11x11 Jahre KV02: Viele Premieren und zwei Urgesteine im Mittelpunkt

Fichtegickelshausen (pu) – Oberhöchstadt, Fichtegickelshausen und Karnevalverein 1902 Oberhöchstadt (KV02) – ein dreifach donnerndes Helau!

Nach zweijähriger pandemiebedingter Zwangspause ist am letzten Wochenende die Fassenacht in die buntfröhliche Narhalla im Haus Altkönig zurückgekehrt. Drei Tage lang wurde ausgiebig gefeiert. Zunächst hob sich am Freitagabend der Vorhang für die Heda-Fastnachtsshow, am Samstag fand die große Fremdensitzung statt und am Sonntag tummelte sich der Nachwuchs im Saal. Mit dem lang ersehnten Restart und dem 11x11-jährigen Vereinsbestehen gab es wahrlich Feiergründe genug.

Entsprechend bedeutungsvoll die Aufgabe der KV02-Aktiven um ihren neuen Sitzungspräsidenten Andreas Risse in einer Phase des offenkundigen Umbruchs infolge selbst gewählter Rückzüge von gestandenen Aktivposten nach Jahren im Scheinwerferlicht. Zudem hat der kürzliche Tod der Vereinssäulen Michael Falland und Norbert Böswetter schmerzliche Lücken gerissen. Vor diesem Hintergrund kündigte der Sitzungspräsident „viele Premieren auf (und hinter) der Bühne an“ und warb um entsprechende Anerkennung. „Dankt es uns mit viel Applaus, hier in unserem Narrenhaus!“

Dieser Aufforderung hätte es im Grunde nicht bedurft, denn kaum hatte der aus Respekt vor den Verstorbenen um zwei reduzierte „Elferrat“ Platz genommen, gelang es den die Bühne erobernden drei Garden mühelos, die Narhalla erstmals zum Beben zu bringen.

Unter dem Eindruck dieses harmonisch-schwungvollen Auftakts und des Zusammenhalts, die diese gelungene Mischung von Jung und Alt sowie Groß und Klein ausstrahlte, und im Wissen, dass ob dieser geballten Macht die Zeit gekommen ist, in der die gewohnte Ordnung während der „Fünften Jahreszeit“ außer Kraft gesetzt ist, ergab sich Bürgermeister Christoph König (SPD) in sein Schicksal: Er rückte „freiwillig“ die Rathausschlüssel heraus. Nach seinen Worten gibt es der viel zitierten „Narren genug“ auf dem kommunalpolitischen Parkett, mit dem Spaß sei es jedoch „so lala“. Dabei könne die Anzahl 3 mal elf Stadtverordnete doch eigentlich kein Zufall sein. Ähnliche Situation im Magistrat, wo jeder der „13 Köche sein eigenes Ziel“ verfolge und es daraus resultierend „schwer ist, die richtige Mischung des Breis zu finden.“ Der KV02-Sitzungspräsident quittierte Königs Worte lapidar: Bis Aschermittwoch habt Ihr Ruh – schönen Urlaub, Helau!“

Sobald der mit rotem Bleistift asgestattete Protokoller Hans-Georg Kaufmann in die Bütt marschiert, wird Tacheles geredet. Die Zornesröte treibt ihm §26 Absatz 5 des Polizei- und Ordnungsbehördengesetzes (POG) ins Gesicht, der mit hohen Sicherheitsvorkehrungen samt in die Höhe schnellenden Kosten vielen Veranstaltern im Vorhinein den Garaus macht. „Willst du einen Umzug mache, hast du wirklich nix zu lache! Auf diese Weise geht hier Kultur verlor‘n. Wenn unser Staat so weitermacht, gibt es bald kaa Fassenacht mehr.“ Im Gegensatz dazu die Klimaaktivisten, die sich überall „auf die Straß‘ babbe, obwohl sie ihre Aktion vorher nicht als Demo angemeldet habbe.“ Ergo: „Wir werden probieren, unseren Umzug als Demo zu deklarieren, denn dann haben wir zum Erhalt der Brauchtumspflege viel Zeit und Geld gespart!“ Hart ins Gericht ging er unter anderem mit der FIFA mit dem „großen Slawiner Infantino“ an der Spitze sowie der Kirche und ihrem Umgang mit pädophilen Priestern. In Richtung Russland schickte er den Appell „Putin, stopp den Krieg, aber schnell!“ Zur großen Freude des Jubilars KV02 hatte der Protokoller im Namen der Vereinsringe Kronberg und Oberhöchstadt Glückwünsche im Gepäck. Anerkennung gab es des Weiteren für den „tollen Fußballverein Frankfurt“ und dessen jüngste Erfolge. Da holte ein Teil des Elferrats doch direkt die SGE-Schals heraus, und schon erklang die Eintrachthymne.

Zu einem besonderen Geburtstag gehören in der Regel auch Gäste von außerhalb. Ihre Aufwartung machten beispielsweise das deutsch/italienische Duo Toni und Max aus Seulberg mit ihrem Zwiegespräch unter der Überschrift „Junge Liebe und das Leben mit Corona“ und die von ihrem Hofstaat begleitete Prinzessin Fiona I. aus Oberursel.

Ehrungen

Zu den herausragenden Momenten des Abends zählte die von „Konsul Dietmar von Jerger“ (Präsident der Interessengemeinschaft Mittelrheinischer Karneval) durchgeführte Ehrung von vier KV02-Aktiven. Mit dem Jugendverdienstorden wurde Lara Maria Zweifel ausgezeichnet, Torsten Heynen (Kassierer und Elferrat-Neuling) erhielt die Ehrennadel mit goldener Narrenkappe und Brillianten.

Kieser und Jäger

Einen der selten verliehenen Verdienstorden in Gold mit Brillanten des Bund Deutscher Karneval für seine zwei Jahrzehnte währende Sitzungspräsidentschaft und langjährige Pflege des Brauchtums durfte Urgestein Orlando Kieser entgegennehmen.

Eine noch höhere Würdigung erfuhr der inzwischen 87jährige Norbert Jäger, der 1952 zu den Wiederbegründern des KV02 Oberhöchstadt zählte und 1971 die Theatergruppe „Die Fichtegickel“ aus der Taufe hob. Unvergessen seine Auftritte als „Bimba“ im närrischen Duo „Eboy und Bimba“ mit seinem ehemaligen Schulkameraden Karl-Heinz Friedrich. Das am längsten aktive Mitglied des KV 02 Oberhöchstadt fungierte darüber hinaus unter anderem als Moderator, Schauspieler, Regisseur, als „Mann für alle Fälle“, als Beisitzer, Pressewart und Zweiter Vorsitzender. Daraus resultierend ist er in Fichtegickelhausen bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Sichtlich mit den Tränen kämpfend ergriffen nahm der frisch gebackene „Konsul Norbert von Jäger“ den „Schwarzen Eulenorden“ entgegen – die größte Ehrung des IGMK, die in Anlehnung an die höchste preußische Auszeichnung (den Schwarzen Adlerorden) verliehen wird.

Comeback

Nach diesen innehaltenden Momenten schlugen neun kleine Monster der kleinen Garde eine tänzerische Brücke zur Rückkehr der 2011 in den Ruhestand geflogenen Schernbornschwalben vom Männergesangverein 1860 Kronberg. Ein Vierteljahrhundert waren sie mit ihren Stimmungsliedern und ihren frech verpackten Späßen mit Stadtoberen ein fester Bestandteil der örtlichen Fassenacht. Groß daher die Begeisterung über ihr Comeback unter Leitung von Bürgermeister a.D. Klaus Temmen. Ganz klar, dass es kein Halten im närrischen Publikum gab und Lieder wie „Handkäs & Ellelwoi“, „Von den blauen Bergen kommen wir“, „Jesses, Jesses, Jesses na, es werd doch nix passiert sein“, „E Bembelche voll Ebbelwoi“ und das Oberhöchstadtlied fröhlich mitgeträllert wurden. Nicht wenige brachten ihre Hoffnung auf weitere Comebacks der munteren Truppe zum Ausdruck.

Nie um einen Spruch verlegen auch die „Kronberger Scherzbuben“ (Michael Arndt und Hans-Georg Kaufmann). Mit „Wenn die Züge nicht fahr‘n, bist du bei der deutschen Bahn“ sprachen sie vielen aus der Seele. Herrlich ihre bildhafte Schilderung der Auswirkungen heruntergedrehter Heizungen. „Hast du als Mann am Abend unter der Bettdecke endlich Wohlfühltemperatur erreicht, kommen die Eisfüße des Grauens deiner Ehefrau herübergestreckt.“ Dass die Wirtschaft ohne Ga, Ga, Gasputin (In Anlehnung an Ra, Ra, Rasputin von Money M) am Stock gehe, habe sie sich im Übrigen selbst eingebrockt.

Zum zweiten Mal innerhalb von sieben Tagen plauderten zwei „Putzfrauen aus dem Rathaus“ (Martina Hölzle-Endres und Irmgard Bettenbühl) über ihre Erlebnisse und gewonnenen Erkenntnisse. „Denken ist Arbeit, Arbeit ist Energie und Energie soll man sparen. Demnach arbeiten die im Rathaus absolut umweltbewusst!“

Das bunte, fünfstündige Programm wurde abgerundet durch Risses Vortrag zum nicht enden wollenden Inhalt einer großen Küchenschublade, das bayrische Potpourri der Fichteschneggscher und den urkomischen Auftritt der 3 lustigen vier, die nachgerechnet sieben sind. Eine Augenweide die Auftritte der „Piraten“ (Mittlere Garde) und der „Tanz der Vampire“ (Große Garde). Auf vier Jahrzehnte zurück blickten die „Dalles Dream Boys“.



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