Oberursel (bg). Nach der beeindruckenden Aufführung von „One World“ im vergangenen Jahr brachte die Musikhochschule Oberursel mit „Misatango“ wieder ein außergewöhnliches Werk zur Aufführung, das viele Besucher anlockte. Die Liebfrauenkirche war gut gefüllt. Sie wurde in 1960er Jahren erbaut und steht seit 1965 unter Denkmalschutz. Der Innenraum ist weit und offen gestaltet, mit Sitzbänken in U-Form rund um den Altar. Ein besonderes Wahrzeichen neben der großen Madonnenfigur aus Lindenholz von Georg Hieronymi ist die Klais-Orgel. Eine der bedeutendsten Orgeln im Rhein-Main-Gebiet. Sie wird gerade renoviert, viele Orgelpfeifen und Verbindungsteile lagerten auf Sitzbänken. Insgesamt bietet die katholische Kirche mit dem ungewöhnlichen Grundriss eines gleicharmigen Kreuzes Platz für 800 Besucher.
Der Materialmix aus Backsteinmauern, Pfeilern und Rippendecken aus Beton soll die Verbindung von Tradition und Moderne symbolisieren. Für die Tango-Messe war dieser Sakralbau eine höchst bemerkenswerte Aufführungsstätte, die große Herausforderungen an alle Beteiligten – Besucher wie Künstler stellte. Der große Raum war nicht beheizt, Finger, Stimmen und Instrumente kämpften gleichermaßen mit den niedrigen Temperaturen. Trotzdem war das Klangerlebnis, das dem dick ein gemummeltem Publikum geboten wurde, ein Musikgenuss der Extraklasse. Der Komponist von „Misatango“ Martin Palmeri wurde 1965 in Buenos Aires geboren, das Werk für Sopran, gemischtem Chor und Orchester am 17. August 1996 in seiner Heimatstadt aufgeführt. Es verbindet auf faszinierende Weise die Form einer lateinischen Messe mit dem leidenschaftlichen Stil des Tango Nuevo, der durch Astor Piazzolla weltbekannt wurde. Dabei spielt das Bandoneon eine zentrale Rolle. Es sorgt für die authentische Tangofärbung, während Klavier und Streicher den orchestralen Rahmen bilden.
Der gemischte Chor der Musikschule „CHORiosum“ hatte sich dieser großen Aufgabe mit viel Einsatz und Freude am Singen gestellt. Monatelang hatten die über 60 Sänger unter der Leitung von Holger Pusinelli für diesen Auftritt geprobt. Den Text der Messe bildet das traditionelle Messordinarium in lateinischer Sprache, mit Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei, vertont von Palmeri mit melancholischen bis leidenschaftliche Melodien. Er verbindet in seinem Werk zwei scheinbar gegensätzliche Welten: Das Heilige: Liturgie, Latein, Glauben, mit dem Menschlichen: Tango, Leidenschaft, Emotion. Seine Musik präsentierte sich sowohl geistlich als auch sinnlich und war ein gelungener Ausdruck lateinamerikanischer Spiritualität.
Das Kyrie eleison (Herr erbarme dich) ist der Bußruf zu Beginn der Messe, der gleich die Verbindung von Sakralität und Tango-Leidenschaft aufzeigte. Das strahlende Gloria – der Lobgesang an Gott – verwandelt Palmeri in einen rhythmisch mitreißenden Tango mit synkopierten Klavierfiguren, die Pianistin Yukiko Wachi perfekt darbot.
Mit ihrer wunderschönen Stimme, lyrisch zart aber auch kraftvoll schwebte Alexandra Timofeeva förmlich über dem Chorgesang beim „Benedictus“. Die mehrfach ausgezeichnete Solistin ist Gesangslehrerin an der Musikschule und verzauberte das Publikum mit der ganzen Bandbreite ihrer Stimme von Sopran bis Mezzosopran. Als wahrer Könner agierte Bandoneon-Spieler Norbert Kotzan. Mit Hingabe und Leidenschaft stellte er das gerade beim Agnus Dei (Lamm Gottes) und der abschließenden Bitte um Frieden – dona nobis pacem - meisterlich unter Beweis. Das Bandoneon in Deutschland erfunden, fand seinen Weg nach Südamerika und gilt als typisches Tango-Instrument.
Holger Pusinelli führte den Chor und die Solisten mit seinem klugen, aufmerksamen Dirigat, jeder Einsatz kam konzentriert und akkurat auf den Punkt, sicher durch dieses anspruchsvolle Werk.
Vor der Tango-Messe präsentierte sich die großartige Alexandra Timofeeva mit dem Solo aus dem „Stabat Mater“ für Sopran und Kammerorchester „Vidit suum dulcem natum“ von Giovanni Battista Pergolesi. Die Aria (Cantilena) aus „Bachianas Brasileiras Nr. 5 für Sopran, Klavier und Kammerorchester von Heitor Villa-Lobos stimmte das Publikum bereits auf die kommenden südamerikanischen Klänge ein. Beide Werke boten dem Kammerorchester „Capella Ursellis“ mit Konzertmeisterin Claudia Louise Weigand an der Spitze, die Möglichkeit sich mit ihrem Können fabelhaft in Szene zu setzen.
Am Ende des großartigen Konzertes setzten Jubel- und Beifallsstürme des Publikums ein. Es bedankte sich lange und ausgiebig bei allen beteiligten Künstlern.
Alexandra Timofeeva, stehend die Konzertmeisterin, Holger Pusinelli und Norbert Kotzan.
Solistin Alexandra Timofeeva, Holger Pusinelli, Orchester und Chor.Fotos: bg

