Kronberg (pf) – 36 junge hochbegabte Musikerinnen und Musiker aus 16 Nationen, die „Juniors“, und acht der besten Musiker unserer Zeit als „Seniors“ treffen sich in dieser Woche auf Einladung der Kronberg Academy wieder zum Chamber Music Festival, „unserem Frühlingsfest der Kammermusik“, wie Raimund Trenkler, Gründer und Intendant der Kronberg Academy, es nennt. In öffentlichen Proben studieren sie Kammermusikwerke ein und führen sie in acht Konzerten im Casals Forum auf. Gleichzeitig sind sie der lebende Beweis, dass Kammermusik tatsächlich die Welt verbindet.
„Unsere Politiker sollten sich ein Beispiel daran nehmen“, meinte Professor Dr. Friedemann Eichhorn, künstlerischer Leiter der Kronberg Academy, im Einführungsgespräch mit Geigerin Antje Weithaas Samstagabend vor dem ersten Konzert. Denn in der Kammermusik zählt jede Stimme. Es geht um Zuhören, Gleichberechtigung und die Suche nach dem gemeinsamen Weg. Klingt so Demokratie? Vertieft wird diese Frage unter dem Thema „Das Prinzip Kammermusik als demokratisches Erlebnis“ am Freitag um 15 Uhr im Carl Bechstein Saal in einem Podiumsgespräch mit Meron Mendel, Friedemann Eichhorn, der Geigerin Anna Im, dem Cellisten Benjamin Kruithof und der Pianistin Avery Gagliano unter Leitung der Moderatorin Eva Morlang. Der Eintritt ist frei.
„Dieses Festival ist für alle Beteiligten ein echtes Abenteuer“, betonte Raimund Trenkler in seinen Begrüßungsworten. Die „Juniors“ musizieren auf Augenhöhe mit ihren musikalischen Vor- und Leitbildern, die „Seniors“ mit jungen Menschen, die sie erst hier kennenlernen. „Das ist ein Risiko, weil sie natürlich allerhöchste Ansprüche haben an das, was sie auf der Bühne im Konzert präsentieren – nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Musik willen, für die sie größte Verantwortung tragen. Wir laden Sie ein dabei zu sein, wenn sie entsteht, zu erleben, wie sie in den Proben wächst,“ forderte er das Publikum auf.
„Senior“ im ersten Konzert Samstagabend war Geiger Gidon Kremer, der mit seinen beiden Juniorinnen Charlotte Thiele, Violine, und Cassandra Teissedre, Viola, vier Miniaturen für zwei Violinen und Viola von Antonín Dvorák einstudiert hatte. Eine ungewöhnliche Trio-Besetzung, ausdrücklich „für Dilettanten gedacht“, wie der Komponist seinem Verleger schrieb, aber von besonderem Reiz durch ihre Zartheit und ihre bezaubernden Melodien.
Vítezslav Novák, ein Schüler Dvoráks, der bei ihm in Prag am Konservatorium, gleichzeitig aber auch an der Karls-Universität Rechtswissenschaften studierte, komponierte das zweite Werk des Abends, ein dreisätziges Klavierquintett g-Moll, bei dem Cellist Steven Isserlis als „Senior“ wirkte. Novák gilt als einer der führenden Repräsentanten der musikalischen Moderne des heutigen Tschechiens. Seine Musik ist geprägt von der mährischen und slowakischen Volksmusik. Im ersten Satz erscheint das Volkslied „Hör die Erde zittert“, im Mittelsatz das mährische Liebeslied aus dem 15. Jahrhundert „O Elsa, liebliche Elsa“ und im dritten Satz ein mährisches Hochzeitslied. Jacques Forestier und Ria Honda, beide Violine, Omer Herz, Viola, und Jérémie Moreau, Piano, waren die „Juniors“, die dieses lebhafte Werk zum Leuchten brachten.
Ludwig van Beethovens spätes Streichquartett g-Moll op. 132, das nicht nur wegen seiner Länge von fast einer Dreiviertelstunde und mit seinen fünf Sätzen ungewöhnlich ist, präsentierte Geigerin Antje Weithaas nach der Pause mit ihren „Juniors“ Xunyue Zhang, Violine, Emad Zolfaghari, Viola, und Izak Nuri, Violoncello. Es enthält zudem beim dritten Satz die wohl längste Überschrift: „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit in der lydischen Tonart.“ In diesem Werk, das Beethoven komponierte, als er schon taub war, nimmt er vieles vorweg, was Komponisten erst Jahrhunderte später entwickelten. „Man spürt, dass Beethoven hier stark mit formalen Fragen beschäftigt ist und seinen Willen dareinsetzt, innerhalb eines Streichquartettes alle musikalischen Formen zu nutzen, die zur Verfügung stehen“, schrieb Richard Wagner zu diesem beeindruckenden Werk. Die meisterliche Interpretation von Antje Weithaas und ihren „Juniors“ und ihre Erklärungen in der Konzerteinführung werden sicherlich viele Konzertbesucher veranlassen, sich weiterhin mit diesem selten zuhörenden Streichquartett zu beschäftigen.
