Oberursel (sis) – Eigentlich müsste es am vergangenen Freitagvormittag ganz still gewesen sein. Ein einzelner Marktstand. Eine Sitzbank. Sommerferien. Doch kaum bleibt Bürgermeisterin Antje Runge auf dem kleinen Marktplatz in Oberstedten mit ihrem Stand stehen, passiert genau das, worauf ihre Sommertour setzt: Menschen bleiben stehen, erzählen, diskutieren, widersprechen, erinnern sich und suchen gemeinsam nach Lösungen. Dann sagt die 93-jährige Ruth Gretler-Engel einen Satz, der an diesem Vormittag über allem stehen bleibt:
„Das einzige, was in Stedten los ist, ist nichts.“
Ein Satz, der nicht wie ein Vorwurf klingt, sondern wie eine ehrliche Feststellung. Weil sie mit ihrem Rollator keine weiten Strecken mehr zurücklegen kann und sich wünscht, dass direkt vor ihrer Haustür wieder mehr Leben stattfindet. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Schlaglöcher, Busse oder Parkplätze, sondern um eine viel größere Frage:
„Wie bleibt ein Stadtteil lebendig?“
Genau dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die dritte Station der Sommertour von Bürgermeisterin. Statt langer Erklärungen reagiert Runge unmittelbar. Sie dreht kurzerhand die Sitzbank auf dem Marktplatz ein Stück, damit Ruth Gretler-Engel sie mit ihrem Rollator besser nutzen kann. Eine kleine Geste. Vielleicht die kleinste des Tages. Aber eine, die zeigt, worum es bei der Sommertour geht: zuhören, hinschauen und dort handeln, wo es sofort möglich ist. Als die Seniorin erzählt, dass sie das Programm der Alten Wache gar nicht kennt, verspricht die Bürgermeisterin spontan, ihr die Informationen persönlich zukommen zu lassen. Peter Fuhr weist in diesem Zusammenhang auf das Café Kirche hin, das alle vier Wochen Menschen aller Generationen zum gemeinsamen Kaffeetrinken einlädt.
Ein Stadtteil sucht seinen Mittelpunkt
Je länger die Gespräche dauern, desto deutlicher wird: Viele Anliegen unterscheiden sich zwar im Detail, führen aber immer wieder zur gleichen Frage:
„Wo treffen sich die Stedtener eigentlich noch?“
Die ehemalige Raiffeisenbank steht seit 2018 leer. Viele erinnern sich noch an den Weihnachtsmarkt, der früher dort stattfand und sogar die Filiale der Bank mit einbezog. Heute wünschen sich viele Bürger, dass dieser Ort endlich wieder mit Leben gefüllt wird. Auch die geplante „Neue Mitte“ beschäftigt die Bürger. Sie wünschen sich einen Ort, an dem Jung und Alt zusammenkommen können – einen Treffpunkt mit Aufenthaltsqualität und möglichst auch einen größeren Markt. Peter Fuhr berichtet von ersten Gesprächen im Ortsbeirat. Antje Runge macht deutlich, dass die Stadt ein solches Vorhaben unterstützen könne. Entscheidend sei jedoch, dass sich ein Betreiber wirtschaftlich tragen müsse. Teilhabe beginne dort, wo Menschen sich begegnen können. Deshalb solle auch für die Sommertour im kommenden Jahr ein noch besser erreichbarer Standort gefunden werden, denn viele Oberstedtener fahren eher durch den Ort, als ihn zu Fuß zu durchqueren.
Kaum ein Gespräch ohne die Hauptstraße
Fast ebenso häufig fällt an diesem Vormittag ein anderer Begriff: Hauptstraße. Mal geht es um Tempo 30, mal um den Zustand der Fahrbahn, um Schlaglöcher, Zebrastreifen oder die Beschilderung an der Alten Wache. Ein Bürger bittet darum, die Beschilderung am Zebrastreifen zu überprüfen, damit Autofahrer die Geschwindigkeitsbegrenzung besser wahrnehmen. Willi Löw erinnert daran, dass Parkplätze früher bereits als Verkehrsberuhigung dienten. Auch die Frage, warum trotz Schulweg vielerorts Tempo 50 gilt, beschäftigt mehrere Bürger. Antje Runge sagt zu, prüfen zu lassen, ob bereits ein Antrag auf Geschwindigkeitsreduzierung gestellt wurde. Gerade deshalb habe sich Oberursel der Initiative „Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten“ angeschlossen. Ziel sei es, Kommunen künftig mehr Entscheidungsspielraum bei Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuräumen.
Emotional wird die Diskussion beim Busverkehr. Ein Bürger schildert seine Erfahrungen mit der Linie 41 und kritisiert überfüllte Busse zur Mittagszeit sowie das Fahrverhalten einzelner Fahrer. Besonders ärgert ihn, dass viele Schülerinnen und Schüler lieber die Linie 41 nutzen als die vorgesehene Schulbuslinie 49 und die Busse dadurch zwischen 13 und 14 Uhr regelmäßig überfüllt seien. Runge erläutert, dass die Stadt darauf keinen Einfluss habe und verweist auf den Betreiberwechsel ab 2027 sowie den allgemeinen Fachkräftemangel im öffentlichen Nahverkehr. Peter Fuhr bestätigt, dass starkes Anfahren und Bremsen immer wieder Thema sei.
Auch Klaus Kleemann nutzt die Gelegenheit, den Zustand der Hauptstraße anzusprechen. Immer wieder würden Schlaglöcher mit Granulat ausgebessert. Seine Forderung: lieber einmal richtig sanieren als ständig flicken. Noch während des Gesprächs greift Antje Runge zum Telefon und erkundigt sich direkt beim Bau & Service Oberursel nach dem aktuellen Stand. Eine Grundsanierung sei derzeit nicht vorgesehen, wohl aber weitere Ausbesserungen entsprechend der Prioritäten. Gleichzeitig bietet sie Kleemann an, sein Anliegen zusätzlich schriftlich an den Ersten Stadtrat Jens Uhlig heranzutragen.
Zum Ende dieses Themenblocks wird auch die Parkplatzsituation noch einmal intensiv diskutiert. Mehrere Bürger wünschen sich verstärkte Kontrollen, da Garagen häufig als Abstellräume genutzt würden und dadurch der ohnehin knappe Parkraum zusätzlich belastet werde.
Sauberkeit beginnt vor der Haustür
Nicht nur Verkehr beschäftigt die Oberstedter. Immer wieder geht es auch um Müll, überhängende Hecken, Hundekot oder nächtlichen Lärm durch Altglascontainer und das Auswechseln von Werbetafeln.
Antje Runge nutzt die Gelegenheit, erneut für den städtischen Mängelmelder zu werben. Ob Grünschnitt, verschmutzte Flächen oder überhängende Hecken – vieles könne dort unkompliziert gemeldet werden und werde zuverlässig bearbeitet. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass private Grundstücke in der Verantwortung ihrer Eigentümer liegen.
„Die Stadt kann nicht alle Themen lösen – jeder Bürger hat Eigenverantwortung.“ Ein Satz, der an diesem Vormittag mehrfach deutlich wird. Auffällig ist dabei, dass das Thema Respekt, das im Dornbachzentrum noch viele Gespräche geprägt hatte, in Oberstedten nur am Rande auftaucht – etwa beim Umgang mit den Altglascontainern oder den Hinterlassenschaften von Hunden im Äpplerpark, den die Bürgerstiftung mit großem Engagement pflegt.
Große Projekte und kleine Alltagsprobleme
Dass Hinweise aus der Sommertour weiterverfolgt werden, zeigt auch der geplante Schulgarten. Die Idee, die Willy Löw bereits bei der Sommertour im vergangenen Jahr eingebracht hatte, könnte noch in diesem Jahr Realität werden. Noch am Tag des Gesprächs nahm Antje Runge Kontakt zur LOK auf. Diese prüft derzeit, ob sie die Trägerschaft übernehmen kann – eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung des Projekts, und das Gute ist, dass der Kreis das Projekt unterstützt, berichtet Runge. Ebenso wurde der Schleichverkehr in der Gothischen Straße erneut aufgegriffen. Eine Verkehrszählung habe zwar keine Auffälligkeiten ergeben, mehr Kontrollen seien jedoch denkbar. Dass die Sommertour weit mehr ist als eine Bürgersprechstunde, zeigte sich an mehreren Beispielen. Ob Schulgarten, Gothische Straße oder Neue Mitte – vieles, was Bürger bereits bei der Sommertour im vergangenen Jahr angesprochen hatten, wird inzwischen geprüft oder weiterentwickelt. Neu hinzu kam unter anderem der Hinweis, dass Autofahrer gegenüber den Parkbuchten teilweise auf den Gehweg ausweichen. Als mögliche Lösung wurden bauliche Begrenzungen angeregt. „Die Hinweise der Bevölkerung sind wichtig – und die nehmen wir ernst“, betonte Antje Runge. Genau deshalb werde nicht nur zugehört, sondern viele Anregungen auch nach den Gesprächen weiterverfolgt.
Zwischen all den großen Themen landet auch eine klemmende Friedhofstür auf Runges Notizzettel. Ein kleines Anliegen vielleicht – aber eines, das für die ältere Dame, die den Friedhof regelmäßig besucht, eine große Bedeutung hat. Genau solche Hinweise gehören für die Bürgermeisterin ebenso zur Sommertour wie Diskussionen über Verkehr oder Stadtentwicklung.
Interesse zeigt die Runde außerdem an der Arbeit der Stadtpolizei. Auf die Frage, ob diese auch in Zivil unterwegs sei, antwortet Runge mit einem klaren Ja.
Auch Eltern wünschen sich mehr Angebote für Kinder und Jugendliche. Während die Stadt auf Bolzplatz, Basketballkorb und die Vereine verweist, sehen viele Bürger den Bedarf eher bei frei zugänglichen Treffpunkten. Früher habe es den Jugendtreff im Alten Rathaus gegeben. Runge kündigt an, hierzu eine Bürgerumfrage anzustoßen. Auch zusätzliche Spielgeräte für kleinere Kinder stehen auf der Wunschliste.
Mehr als Schlaglöcher
Natürlich ging es in Oberstedten um Busse, Parkplätze, Tempo 30, Zebrastreifen, Schlaglöcher oder Müll. Doch am Ende blieb vor allem ein anderer Eindruck. Fast jedes Gespräch führte irgendwann zu derselben Erkenntnis: Ein Stadtteil lebt nicht allein von Straßen, Gebäuden oder Parkplätzen. Er lebt von Orten, an denen Menschen sich begegnen. Als Antje Runge ihre Unterlagen zusammenpackte, blieben viele Notizen auf ihrem Block zurück: Schlaglöcher, Busse, Zebrastreifen oder Spielplätze. Doch über all diesen Stichworten schien am Ende eine einzige Frage zu stehen: „Wo treffen sich die Stedtener eigentlich noch?“ Vielleicht ist genau sie die wichtigste Aufgabe, die Oberstedten der Bürgermeisterin an diesem Vormittag mit auf den Weg gegeben hat. Denn Straßen kann man sanieren. Schilder versetzen. Bänke drehen. Einen lebendigen Mittelpunkt für einen Stadtteil zu schaffen, braucht dagegen weit mehr als Asphalt und Pflastersteine.
Wer mit Antje Runge ins Gespräch kommen möchte, trifft sie beim nächsten Austausch in Weisskirchen (Wochenmarkt) am Samstag, 1. August, von 10 bis 12 Uhr.
Bürgermeisterin Antje Runge erfüllte Ruth Gretler-Engel direkt den Wunsch und stellte die Sitzbank kurzerhand um.Foto: sis









