kuchen vermeidet und gerne joggt die längste Lebenserwartung“, fasste Pfarrer Dr. Jochen Kramm seine Erkenntnisse nach dem Vortrag humorvoll zusammen. Aber was nütze ein langes Leben, wenn mit 85 Jahren fast jeder zweite an Demenz erkranke.

Bei der Alternsforschung gehe es vor allem darum, die gesunde Lebensdauer zu verlängern, betonte Schumacher. Ziel sei es das Risiko zu verringern, einige oder gar mehrere der typischen altersbedingten Krankheiten zu bekommen. Da könne die Forschung schon in fünf bis zehn Jahren deutliche Fortschritte gemacht haben, war er überzeugt. Und woran sterben die Menschen, wenn sie bis ins hohe Alter gesund blieben, wollte einer der Besucher wissen. An Altersschwäche, antwortete Schumacher, denn der Mensch sei auf eine maximale Lebensspanne von etwa 115 Jahren angelegt. Sein Vortrag, für den sich das Publikum mit lang anhaltendem Beifall bedankte, bot jedenfalls nicht nur, wie im Thema angekündigt, überraschende Erkenntnisse, sondern auch viel Stoff, um darüber nachzudenken.

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