Kronberg (aks) – Warum Adelstitel immer noch nicht abgeschafft seien, geht dem Kabarettisten Bernd Gieseking nicht in den Kopf rein. Gleichwohl biete sich sein Name durchaus für royale Meriten an – als „King“ – wie Gieseking. Der „Godfather of Jahresrückblick“, der äußerlich an den stets patenten und freundlichen „Meister Proper“ erinnert, weiß seit über 25 Jahren als Autor, Redakteur, Journalist, Radiomoderator und Kabarettist, wie es geht und vor allem wohin. Der Mann aus Minden macht keine „Comedy Show“. Er erzählt auch keinen Quatsch, nur um lustig zu sein und die Zuhörer zum Lachen zu bringen. Seine bissig-ironischen Kommentare zeugen von einem klugen Umgang mit dem Zeitgeschehen. Er kennt sich aus in Partei- und Weltpolitik und karikiert die Akteure. Seine Kunstfigur „Konfusion, der Philosoph aus Ostwestfalen“ erhöht so manch einen seiner Gedanken und bringt Viele zum Schmunzeln: „Das Schöne am Erinnern, es hilft gegen das Vergessen.“ So startet er seinen persönlichen Blick zurück. Das Kino in Kronberg ist mit der Reihe „Kabarett im Kino“ wieder mal ausverkauft. Dorothée Arden vom Kronberger Kulturkreis, mit Michael Glebocki an ihrer Seite, hat Kronberg dieses anspruchsvolle Format beschert, ebenso wie das beliebte internationale Straßenfestival „Da Capo!“ und als jüngstes Musik-Projekt die „Salonkultur“ in der Villa Winter.
Frauen an der Macht
2019 sei das Jahr der Frauen gewesen, allen voran Greta Thunberg, die er „Thünberg“ ausspricht. Er habe ehrlich größten Respekt vor der 16-jährigen Schülerin, sie sei die „Jeanne d’Arc der Jugend“, die tapfer für den Erhalt der Umwelt kämpfe. Als „Sonnenaufgang der Jugend“ bezeichnet er auch Luisa-Marie Neubauer, die deutsche Klimaschutzaktivistin, sowie Carola Rackete, die von einer italienischen Richterin freigesprochen wurde, weil sie als Kapitänin Schiffbrüchige rettete. Sie nicht zu retten sei illegal. Auch Ursula von der Leyen ist auf seiner Frauen-Liste, die „nach Brüssel entkam“ – „ein Pech für Annegret Kramp-Karrenbauer“, die nun als Verteidigungsministerin ihre Frau stehen müsse. Auch Christine Lagarde, neue EZB-Chefin, zählt mit Angela Merkel zu den Frauen des Jahres: Gemeinsam mit „Ursula“ seien sie „Musketanten mit ihrem D’Artagnan Katharina Barley, die Geheimwaffe der SPD“, aktuell „Vize“ der Europäischen Union. Sie seien die „Amazonen der Jetzt-Zeit, die gegen alte weiße Männer kämpfen gegen die schwarzen Löcher der Menschheit“. Frauen in der Politik, da fällt ihm Finnland mit Sanna Marin ein, seit dem 10. Dezember Ministerpräsidentin der Republik Finnland, die einer Regierung mit fünf Parteien vorsitzt, die alle von Frauen geführt werden. Und wer weiß, vielleicht werde ja Annalena Baerbock von den Grünen die neue Kanzlerin, oder es gebe bald mal eine „Jane Bond“? „Frauen sind die Juwelen der Schöpfung“, Zitat Jeanne Moreau. Und: „Nicht auf die Fassade kommt es an, sondern auf die Schätze im Innern“. Dem pflichtet Gieseking begeistert bei, der seine eigenen Schätze auf der Bühne gut gelaunt präsentiert: „Dann wären ganz andere schön,“ feixt er.
Von den Männern nichts Neues
Und die Männer? „Das war nischt – Anwesende ausgenommen!“ Ein Hoeness schmeiße hin, „Söder umarmt Bäume und Putin geht nackt auf die Jagd“.
Das „Durcheinander auf und unter der Schädeldecke“ sei nicht nur bei Boris Johnson, dessen Schicksals-Jahr mit dem Brexit nun eigentlich erst beginne, erschreckend, sondern auch bei Trump „mit einer Gesichtsfarbe wie ein Hokkaido-Kürbis und einem Gehirn wie eine Runkelrübe“. Er wollte tatsächlich Grönland kaufen und empörte sich bei der Abfuhr von Dänemarks Ministerpräsidentin: „Ich lasse mich nicht behandeln wie ein Bergtroll in Finnland (!)“. Auch die Küsserei auf dem G7 Gipfel schien ihm befremdlich: „Alle küssten vorbei!“
Klingeling bei Gieseking
Gieseking hat sich warm geplaudert und macht den Telefonsketch wie damals in der hr1 Sendung „Klingeling bei Gieseking“, die ihm in über 120 Folgen viele Fans bescherte. Als erste ruft „Ursula“ an, die es „geil“ findet, aus der Bundeswehr raus zu sein und damit Berlin verlassen dürfe: „Ab nach Brüssel“, wo sie geboren wurde und dort mehrsprachig aufwuchs. Endlich mal „ein Politiker, der Englisch spreche, nicht wie Oettinger und Kohl!“, freut er sich. Der kleine Telefonplausch mit der ehemaligen Verteidigungsministerin inspiriert ihn zu einer Wutrede der Gorch Fock gegen „Kombüsen-Ursula“: Dilettanten ließen sie, die schönste 60 Jahre alte Windjammer, auf dem Trockendeck in Bremerhaven verkümmern – wie eine „rostige Boje“ – dann doch lieber den Heldentod sterben à la Titanic: „Das wär’s!“ Auch „Annegret“ ruft an und Willy Brandt, ein alter Mann zwar, doch ihm habe Gieseking als Sohn eines Zimmermanns und eines Milchmädchens sein Bafög fürs Studium zu verdanken.
Meinungsfreiheit und Morddrohungen
Hass im Netz stimmt ihn zornig: „Hass erschüttert mich.“ Es sei höchste Zeit, dass Morddrohungen im Internet strafrechtlich verfolgt würden, das sei kein „Kinderquatsch“. Die Losung des AfD-Politikers Gauland „Wir werden sie jagen“, sei geistige Brandstiftung. Das radikalisiere viele, die ihren Hass nicht nur verbal, sondern auch real auslebten. Die Meinungsfreiheit sei Basis der Gesellschaft, aber Morddrohungen gehörten nicht dazu. Die Bedrohung sei „grotesk“. Die Anonymität müsse aufgehoben werden, denn das Internet sei kein Tarnmantel für Hetze und Hass, dafür bekommt er spontanen Applaus. Für Gieseking sei es höchste Zeit zu handeln: „Das Ende ist nah, doch wir sind nicht da.“
Klima und Kinder
Klima ist Thema des Jahres. Und wer ist schuld? Klar, die Finnen mit ihren 2 Millionen Saunen bei 4 Millionen Menschen. Das führe direkt zur Erderwärmung. Greta „Thünberg“, die noch 2018 mit einem Pappschild vor dem schwedischen Parlament saß, findet er klasse, sie und ihre jugendlichen Mitstreiter (Kinder!) hätten uns auf die drohende Katastrophe aufmerksam gemacht. „Sie dürfen ruhig übers Ziel hinausschießen – auch mit dem Burger danach“. „Greta ist nicht der Gegner, das sind wir alle!“ Ob sich auf freiwilliger Basis was ändern werde, bezweifelt er von Herzen: „Freiwillig hat selten funktioniert.“
KI und Roboter
Einer wie Bernd Gieseking, der als versierter Kabarettist und Autor viele Lücken im System aufdeckt und so ironisch verpackt, dass man darüber lachen kann, kommt auch an Robotern und künstlicher Intelligenz nicht vorbei. Roboter welcome: Viele ließen sich lieber vom Roboter ersetzen als vom Kollegen, außerdem seien Roboter nie krank, auch nicht alkoholkrank, oder litten an „Burn Out, „das ist dann nur der Standby Modus!“ Gar nicht so schlecht, wenn der Roboterarzt morgen am Bett stehe und den Blutdruck direkt an die AOK sende, die Bettdecke mache gleichzeitig ein MRT und das Kopfkissen messe unsere Gehirnströme mittels EEG. „Und wir können nicht mal den Stecker ziehen, weil wir ja kabellos unterwegs sind.“
Gott trägt Jogginghosen
Auch Karl Lagerfeld ruft an und beklagt sich darüber, wie stillos die Hölle sei, wie Karneval! „Jeder trägt jeden Tag das gleiche“ – und das Allerschlimmste: „Gott trägt Jogging Hosen“, ob auch er die Kontrolle über sein Leben verloren hat?
Der Abend mit dem Vollblut-Kabarettisten Bernd Gieseking voll lebenskluger Satire entlässt das Publikum nachdenklich in die Realität: Ein Ansporn für das neue Jahr, mit neuem Mut sinnvoll zu handeln. „Ab dafür!“
