3814 Pfeifen ergeben zusammen die asymmetrische Klais-Orgel

13 Meter ragt die Orgel derLiebfrauenkirche in die Höhe. Foto: jbr

Oberursel (jbr). Die Orgel – Instrument des Jahres 2021 und die „Königin der Instrumente“! Die Pfeifenorgel, wie man sie aus Kirchen und Konzertsälen kennt, gibt es in der bekannten Form etwa seit dem 15. Jahrhundert. Bereits zuvor gab es Instrumente, die Klänge durch Aneinanderreihungen von Pfeifen, die durch Luftzufuhr reguliert werden, erzeugen, doch erst mit der Spätgotik wurde die Orgel populärer und fand schließlich ihren Weg in die Gotteshäuser. Das älteste spielbare Werk steht heute in Ostönnen (Region Westfalen-Lippe). In diesem Jahr wird aus gegebenem Anlass auch in der städtischen Orgellandschaft das majestätische Instrument, das in allen Größen, Formen und für Werke aller musikalischen Epochen in Oberursel zu finden ist, thematisiert. Besonders schöne und außergewöhnliche Pfeifenorgeln werden nun auch in der Oberurseler Woche vorgestellt.

Beinahe 13 Meter ragt die Orgel der Liebfrauenkirche in die Höhe. Das prächtige Instrument gehört zu den bedeutendsten im Rhein-Main-Gebiet. Nach einer Übergangslösung seit der Erbauung der Kirche wurde sie 1970 durch die bekannte Orgelbaufirma Klais gebaut. Dafür plante man mit Akribie fünf Jahre das neue Instrument. Dabei spielten nicht nur die Kosten, sondern auch die Frage nach der Größe, dem richtigen Platz im Kirchenschiff und der Stilrichtung der künftigen Orgel eine Rolle. Nach Überlegungen, eine Empore, wo viele der liturgischen Instrumente über Jahrhunderte platziert wurden, zu errichten, entschied man sich aus optischen und statischen Gründen für die Ost-Apsis hinter dem Altar als Ort für das haushohe Instrument. Allerdings baute der Orgelbaumeister aus Bonn die ungewohnt asymmetrisch wirkende Orgel ebenerdig, sodass nach oben mehr Spielraum blieb und dafür in der Tiefe gespart werden konnte. Mit 52 Registern, wie die einzelnen Klangfarben genannt werden, auf vier Manualen (Klaviaturen für die Hände) und Pedal (30-tönige Klaviatur, die mit den Füßen gespielt wird), thront seither ein prächtiges Exemplar ihrer Gattung als Blickfang in der Liebfrauenkirche.

Karl Klinke, der seit Jahrzehnten die Klais-Orgel in Oberursel, aber auch im Frankfurter Dom, spielt, kennt die vielen schönen Register, die die Orgel ausmachen. Er zeigt, dass jede musikalische Epoche durch die vielen verschiedenen Klangfarben dargeboten werden kann. Denn jede Epoche hat ihre eigenen Klänge. Zu Zeiten Johann Sebastian Bachs sollten die Instrumente, mit denen sich große Teile eines Orchesters ersetzen lassen, hell und glänzend klingen, später voll und symphonisch. Durch unterschiedliche Formen, Materialien und Techniken der Tonerzeugung, lassen sich im Orgelbau, in dem auch heute noch vieles per Hand gefertigt wird, vielfältige Register gestalten.

In der Liebfrauenkirche lässt sich das besonders gut an den horizontal herausragenden Pfeifen erkennen. Diese Pfeifenreihe heißt „Trompeta magna“ und wird dem Namen in Optik und Klang gerecht. Darunter imitieren kaum als solche erkennbare Pfeifen, auf deren Existenz der erfahrene Orgelprofi Klinke erst hinweisen muss, mittelalterliche Klänge, die an ein Regal oder einen Dudelsack erinnern. Natürlich dürfen auch die „orgeltypischen“ Register nicht fehlen. In den vier Werken, die, zu je einem Manual gehörend, die verschiedenen Sektionen des Instrumentes bilden, finden sich sogenannte Prinzipale in verschiedenen Tonlagen. Durch das Einschalten mehrerer Register parallel entsteht der klassische Orgelklang. Hier gilt, umso kleiner die Pfeife, desto höher der Ton. Und umso mehr Register wirken, die sich an der Klais-Orgel durch Kippschalter bedienen lassen, desto lauter der Klang.

Die tiefste Pfeife verfügt über eine Länge von 16 Fuß (rund 4,80 Meter) und liegt somit im Bass, klingt aber durch einen akustischen Trick noch eine Oktave tiefer – als wäre sie 32 Fuß lang. Die kleinsten Pfeifen in der Orgel haben noch die Länge eines Fingernagels. Insgesamt sind 3814 Pfeifen verbaut. Besonders ist auch die Optik des Instruments, da der Orgelbauer hier durch gezielte Asymmetrien den Prospekt (Schauseite der Orgel) zu einem echten „Hingucker“ erhoben hat, wie er sonst nicht in Kirchen zu finden ist. Die Pfeifenreihen vorn in der Orgel sind leicht versetzt, was die Pfeifen umso mehr effektvoll in Szene setzt. Regelmäßig zu hören ist die Klais-Orgel in Gottesdiensten und wenn in der tagsüber geöffneten Liebfrauenkirche geübt wird.



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