Oberursel (ow). Am Donnerstag, 23. Oktober, hielt Prof. Dr. Eugen Ernst (Neu-Anspach) beim Geschichts- und Kulturkreis Oberstedten vor über 50 Zuhörern in der Alten Wache einen zweistündigen höchst kenntnisreichen Vortrag über die französischen Hugenotten und andere Religionsflüchtlinge, die insbesondere im 17. Jahrhundert in die protestantischen Gebiete Europas und auch nach Übersee flohen und dort die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig beeinflussten. Unter Ludwig XIV. setzte nämlich in Frankreich ab 1661 eine starke Verfolgung der Hugenotten ein, die im Edikt von Fontainebleau 1685 gipfelte. Ludwig widerrief darin das Edikt von Nantes von 1598, das den Protestanten religiöse Toleranz zugesichert hatte – bei gleichzeitiger Bekräftigung des Katholizismus als Staatsreligion. Dies löste eine große Fluchtbewegung aus.
Die Ansprüche der Flüchtenden und der Aufnehmenden im Absolutismus unterschieden sich laut Ernst vom heutigen Fluchtgeschehen. So herrschte infolge des 30-jährigen Krieges in vielen Gebieten Europas akuter Bevölkerungsmangel (40-60 Prozent Bevölkerungsverlust), sodass die Flüchtlinge vielerorts zwecks „Peuplierung“ höchst willkommen waren. Umgekehrt „störten“ die wirtschaftlich erfolgreichen Hugenotten in Frankreich die Ausbildung einer uneingeschränkten Zentralgewalt, die nur eine Staatsreligion duldete.
Laut Ernst waren es vor allem konfessionelle Verwerfungen, die zu Flucht und Verfolgung führten. Als Vorläufer der Hugenotten nannte Ernst die Waldenser (1175 von Petrus Waldus in Lyon begründet), die sich später auch in Dornholzhausen ansiedelten, und die Anhänger John Wyclifs (1330-1384, Oxford), die schon im 14. Jahrhundert die Reliquienverehrung und den Ablasshandel geißelten und mit ihrer Kritik an der Katholischen Kirche die Grundlage für die Anglikanische Kirche legten. Auch die Böhmischen Brüder und Jan Hus (hingerichtet 1415 beim Konzil von Konstanz) mit den Hussiten sowie den fanatisch frommen Florentiner Girolamo Savonarola führte Ernst als frühe Protestanten und religiöse Abweichler an.
Welche Faktoren bedingten nun die Zunahme von Flucht und Aufnahme der religiös Verfolgten im 16. und besonders im 17. Jahrhundert?
Habsburger Gegenreformation und protestantische Territorialmächte.
Eine wichtige Rolle habe die Gegenrevolution unter dem Habsburger Kaiser Karl V. („In meinem Reich geht die Sonne nicht unter“) gespielt, der im Heiligen Römischen Reich hart und ideologisch (Gründung des Jesuitenordens) gegen die Protestanten vorzugehen gedachte. In den deutschen Territorialstaaten aber gelang dies nicht, wirkte doch Kurfürst Friedrich II. von Sachsen als erfolgreicher Widersacher von Papst und Kaiser. Als solcher schützte er Luther vor der Reichsacht (Wormser Reichstag von 1521) und arrangierte dessen Flucht auf die Wartburg. Zwar verloren die protestantischen Heere im Schmalkaldischen Krieg (1546/47) gegen die Katholische Allianz. Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 („Cuius regio eius religio“) aber verlor der Kaiser das Religionsprivileg im Reich und die Territorialherren gaben fortan die Konfession in ihrem Gebiet vor. So kam es zu zahlreichen protestantischen Gebieten, die für protestantische Flüchtlinge offen waren. Frustriert dankte Karl V. ab. Die Probleme im Reich (Türkeneinfälle, Bauernkriege u.a.) sowie die Auseinandersetzungen mit dem Widersacher Frankreich trugen zum Rücktritt des Kaisers bei.
Ausschaltung der französischen Hugenotten als Machtfaktor
Das 16. Jahrhundert war, so Ernst, eine Zeit der Entdeckungen, des technischen Umbruchs, der florierenden Seefahrt und des aufkommenden Kapitalismus, aber eben auch eine Zeit der Kirchenkritiker. Calvin und seine Anhänger in Frankreich wollten die Kirche mit demokratischen Elementen versehen (Presbyter, Diakone). Sie waren strebsam und wirtschaftlich erfolgreich und sahen in diesem Erfolg ein Zeichen der Güte Gottes („Gnadenwahl“). Während das Königshaus Valois finanziell notleidend war, wurden die calvinistischen „Hugenotten“ wohlhabend und einflussreich. In dieser Situation ließ der französische König 1572 in der „Bartholomäusnacht“ Tausende Hugenotten heimtückisch ermorden. Blutige Religionskriege folgten, bis das Edikt von Nantes (1598) dem ein vorläufiges Ende setzte. In diesem Jahrhundert flohen bereits die calvinistischen französisch sprechenden Wallonen wegen der Gegenreformation aus den Spanischen Niederlanden und fanden Aufnahme in England und in deutschen Gebieten, so etwa in Hanau, wo sie die Neustadt besiedelten und als Goldschmiede, Händler und Diamantenschleifer den Wohlstand der Stadt Hanau begründeten.
Durch Ludwig XIII. und Kardinal Richelieu sowie unter König Ludwig XIV. wurde dann die Ausschaltung der Hugenotten im Absolutismus des 17. Jahrhunderts forciert betrieben. Diese standen dem Aufbau einer einheitlichen Zentralmacht im Wege, so die Mächtigen.
„Peuplierung“ als Wohlstandsfaktor
Der Dreißigjährige Krieg hatte viele Gebiete im Reich nahezu „entleert“. Es fehlte an neuer Bevölkerung. Diese Lücke schlossen nun vielerorts die protestantischen Flüchtlinge. Ein großer Teil der etwa 250 000 vertriebenen Hugenotten floh in deutsche protestantische Gebiete, so ins calvinistische Brandenburg-Preußen, das die Réfugiés gerne aufnahm. Diese revanchierten sich, indem sie die Textilproduktion und andere Gewerke voranbrachten, den Fläming urbar machten und Architektur, Kultur und Sprache bereicherten. Noch heute zeugen Orte und Institutionen wie der „Gendarmenmarkt“ und die „Charité“ sowie viele Begriffe und Wörter vom Wirken der Hugenotten in Berlin. Auch die Herren von Ysenburg bedienten sich der Hugenotten und ließen sie im zuvor waldensischen Offenbach siedeln. Eine prosperierende Walk- und Lederindustrie war die Folge. Neu-Isenburg wurde gegründet und wurde zur Heimstatt vieler Hugenotten.
Im Taunus profitierte vor allem die Landgrafschaft Hessen-Homburg von den Hugenotten, die Landgraf Friedrich II. (bekannt als „Prinz von Homburg“) systematisch ins Land holte. In Homburg zeugen davon - so Ernst- noch die Dorotheenstraße und die Louisenstraße. 1687 ließ Friedrich II. für die Flüchtlinge, darunter technisch versierte Weber und Lederfachleute, Friedrichsdorf gründen. Diese brachten die neue Stadt schnell wirtschaftlich voran und bauten wichtige Handelsbeziehungen auf.
Dornholzhausen wurde 1699 französischen Waldensern aus dem Piemont zugewiesen. Neben der Religionsfreiheit erhielten diese sieben Jahre Steuerfreiheit und durften in Schule und Kirche bis 1883 Französisch sprechen.
Im kriegsgeschädigten Nassau-Usingen wurden ebenfalls mit großem Erfolg Hugenotten angesiedelt. Auf deren Wohlstand gehe z.B. die Anlage des Grünwiesenweihers zurück. Auch in anderen Regionen Hessens wurden Reformierte heimisch, insbesondere aber im Raum Kassel, wie Eugen Ernst erläuterte. Hier ließ Landgraf Karl I. systematisch alle wüst gefallenen Dörfer durch Hugenotten besiedeln. Auch „Karlshafen“ (vorher Sieburg) wurde zur neuen Heimat von Hugenotten, die den Ort zu einem Zentrum der Textilindustrie machten und das Stadtbild bis heute prägen. Dort ließ Karl einen „Marktplatz“ in Form eines Hafens bauen und den Ort mit einem Kanal direkt an die Weser anschließen, um den Handel zu stärken und die Zollzahlungen an Hannoversch-Münden (Hannover) zu vermeiden.
So brachten die Religionsflüchtlinge vielerorts in Hessen Fortschritt und Wohlstand mit sich, für Flüchtlinge und Aufnahmeländern also eine Win-Win-Situation. Dies machte Prof. Eugen Ernst in seinem lebendigen Vortrag, den er frei hielt, mit großer Detailkenntnis an vielen Beispielen deutlich. Am Ende verriet er auch: „Ich selber bin zu 1/32 Franzose. Mein Urgroßvater war ein echter Hugenotte.“ Zum Dank für seinen erhellenden Vortrag erhielt Eugen Ernst viel Applaus und als Geschenk einen Stedter Apfelwein vom Vorstand.
Prof. Eugen Ernst beim GuK in Oberstedten. Auch nach seinem über zweistündigen Vortrag noch im Gespräch mit den Zuhörern.Foto: JNH
Prof. Eugen Ernst während seines Vortrags.Foto: Jürgen Friedrich

